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Anlage:Goldrausch

Gold

In Krisenzeiten setzen viele Menschen auf Gold, das den Ruf hat, sehr wertbeständig zu sein. Aber auch Silber wird derzeit gekauft - obwohl der Preis gesunken ist.

(Foto: Heraeus Holding/Wolfgang Hartmann/dpa)

In unsicheren Zeiten legen die Menschen ihr Geld in einer vermeintlich sicheren Währung an, dem Gold. Auch ein Geschäft zum Goldankauf in Erding registriert eine nie da gewesene Nachfrage

"In dem Umfang gab es das noch nicht." Zurzeit ist das so ein Satz, den man zu so einigem sagen könnte, schließlich trifft er auf so einiges zu. Tobias Scherer, der Auragentum, ein Handelshaus für Edelmetalle in Erding, leitet, sagt diesen Satz. Er sagt ihn, um die Bestellungen zu beschreiben, die gerade bei ihm und seinen Mitarbeitern eingehen. Es geht um Gold-Bestellungen.

In unsicheren Zeiten suchen die Menschen nach einer sicheren Währung. Und diese ist nun einmal das Gold, wie viele meinen. Dass die Zeiten wohl unsicher sind, daran dürfte kaum jemand mehr einen Zweifel haben. Aktien befinden sich seit geraumer Zeit auf Talfahrt. Arbeitsplätze fallen weg. 2,35 Millionen Menschen befinden sich inzwischen in Deutschland in Kurzarbeit. Und niemandem scheint klar zu sein, wie es weitergehen soll. Zur Wirtschaft gehören neben Arbeitnehmern auch Selbständige und kleine Unternehmen, die gerade um ihre Existenz fürchten. Und in dieser Zeit hat Tobias Scherer mehr zu tun als je zuvor. Nicht mal zu Zeiten der Finanzkrise in den Jahren 2008 oder 2009 habe er so viel zu tun gehabt. Die Menschen kaufen Gold und Scherer sagt: "In dem Umfang gab es das noch nicht."

Am Freitag, 13. März, standen die Menschen vor seinem Geschäft Schlange. Auf den Aufnahmen der Videokamera hat er 55 Menschen gezählt. Ein Bild, das sich auch vor anderen Goldhäusern gezeigt hat: Vor dem Degussa in München warteten die Menschen in noch längeren Schlangen. "Am Freitag haben wir den Laden geschlossen", sagt Scherer. "Wir konnten es nicht mehr verantworten, dass die Menschen so dicht beieinander in der Schlange stehen." Seitdem ist sein Geschäft auf Versandhandel umgestiegen - und der explodiert, wie Scherer erzählt. "Das Bestellvolumen ist bis um das zehnfache höher als an einem normalen Tag und liegt weit über den Höchstzeiten von 2008", sagt er.

Er erzählt von Menschen, die Angst haben und die jetzt nach einer sicheren Anlage suchen. Das betreffe nicht nur Gold, die Menschen kauften auch viel Silber. Während der Goldpreis sich relativ stabil hält, ist der Preis für Silber gefallen, im vergangenen Monat allein um fast 35 Prozent. "Die Nachfrage in der Industrie bricht ein", sagt Scherer. "In China ruht die Industrie. Dort werden beispielsweise Photovoltaikanlagen hergestellt. Dafür wird Silber benötigt." Doch jetzt ist der Bedarf an Silber sehr stark gefallen und Scherer verkauft wesentlich mehr Silber als früher.

Inzwischen arbeiten er und seine Mitarbeiter bis tief in die Nacht hinein in Sonderschichten. Trotzdem kommt es zu leichten Verzögerungen von bis zu fünf Tagen. Man kann aber den Versand innerhalb von einer Woche garantieren. Um dem enormen Bedarf gerecht zu werden, hat Scherer im Freundeskreis Leute akquiriert, die in verschiedenen Schichten arbeiten können und die Edelmetalle verpacken. Unter seinen Kunden sind auch viele Neukunden, Menschen, die bislang nicht auf die Idee gekommen wären, ihr Vermögen in Gold zu investieren.

Auf seiner Webseite steht der Hinweis: "Aufgrund von aktuell stark erhöhter Nachfrage kommt es bei der Auslieferung zu Verzögerungen. Wir arbeiten mit Hochdruck alle Aufträge ab, bitte sehen Sie von telefonischen Rückfragen ab und stellen Sie Ihre Anfragen per Mail." Das macht Scherer, um den vielen Goldkäufern Herr zu werden. Drei Mitarbeiter beantworten die E-Mails. Der Rest befindet sich in der Logistik, um die Ware zu verpacken.

"In dem Umfang gab es das noch nicht. Nicht nur in der Anzahl der Käufe, sondern auch in der Höhe. Jeden Tag kommen wir in einen zweistelligen Millionenbereich", sagt der Goldhändler. Täglich bekommt er neue Lieferungen. Für ihn ist das Einbrechen der Lieferketten derzeit das größte Risiko. Aber er verspricht: "So lange wir gesund sind und die gesetzlichen Vorgaben es erlauben, halten wir die Fahne hoch. Wir werden alle Bestellungen aufnehmen und alles ausliefern."

Die Angst der Menschen kann Scherer nachvollziehen. "Viele erhoffen sich eine Sicherheit davon, Edelmetalle zu Hause zu haben. Sicher übertreibt es mancher. Es gibt auch Panikkäufe. Aber ich kann verstehen, dass die Menschen besorgt sind."

© SZ vom 24.03.2020
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