BuchprojektWarum Anne Frank auch heute  Jugendlichen wichtig ist

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Das Tagebuch der Anne Frank ist in mehr 70 Sprachen übersetzt und wird bis heute millionenfach verkauft und gelesen.
Das Tagebuch der Anne Frank ist in mehr 70 Sprachen übersetzt und wird bis heute millionenfach verkauft und gelesen. Arno Burgi/dpa
  • Die Liberale jüdische Gemeinde München verteilt bayernweit 3000 Exemplare einer Neuausgabe des Anne-Frank-Tagebuchs an Schulen.
  • Bei der offiziellen Übergabe an der Mittelschule Erding zeigen Schüler großes Interesse an Anne Franks Geschichte und sehen sie als Vorbild.
  • Das Buchprojekt soll angesichts zunehmenden Antisemitismus eine Begegnungskultur schaffen und jüdisches Leben in der Gesellschaft schützen helfen.
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Die Liberale jüdische Gemeinde München verteilt bayernweit eine Neuausgabe des Tagebuchs der Anne Frank. Bei der offiziellen Übergabe an der Mittelschule Erding zeigt sich: Die im KZ umgekommene 15-Jährige dient immer noch als Vorbild.

Von Regina Bluhme, Erding

„Ich habe große Angst, dass wir entdeckt und dann erschossen werden.“ Das schreibt das jüdische Mädchen Anne Frank, während es sich mit seiner Familie in einem winzigen Verschlag vor den Nationalsozialisten versteckt. Kaum ein anderes Werk steht für die Darstellung der erbarmungslosen Shoah wie das millionenfach gelesene „Tagebuch der Anne Frank“.  Was bedeutet das Buch heute Jugendlichen? Zu Besuch bei einer besonderen Schulstunde.

Für die Klassen 6a und 8a der Mittelschule Erding geht es an diesem Donnerstagvormittag nach der Pause nicht zurück ins Klassenzimmer, sondern in einen kleinen Raum im Untergeschoss. Professor C. Bernd Sucher, der Vorsitzende der Liberalen jüdischen Gemeinde München Beth Shalom, und Ludwig Spaenle, der Antisemitismusbeauftragte der bayerischen Staatsregierung, warten schon vor einer kleinen Bühne.

Im vergangenen Jahr feierte die Beth-Shalom-Gemeinde 30-jähriges Bestehen, „zu unserem Geburtstag wollen wir andere beschenken“, erklärt C. Bernd Sucher. In Zusammenarbeit mit dem Secession-Verlag Berlin werden nun in ganz Bayern insgesamt 3000 Bücher verteilt – eine Neuedition der Schriften von Anne Frank mit dem Titel „Liebe Kitty“. Es handelt sich um einen Romanentwurf von Anne Frank in Briefform an eine fiktive Freundin, basierend auf den Tagebucheintragungen.

Die offizielle Übergabe findet in Erding statt. Jeder der anwesenden Sechst- und Achtklässler erhält ein Exemplar. In seiner Klasse sei gerade Nationalsozialmus Thema im Unterricht, erzählt Schüler Eren Koc. Ihn interessiere generell die Zeit des Zweiten Weltkriegs sehr, vor allem aber, was Anne Frank, Sophie Scholl oder Georg Elser geschehen sei. „Wir können froh sein, dass wir heute in Frieden leben“, fügt ein Mitschüler hinzu. Die umstehenden Klassenkameraden nicken.

