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A94:Es wird wieder lauter

Die Situation an der A 94 ist diffus: Einige Lärmmessungen haben noch gar nicht begonnen, andere zählen witterungsbedingt nicht. Der Verkehr hatte vorübergehend etwas abgenommen auf der A94, dafür fahren die Lastwagen jetzt auch noch sonntags

Ostern ist schon wieder eine Zeitlang her. Doch Isolde Freundl denkt noch gerne zurück: "Der Ostersonntag war der Wahnsinn, fast wie früher - man hat fast nichts gehört." Isolde Freundl lebt in Lindum unweit der Isentalautobahn, die sich in einem weiten Bogen um ihren Lebensmittelpunkt zieht. Die A 94 ist rechts und links von ihrem Haus, geradeaus steht die Lappachtalbrücke. Am Ostersonntag störte das alles fast gar nicht. Doch es war nur eine Ausnahme, ein Feiertag mitten in der Hochphase des Corona-Lockdowns, eine einmalige Geschichte. Der Verkehr auf der A 94 hat seitdem Auto für Auto wieder zugenommen, und die Lastwagen fahren seit Corona auch sonntags.

"Die Lastwagen sind das Schlimmste", sagt Isolde Freundl. Das von Ministerpräsident Markus Söder (CSU) Anfang Januar bei einem Treffen mit entnervten Autobahnanliegern versprochene und im Februar schnell eingeführte Tempolimit auf dem Neubauabschnitt zwischen Pastetten und Ampfing bringt nur wenig. Am Anfang sei der Unterschied spürbar gewesen, "ein bisschen schon", sagt Isolde Freundl. Doch der Lärm der Autobahn, den die A 94-Anwohner ertragen müssen, hängt von vielen Faktoren ab.

Das Tempolimit gilt auf 32 Kilometern "versuchsweise und befristet". Am 31. Juli sollte eigentlich Schluss sein, wobei bereits bei der Anordnung der Geschwindigkeitsbegrenzung eine Verlängerung eingebaut wurde. Denn nach dem Juli "schließt sich zur Auswertung und Bewertung ein Zeitraum von etwa drei Monaten an", heißt es noch einmal auf Anfrage aus dem Innenministerium. Bis Ende Juli sollten, so war die Planung, die vom Landtag in Auftrag gegebenen Lärmmessungen vorgenommen sein. Bis das Gutachten fertig ist, darf es etwas länger dauern. Das Limit für das Tempolimit wäre also Ende Oktober. Doch ob sich das halten lässt, ist fraglich. Vielleicht gilt Tempo 120 noch länger. "Ob die bislang vorgesehene Befristung angesichts der coronabedingt zeitweise stark zurückgegangenen Verkehrsmengen ausreicht, lässt sich derzeit noch nicht abschätzen", teilt das Innenministerium mit.

Die A94 bei Außerbittlbach in der Gemeinde Lengdorf: Die Gemeinde misst dort den Verkehrslärm, doch ein erheblicher Teil der Werte darf nicht verwendet werden, weil es dabei zu witterungsbedingten Einflüssen gekommen ist.

(Foto: Renate Schmidt)

Dass eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf 120 Stundenkilometern bei Lastwagen, die höchstens 80 fahren dürfen, wirkungslos bleiben würde, ist logisch. Das Tempolimit kappt nur die Lärmspitzen der Vollgasfahrer, die bedingungslosen Highspeed für ein deutsches Menschenrecht halten. Fast 19 000 Personen unterstützen eine Onlinepetition gegen das "irrwitzige Tempolimit", das nur "wegen 50 bis 100 Anwohnern, die den zuvor nicht vorhandenen 'Straßenlärm' nicht kannten", eingeführt worden sei, heißt es in der Petition. Die Geschwindigkeitsbegrenzung auf der A 94 sei schlecht und falsch und eine "Schikane aller Pendler".

Das Tempolimit gilt "versuchsweise und befristet", weil unterdessen Lärmmessungen gemacht werden. Diese müssen auf einen Beschluss des bayerischen Landtags hin gemacht werden, da es massive Beschwerden und Zweifel daran gibt, dass die Isentalautobahn die berechneten Lärmgrenzwerte auch tatsächlich einhält.

Es gibt zwei Arten von Untersuchungen: Die Lärmmessungen an der Autobahnfahrbahn wurden im Mai abgeschlossen. Dafür waren neben der Fahrbahn Messmikrofone installiert worden, die Fahrzeuggeräusche aufzeichneten. "Die Auswertung und Aufbereitung dieser Messungen wird noch einige Wochen benötigen", teilt das für die Lärmmessungen zuständige Verkehrsministerium mit.

