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Abschied in Taufkirchen:Die Ära des Gestalters

Nach 24 Jahren tritt Hofstetter nicht mehr als Bürgermeister an, will aber als Kreis- und Bezirksrat weitermachen.

(Foto: Renate Schmidt)

Franz Hofstetter tritt nach 24 Jahren nicht mehr als Bürgermeister. Er hat die Gemeinde an der Vils maßgeblich geprägt und zu einem beliebten Zuzugsort gemacht

24 Jahre, fast ein Vierteljahrhundert, hat Franz Hofstetter die Geschicke der Gemeinde Taufkirchen geführt. Er hat in dieser Zeit die Gemeinde so stark geprägt wie kein anderer Bürgermeister zuvor. Vor allem hat er sich dabei als Dienstleister der Bürger verstanden. Immer wieder hat er bei umfangreichen Bürgerbefragungen die Wünsche der Taufkirchener eruiert und sie dann zusammen mit dem Gemeinderat Schritt für Schritt umgesetzt. Parteipolitik spielte dabei nur eine untergeordnete Rolle. Taufkirchen hat sich in dieser Zeit zu einer modernen 10 000 Einwohner-Gemeinde entwickelt, in der der Zuzug enorm zugenommen hat. Taufkirchen punktet auch als Arbeitsort und mit einem breit aufgestellten, gesunden Mittelstand: Rund 3300 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte gibt es im Ort, das sind mehr als in der 15 000 Einwohner zählenden Nachbarstadt Dorfen. Und Hofstetter hinterlässt politisch ein gut bestelltes Feld: Er hat Hunderte große und kleine Projekte umgesetzt und die Infrastruktur auf den neuesten Stand gebracht. Nur Weniges ist für einen Nachfolger derzeit noch zu erledigen. Der bereits geplante Neubau der Mittelschule mit Mehrzweckhalle muss noch umgesetzt werden und irgendwie muss man das Staatliche Bauamt dazu bewegen, die von Hofstetter seit 20 Jahren vorangetriebene Ortsumfahrung auch umzusetzen. Dann wäre sein politisches Werk vollendet.

Als Hofstetter 1996 zum Bürgermeister gewählt wurde, war Taufkirchen noch ein sehr konservativer und auch rechtslastiger Ort. Hofstetter musste in die Stichwahl gehen, sein Gegenkandidat Martin Huber von den Republikanern holte fast 40 Prozent der Stimmen - ein Ergebnis, das damals bayerweit mit Kopfschütteln zur Kenntnis genommen wurde.

Danach folgte eine Ära des Aufbruchs, die unter dem Titel "Unternehmen Columbus" stand. Die Bürger sollten sich an einer Fragebogenaktion beteiligen, die über das Gemeindeblatt verteilt wurden. Der Rücklauf war enorm: Daraus ergaben sich mehr als 200 Einzelprojekte, die im Rahmen eines Kommunalmarketings und weiterer Bürgerbeteiligung in verschiedenen Gremien Schritt für Schritt abgearbeitet wurden. Und es gab dabei auch noch einen weiteren positiven Nebeneffekt: Wünsche, die keine kommunalpolitische Aufgabe waren, wurden ebenfalls öffentlich erörtert, so dass pfiffige Geschäftsleute diese Marktlücken erkannten und besetzten. So entstanden damals sehr rasch eine Buchhandlung, ein Thai-Restaurant und ein PC-Laden. Aber auch Vorschläge zum Ortsbild, zur Verbesserung des Waldbads oder die Einführung eines Bauernmarktes gingen auf dieses Projekt zurück. 2010 waren nahezu alle Projekte abgearbeitet und es kam zu einem zweiten Kommunalmarketing nach dem gleichen Muster.

Ende der 1990-er Jahre sprach Hofstetter erstmals öffentlich darüber, dass man die Infrastruktur der Gemeinde für eine Einwohnerzahl von 10 000 fit machen müsse. Teile der Bürgerschaft unterstellten ihm daraufhin Größenwahn, Taufkirchen war mit exakt 8400 Einwohnern Ende 1998 noch alles andere als eine Zuzugsgemeinde. Doch das hat sich schneller geändert, als viele gedacht haben.