Bei der Bücherübergabe (von links): C. Bernd Sucher, Vorsitzender der Liberalen jüdischen Gemeinde, mit dem bayerischen Antisemitismusbeauftragen Ludwig Spaenle und Schülern und Schülerinnen der Erdinger Mittelschule.
Bei der Bücherübergabe (von links): C. Bernd Sucher, Vorsitzender der Liberalen jüdischen Gemeinde, mit dem bayerischen Antisemitismusbeauftragen Ludwig Spaenle und Schülern und Schülerinnen der Erdinger Mittelschule. Regina Bluhme
Eine Delegation des Anne-Frank-Gymnasiums Erding mit Lehrer Hermann Reinhard.
Eine Delegation des Anne-Frank-Gymnasiums Erding mit Lehrer Hermann Reinhard. Regina Bluhme

Die Sechstklässlerin Katharina Berger sagt, das Schicksal der Juden unter den Nationalsozialisten solle „eine Lehre sein, dass wir nicht mehr so einen furchtbaren Fehler machen sollen. Nie wieder.“ Diese Aussage berührt den neben ihre stehenden Ludwig Spaenle sichtlich. Die Frage, warum Erinnerungskultur wichtig sei, habe die Schülerin soeben beantwortet. „Mehr braucht man nicht zu sagen.“

Zu Gast bei der Bücherübergabe ist auch eine Delegation von fünf jungen Frauen der Q12 vom Anne-Frank-Gymnasium (AFG) aus Erding. Sie gehören zum Team der Anne-Frank-Botschafterinnen ihrer Schule. Dort berichten sie den fünften Klassen über das Leben und Schicksal der Namensgeberin der Schule. Die fünf Schülerinnen sind sich einig: Sie fühlen sich mit Anne Frank verbunden.

„Sie war in unserem Alter“, damit könnten sie sich mit ihr identifizieren und als reale Person vorstellen, so die jungen Frauen.  Anne Frank habe sehr erwachsen gedacht. Durch ihre Tagebucheinträge werde „das unmenschliche Geschehen greifbar“. Beeindruckend sei, dass sie nie den Glauben an das Gute im Menschen verloren habe. Damit sei sie durchaus ein Vorbild in der heutigen Zeit, „in der es nicht mangelt an Krieg, Verfolgung und Diskriminierung“. Die jungen Frauen berührt sehr, dass Anne Frank nie die Hoffnung verloren habe.

„Die meisten von euch werden noch nie einem Juden begegnet sein.“

Die Gymnasiastinnen haben drei Schautafeln mitgebracht, die am AFG im vergangenen Jahr anlässlich des 80. Todesjahrs von Anne Frank erstellt wurden. „Stell Dir vor... Du müsstet für zwei Jahre mit sieben weiteren Personen auf 50 Quadratmetern leben. Ohne den Ort zu verlassen. Großteils schweigend. Immer in ständiger Angst. Wie Du Dir vorstellen kannst, ein erdrückendes Gefühl – das wissen wir aus Annes Tagebuch.“ Eindrücklich, einfühlsam und auf Augenhöhe mit Jugendlichen vermitteln drei Schautafeln das Schicksal von Anne Frank, die 1945 mit nur 15 Jahren im KZ Bergen-Belsen umgekommen ist.

Per Powerpoint stellen die fünf AFG-Schülerinnen dann das Leben von Anne Frank vor, ihre Familie, ihr Leben im Versteck, ihren Tod im KZ. Es ist mucksmäuschenstill im Saal, alle hören aufmerksam zu. Er hoffe, sagt Schulleiter Stephan Treffler, dass die Schautafeln noch eine Weile an der Mittelschule als Leihgabe bleiben werden.

Das Tagebuch von Anne Frank sei angesichts des zunehmenden Antisemitismus „ein berührendes Zeugnis der Menschlichkeit und eine Mahnung an uns alle, jüdisches Leben in unserer Mitte zu schützen“, so formulieren es Sucher und Spaenle in einer vorab verschickten Pressemitteilung. „Es ist wichtig, dass über Judentum gelesen und diskutiert wird“, sagt Sucher in Erding. Wichtig sei aber auch, eine Begegnungskultur zu schaffen. „Die meisten von euch werden noch nie einem Juden begegnet sein“, erklärt Sucher mit Blick in die Runde. „Wenn ihr heute rausgeht und sagt: Ich bin einem Juden begegnet und der war richtig nett“, dann sei schon viel erreicht.

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