Die zweite Art von Messungen haben jedoch noch nicht einmal begonnen. "Die Lärmmessungen an Gebäuden haben wir derzeit noch zurückgestellt", schreibt das Verkehrsministerium - weil wegen Corona so viel weniger Verkehr war, auf allen Autobahnen, nicht nur auf der A 94. "Derzeit befinden wir uns in Abstimmungen, wann die Messungen in der aktuellen Situation am besten stattfinden können, um alltagstaugliche und wirklichkeitsgetreue Messergebnisse zu erzielen." Parallel zu den Messungen an den Gebäuden werden dann auch Zahl, Art und Geschwindigkeit aller vorbeifahrenden Fahrzeuge erfasst, die Daten sollen dann in eine abschließende Berechnung einfließen.

23 windige Tage

Die Gemeinde Lengdorf misst auch selbst den Lärm, der von der Autobahn ausgeht, zum Beispiel in Außerbittlbach und Daglspoint. Aber wenn das Wetter nicht passt, dann zählen die Ergebnisse nicht: An den 32 Tagen vom 23. Januar bis 23. Februar war es an 23 Tagen zu windig. Oder es regnete. Oder beides zusammen. Dann ist es noch lauter. Den Anwohnern nützt das wenig: Tage, an denen der Lärm witterungsbedingt noch größer ist, gehen nicht in die Berechnungen ein, weil dies den Vorgaben für Lärmmessungen nicht entspricht.

Die Gemeinde Lengdorf und die Stadt Dorfen haben schon Lärmmessungen an Gebäuden machen lassen. In Lengdorf sind die Messergebnisse auf der Homepage lengdorf.de veröffentlich. Der "Immissionstechnische Bericht" des Ingenieurbüros IFB Eigenschenk aus Deggendorf zeigt, dass verwertbare Lärmmessungen nicht einfach zu machen sind - und dass ihre Aussagekraft vielschichtig ist. In Lengdorf wurde an 32 Tagen vom 23. Januar bis zum 23. Februar an sieben Adressen gemessen, alles besonders vom A 94-Verkehrslärm belastete Anwohner zum Beispiel in Außerbittlbach oder Daglspoint. In der Zusammenfassung steht gleich das Wesentliche: Die Messergebnisse zeigen, dass es zu Überschreitungen der Grenzwerte gekommen ist - doch das passierte bei Wetterlagen, bei denen die Lärmmessungen nicht gewertet werden dürfen. An 23 der 32 Tage wehte zu starker Wind, es gab Niederschlag oder beides war der Fall. Nur an neun Tagen in diesem Zeitraum war das Wetter so, wie es für verwertbare Lärmmessungen vorgeschrieben ist.

Betrachtet man die Messungen nur dieser Tage, sind die Lärmgrenzen eingehalten. Das gibt letztlich ein schräges Gesamtbild: Bei den A 94-Anwohnern gibt es zwar immer wieder massive Überschreitungen des vom Gesetzgeber noch als erträglich angesehenen Verkehrslärms. Doch das zählt nicht, weil der Wind zu stark und die Autobahnfahrbahn nass war.

Dass das Wetter den Verkehrslärm schlimmer oder weniger schlimm macht, weiß auch Isolde Freundl. Ostwind bringt im Isental oft schönes Wetter. Doch Isolde Freundl mag keinen Ostwind mehr, weil es bei ihr daheim dann noch lauter ist. "Aber die Brücke ist das Allerschlimmste." 260 Meter lang, mit Plexiglasscheiben, die nicht einmal vorgeben, den Lärm abzuhalten. Die Scheiben haben, wie jeder leicht erkennen kann, lediglich einen optischen Zweck: Sie ermöglichen den Autofahrern im Vorbeifahren einen Blick in die sanft hügelige Landschaft, die so schön aussieht. Isolde Freundl hört den Lärm der Fahrzeuge schon, wenn sie von Osten kommend Anlauf nehmen, um über die Lappachtalbrücke zu brettern, und noch lange, wenn sie auf der anderen Seite den Watzlinger Berg hinaufrauschen, bis sie endlich hinter der Hangkante verschwinden. Das ist immer laut, bei Ostwind ganz besonders.

Ostersonntag 2020 war ein wunderbar ruhiger Tag. Mit jeder Lockerung von Coronabeschränkungen wird es nun wieder lauter an der A 94. Letztens war es so massiv, dass Isolde Freundl, um sich abzulenken und obwohl es der Rasen nicht nötig hatte, den Rasenmäher angeschmissen hat, nur weil der noch lauter ist als die A 94. Das hat ihr Erleichterung gebracht. "Aber ich kann doch nicht jeden Tag Rasenmähen", sagt Isolde Freundl.

© SZ vom 13.06.2020

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