Erding:"Der Preis war eine Initialzündung"

Ulli Büsel ist 2012 mit ihrem Jugend-Kammerorchester Violinissimo ausgezeichnet worden. Seither ging es stetig nach oben

Interview von Regina Bluhme, Erding

Erding: Das Violinissimo-Kammerensemble hat 2019 den ersten Platz beim internationalen Wettbewerb „Summa cum laude“ in Wien gewonnen.

Das Violinissimo-Kammerensemble hat 2019 den ersten Platz beim internationalen Wettbewerb „Summa cum laude“ in Wien gewonnen.

(Foto: oh)

Einer der Tassilo-Kulturpreisträger des Jahres 2012 war das Jugend-Kammerorchester Violinissimo aus Erding. Seitdem ging es Schritt für Schritt nach oben, es folgten viele weitere Auszeichnungen und internationale Konzerttourneen. Gründerin und musikalische Leiterin ist Ulli Büsel. Die Geigerin setzt dabei auf ein besonderes Konzept: Das Erdinger Orchester spielt ohne Dirigent.

SZ: Frau Büsel, wenn Sie zurückblicken: Was bedeutet der Tassilo-Preis für Sie?

Ulli Büsel: Der Preis hat einiges bewirkt. Damals war alles recht schwierig. Wir hatten noch keinen Verein, waren immer auf der Suche nach einem Probenraum und ich spielte mit dem Gedanken, aufzuhören. Und dann diese Überraschung!

Sie machten also weiter.

Ja, der Tassilo-Preis war eine Initialzündung für mich, ein Ansporn, jetzt die Vereinsgründung anzupacken und das Ganze auf andere Beine zu stellen. Alles entwickelte sich sehr gut und 2015 haben wir dann in der Kooperation mit der Kreismusikschule Erding endlich eine Heimat gefunden.

Beim Tassilo-Kulturpreis ist es dann nicht geblieben.

Bei den nationalen und internationalen Wettbewerben, an denen wir teilgenommen haben, haben wir nur erste Preise gewonnen. Zuerst sorgten wir mit unserem Konzept für einen Überraschungseffekt, doch wir konnten diese Erfolge wiederholen!

Ein Streichorchester ohne Dirigent.

Genau. Das bedeutet, dass jeder Mitspieler den anderen Stimmen sehr gut zuhören muss, die Spieler müssen sich intensiver einbringen und Verantwortung übernehmen, selbständig agieren.

Erding: Die in Österreich geborene Geigerin Ulli Büsel hat in Wien und Salzburg ihr Violine-Studium absolviert. Seit 1995 wohnt sie in Erding, wo sie sich um Nachwuchsmusiker kümmert. 2004 gründete sie Violinissimo.

Die in Österreich geborene Geigerin Ulli Büsel hat in Wien und Salzburg ihr Violine-Studium absolviert. Seit 1995 wohnt sie in Erding, wo sie sich um Nachwuchsmusiker kümmert. 2004 gründete sie Violinissimo.

(Foto: Renate Schmidt)

Das Konzept ist aufgegangen. Inzwischen hat das Orchester Konzerte von New York bis Singapur gegeben.

Ja, das ist wirklich erstaunlich für ein, ich sag jetzt mal "Provinzorchester". Aber noch Mal zurück zum Tassilo-Kulturpreis. Mein Konzept eines Spielens ohne Dirigent wurde anfangs durchaus von manchen Kollegen milde belächelt. Ich hatte da keinen leichten Stand. Nach der Tassilo-Auszeichnung hat sich das schrittweise geändert.

Inzwischen ist Violinissimo Träger des Kulturpreises des Landkreises Erding.

Darauf sind wir stolz. Wir sind sehr in Erding verwurzelt, veranstalten auch regelmäßig Benefizkonzerte. Ich suche immer den Austausch mit Künstlern aus dem Landkreis. So bereichern wir uns gegenseitig.

Wie geht es Ihnen und den jungen Musikern im Corona-Lockdown?

Ich kenne Kollegen, die jetzt ein Jahr lang nicht mehr geprobt und musiziert haben. Einige Orchester hören tatsächlich ganz auf. Es ist zum Weinen. Wir versuchen alles, um den Zusammenhalt nicht zu verlieren mit Online-Konzerten oder Challenges und Workshops per Skype. Das haben wir eigentlich sehr gut geschafft. Und die jungen Leute wollen spielen, auch wenn sie bei geöffneten Fenstern mit drei Pullis übereinander und Maske im Gesicht dastehen.

Ein paar Konzerte konnten Sie im vergangenen Jahr in Erding geben.

Anfang Mai 2020 haben wir in den Gärten von Erdinger Seniorenheimen gespielt, natürlich mit einem Hygienekonzept, das wir zuvor mit dem Gesundheitsamt abgestimmt hatten. Diese Konzerte waren wahnsinnig berührend.

Violinissimo war im Corona-Jahr 2020 sogar noch auf Auslandstournee.

Unsere Open-Air Konzertreise in die Provence war wirklich sehr emotional und wunderschön. Wir haben gemerkt, wie kostbar den Menschen ein musikalisches Live-Erlebnis ist. Im Herbst konnten wir noch die Erdinger Orgelwoche eröffnen und gaben zwei Benefizkonzerte in der Kreismusikschule. Dann war auch für uns Schluss.

Schmieden Sie überhaupt Pläne für dieses Jahr?

Momentan proben wir gerade online! Im November findet das Misatango-Festival in Wien statt, da sind wir neben internationalen Chören das einzige Orchester. Wir bringen neben der Tangomesse auch die Welturaufführung des Salve Regina von Martin Palmieri auf die Bühne. Außerdem bin ich gerade dabei, eine Tournee durch Slowenien, Kroatien und Italien im Juli zu organisieren.

Ich hoffe für Sie, dass das auch klappt.

Ich weiß, dass die Tournee wegen der Pandemie noch recht unsicher ist. Bei der Reise in die Provence wussten wir zehn Tage vor Abfahrt auch nicht, ob wir fahren können. Man muss zur Zeit einiges riskieren, aber es lohnt sich. Und ich finde es so wichtig, zu zeigen: Ein Leben ohne Musik darf es nicht geben!

© SZ vom 03.04.2021
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