Auch bei der Städtepartnerschaft mit West Chicago, Illinois, wurde an manchen Stammtischen diskutiert, ob das eine Zukunft haben könne. Vor allem ältere Gemeindebürger mit geringen Englischkenntnissen waren überzeugt, eine Partnerschaft auf so große Distanz könne nicht funktionieren. Aber sie funktionierte nicht nur bis heute, sondern durch viele persönliche Kontakte ist sie so lebendig wie kaum eine andere Partnerschaft in der Region.

Ein zentrales Anliegen war für Hofstetter die Familienpolitik. Er baute Kindergärten in Taufkirchen und Moosen und das Mehrgenerationenhaus. Hofstetter führte die Schulsozialarbeit ein. Bildungspolitisch war es ein geschickter Schachzug, das neue Rathaus zu bauen und das alte Gebäude dem Landkreis für eine Realschulerweiterung zur Verfügung zu stellen. Von den drei Gebäuden der Grund- und Mittelschule wurde eines von Grund auf saniert, das zweite abgerissen und neu gebaut und nun muss der dritte und letzte Bau, der bereits fertig geplant ist, noch realisiert werden: die Mittelschule mit Mehrzweckhalle - gemessen an den Kosten von knapp 33 Millionen Euro die größte Investition, die je in Taufkirchen getätigt wurde. Allerdings wird die damit einhergehende Verschuldung auch den Spielraum seines Nachfolgers einengen.

Erfolgreich war Hofstetter auch mit seinen Kommunalunternehmen. Als drittgrößte Kommune im Landkreis war es folgerichtig, eigene Gemeindewerke zu gründen, nachdem Erding und Dorfen mit ihren Stadtwerken gute Erfahrungen gemacht hatten. Umstritten war anfangs hingegen das Kommunalunternehmen Wasserschloss. Aber mit einer klaren Rechnung und einem Maximum an Transparenz und Bürgerbeteiligung wurde auch dieses Projekt in trockene Tücher gebracht.

Neben dem Wasserschloss hat auch das Waldbad bei den Taufkirchener Bürgern eine große identitätsstiftende Wirkung. Das Bad wurde unter Hofstetters Amtszeit komplett saniert und der Bestand wird wohl in den kommenden Jahrzehnten gesichert sein. Zuletzt wurde das Eingangsgebäude komplett saniert und erweitert. Dabei handelt es sich nicht um ein kleines Kassenhäuschen mit Umkleiden, sondern der große Komplex enthält auch noch Räume für die DLRG, den Schützenverein und den Alpenverein. Hinzu kommt, dass auf dem Waldbadgelände nun auch noch ein kleines Hallenbad, ein Lehrschwimmbecken, gebaut werden soll. In Zeiten, in denen nicht wenige Kommunen aus Kostengründen ihre Bäder schließen, ist das eine erstaunliche Entwicklung.

Man könnte noch viele Dinge aufzählen wie die Dorferneuerung Moosen, die Wohn- und Gewerbegebietsausweisungen in der ganzen Gemeinde, den Gemeindebus oder die Inklusion. Wesentlich ist dabei jedoch, dass Taufkirchen nicht zu einem Schlafort geworden ist, sondern als lebendige Gemeinde regelrecht aufgeblüht ist. Viele Familien sind in den vergangenen Jahren nach Taufkirchen gezogen, weil sich der Ort durch eine gute Infrastruktur mit noch bezahlbaren Baulandpreisen auszeichnet.

Dieses Aufblühen ist zu einem großen Teil Hofstetters Verdienst, der dabei immer bescheiden geblieben ist. Er hätte auch das Format für einen Bundestagsabgeordneten gehabt: Die Kreis-CSU wollte ihn vor ein paar Jahren als Kandidaten für den Bundestag aufstellen, aber Hofstetter hat abgelehnt: Er bleibe lieber "ein kleiner Bauern-Bürgermeister", sagte der damals der Presse. Damit wird es nun im Mai 2020 auch zu Ende sein, wenn die Ära von Franz Hofstetter im Taufkirchener Rathaus beendet ist. Aber zumindest als Kreisrat und Bezirksrat will Hofstetter weitermachen und seine Ideen einbringen.

© SZ vom 25.01.2020
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