Amtsgericht Erding:Schlechte Vorbilder führen fast ins Gefängnis

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Schöffengericht verurteilt 58-jährigen Angeklagten wegen Kokain-Handels zu einer Bewährungsstrafe.

Von Gerhard Wilhelm, Erding

Ein Schöffengericht unter Richter Björn Schindler am Amtsgericht Erding hat einen 58-jährigen Angeklagten zu einem Jahr und sechs Monaten Freiheitsstrafe wegen des unerlaubten Handels mit Kokain verurteilt. Da es seine erste Freiheitsstrafe wegen Drogenhandels ist und der Mann geständig war, wurde die Strafe auf drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt. Ein Jahr lang muss der Angeklagte durch Drogenscreenings nachweisen, dass er clean ist. Zum Zeitpunkt der Verkäufe, Ende 2019 bis März 2020, war der 58-Jährige selber Konsument. Im Durchschnitt benötigte er damals rund ein Gramm Kokain am Tag, wie er einräumte.

Seine Drogenabhängigkeit, die finanziert werden musste, wollte der Angeklagte aber nicht als Ausrede benutzen. "Meine Schuld muss ich nur bei mir suchen", sagte der 58-Jährige. In ersten Kontakt zu der Droge sei er in seiner Ausbildung als Aufnahmeleiter beim Film vor mehr als 30 Jahren gekommen. Egal ob Kameraleute oder Regisseure, jeder habe was genommen. "Dabei waren sie für uns Halbgötter, Vorbilder", sagte der Angeklagte.

Private Probleme treiben in die Drogensucht

Private Probleme hätten ihn dann später wieder zum Kokain getrieben. Gegen den "inneren Schweinehund" sei er nicht angekommen. Und Kokain ist nicht billig. Der durchschnittliche Verkaufspreis liegt nach Abgaben des Bundeskriminalamtes bei rund 73 Euro pro Gramm. Vier konkrete Verkäufe hatte die Staatsanwaltschaft Landshut dem Mann vorgeworfen. Zwei Mal wurden zwei Gramm, einmal 3,5 Gramm und im März 2020 20 Gramm Kokaingemisch verkauft. Jeweils mit einem Anteil von 20 Prozent Kokain-Hydrochlorid.

Zu welchem Preis das Kokaingemisch verkauft wurde, ist nicht bekannt. Weder der Angeklagte noch der Hauptbelastungszeuge, ein Käufer, sagten dazu etwas aus. Über diesen war die Polizei auf den 58-Jährigen gekommen und die Staatsanwaltschaft hatte zunächst eine Telefonüberwachung beantragt. Bei seiner Verhandlung wurde der Käufer konkreter. Er sprach aber nur vom Kauf von einem Kilogramm Marihuana, das er vom 58-Jährigen erworben haben soll. Von Kokain kein Wort. Das passte aber nicht zu den Erkenntnissen, die die Polizei aus der Überwachung gewonnen hatte und es wurde eine Wohnungsdurchsuchung angeordnet.

Sein Leben wieder auf die Reihe bekommen

Der Angeklagte sagte vor Gericht, dass die anstehende Verhandlung und das drohende Urteil wie ein "Damoklesschwert" über ihm geschwebt habe. Zumal sich der Prozess hinzog. Unter anderem wegen einer Corona-Erkrankung des 58-Jährigen. Er lebe jetzt seit einem Jahr ohne Drogen und habe keine Entgiftung dazu gebraucht. Sie habe selten Mandanten, die so "selbstreflektierend" seien, sagte seine Anwältin. Er habe nicht den Kopf in den Sand gesteckt, sondern sei selber gegen seine Sucht angegangen und habe es alleine geschafft. Er sei jetzt nicht nur drogenfrei, sondern habe "sein Leben wieder auf die Reihe bekommen".

Das "Damoklesschwert" sei, dass alles, was er jetzt aufgebaut habe, vor allem sein fester Job, in Gefahr sei, sollte er ins Gefängnis müssen. Er hoffe auf eine Chance, er sei ja mittlerweile schon 58 Jahre alt. Seine Verteidigerin plädierte auf eine Freiheitsstrafe von einem Jahr und fünf Monaten - auf Bewährung. Und bewegte sich damit am unteren Rand des Ergebnisses einer zuvor erfolgten Verständigung zwischen ihr, der Staatsanwaltschaft und dem Schöffengericht, wenn sich der Angeklagte voll umfänglich geständig zeige. Was er daraufhin machte.

Positive Sozialprognose

"Er hatte die Zeit zu erkennen, was falsch gelaufen ist bei ihm", sagte die Staatsanwaltschaft in ihrem Plädoyer. Ohne Drogen zu leben, sei besser für die Gesundheit und den Geldbeutel. Gefordert wurde eine Freiheitsstrafe von einem Jahr und acht Monaten. Zur Bewährung. Der Angeklagte sei geständig, zeige Reue und und habe eine positive Sozialprognose.

Auch das Schöffengericht sah dies so. Mit seinem Geständnis habe er dem Gericht ein aufwendiges Verfahren mit Zeugen erspart. Er sei zwar zum Zeitpunkt der Taten selber abhängig gewesen, aber nicht so "krass", dass man von einer verminderten Schuldfähigkeit sprechen könne. "Das Urteil sollte Ihnen ausreichende Warnung sein", künftig straffrei zu leben, sagte Amtsrichter Schindler.

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