Angst vor Demenz "Oft können wir Entwarnung geben"

An Demenz Erkrankte werden am Isar-Amper-Klinikum in Taufkirchen behandelt. Chefarzt Ralf Marquard empfiehlt, sich testen zu lassen, wenn man Angst hat, erkrankt zu sein. Viele kommen erst, wenn sie schon seit Jahren eindeutige Symptome haben.

(Foto: Renate Schmidt)

Ralf Marquard ist Chefarzt am Isar-Amper-Klinium Taufkirchen. Laut einer Umfrage fürchtet sich jeder Zweite vor einer Erkrankung.

Von Regina Bluhme

Die Hausschlüssel nicht gefunden, den Herd nicht ausgeschaltet, den Friseurtermin verpasst - jeder ist mal zerstreut oder vergesslich. Aber können das Anzeichen einer Demenz sein? Jeder Zweite in Bayern fürchtet sich vor dieser Krankheit, hat eine Forsa-Umfrage ergeben. Ein Experte auf dem Gebiet arbeitet im Landkreis Erding: Ralf Marquard, Chefarzt am Isar-Amper-Klinikum Taufkirchen. Der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie informiert am Dienstag, 27. November, in Taufkirchen bei einem Themenabend über Demenz. Mit der SZ spricht der 55-Jährige über Symptome und Behandlungsmöglichkeiten - und warum Kaffeetrinker gut vorbeugen.

SZ: Herr Marquard, jeder hat schon die Schlüssel gesucht. Ab wann muss ich mir Sorgen machen?

Ralf Marquard: Grundsätzlich ist jeder Mensch mal vergesslich, wenn er zum Beispiel viele Dinge gleichzeitig tun muss oder stark unter Stress steht. Das muss noch nichts bedeuten. Wenn es aber immer wieder passiert, dass beispielsweise der Herd angelassen wird, dass wichtige Termine vergessen werden, dann sollte man aufmerksam sein. Dabei ist zu sagen, dass die wenigsten Erkrankten nur an einem Gedächtnisverlust leiden. Sie können zudem eine veränderte Persönlichkeit oder depressive Verstimmungen entwickeln, auch Psychosen, Halluzinationen oder Wahnvorstellungen. Bei diesen Symptomen kann viel geholfen werden.

Es gibt Zahlen für Bayern, die sagen, dass mehr als 240 000 Menschen an Demenz erkrankt sind.

Und deutschlandweit sind vorsichtig geschätzt 1,7 Menschen diagnostiziert. Das Risiko, an einer Demenz zu erkranken, steigt mit dem Alter und wenn Sie sich unsere Altersstruktur ansehen, dann ist in den nächsten Jahren mit einer drastischen Zunahme zu rechnen.

Ab welchem Alter steigt das Risiko?

Unter 65 Jahren ist die Erkrankung eine Rarität. Alle über 65 haben ein Risiko von sieben Prozent, bei Menschen über 90 Jahren ist es sehr, sehr hoch, es trifft circa fünfzig Prozent. Aber Sie sehen auch: Es erkranken nicht alle.

Wie viele Patienten behandeln Sie?

Vor gut zwei Jahren haben wir das gerontopsychiatrische Zentrum am Klinikum Taufkirchen eröffnet. Stationär nehmen wir dort im Jahr circa 500 Patienten auf, ambulant weit über 100.

An Ihrem Haus gibt es eine Gedächtnisambulanz. Was ist das genau?

Dort arbeitet ein Team von Ärzten, Psychologen und Fachkräften von Pflege- und Sozialdiensten. Wir beraten Betroffene und Angehörige oder Partner, wir machen dort die Testungen und, wenn nötig, auch die medizinischen Untersuchungen mit Kernspin oder Computertomografie. Wir raten allen, die sich nicht sicher sind: Scheuen Sie sich nicht, lassen Sie sich untersuchen! Die Leute kommen erst zu uns, wenn sie im Schnitt schon vier Jahre eindeutige Symptome für eine Demenz haben.

Wie kann man denn Demenz testen?

Das beginnt meist mit einem einfachen Test: Der Patient soll auf das Zifferblatt einer Uhr eine vorgegebene Zeigereinstellung einzeichnen. Nach dem Demenztest nach Sulman ist die Vorgabe "Zehn Minuten nach elf".

Klingt nicht schwer.

Aber da sind verschiedene kognitive Fähigkeiten gefragt. Bei mir war einmal ein Bauingenieur, dem hat man äußerlich überhaupt nichts angemerkt, aber er konnte die Aufgabe nicht bewerkstelligen. Zusätzlich gibt es noch weitere standardisierte Tests, da wird zum Beispiel das Datum abgefragt, die Patienten müssen Sätze schreiben oder nachsprechen oder sich Begriffe merken. Wichtig ist, dass hier eine sachkundige und objektive Abklärung einer subjektiven Wahrnehmung erfolgt. Und oft können wir auch Entwarnung geben oder feststellen, dass die Symptome zum Beispiel von einem gutartigen Tumor oder einer Schilddrüsenüberfunktion hervorgerufen werden.

Was ist, wenn sich der Verdacht auf Demenz bestätigt?

Wichtig ist zunächst, dass sich die Betroffenen und auch die Angehörigen Hilfe suchen. Wir beraten in der Gedächtnisambulanz, wir informieren über finanzielle Unterstützung für die Pflege oder vermitteln Adressen. Es gibt zum Beispiel die Alzheimer Gesellschaft, ein Verbund von Selbsthilfegruppen. Ganz klar: Die Erkrankung kann man nicht heilen. Aber man kann sie positiv mit Medikamenten beeinflussen und das sollte man auch tun.

Letzte Frage: Kann man gegen die Krankheit vorbeugen?

Körperliche Bewegung schützt, zweieinhalb Stunden in der Woche sollten es sein. Das ist wissenschaftlich relativ gut belegt. Ebenso: Geistig aktiv bleiben, zum Beispiel einem Hobby nachgehen oder Sprachen lernen. Das Gehirn sollte im Alter weiter am Arbeiten gehalten werden. Relativ neu ist die Erkenntnis, dass ausreichend erholsamer Schlaf ganz wichtig ist. Offensichtlich werden im Schlaf Abfallprodukte des Nervensystems abgebaut. Und ganz neu ist, dass besonders stark gerösteter Kaffee Stoffe enthält, die der Demenz entgegenwirken. Das gilt auch für koffeeinfreien Kaffee. Drei bis vier Tassen Kaffee am Tag schaden aus Sicht der Demenzforschung also nicht - im Gegenteil.

Der Themenabend "Demenz" beginnt am Dienstag, 27. November, um 18 Uhr im Wasserschloss Taufkirchen. Nach dem Vortrag von Ralf Marquard besteht Möglichkeit, Fragen zu stellen. Im Anschluss wird der Film "Vergiss mein nicht" gezeigt, in dem Regisseur David Sieveking das Leben seiner demenzkranken Mutter festhält. Veranstalter sind die Gesundheitsregion Plus, die VHS Erding, die AOK sowie die Deutsche Alzheimer Gesellschaft.