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Betrug:"Die bieten mir was, die lieben mich"

Auch Sabine Meyer van den Bergh, 61, zweifelt an der Geschäftsfähigkeit ihrer Mutter. Die Auseinandersetzung um den Willen und auch das Erbe der inzwischen 86-Jährigen beschäftigte schon Gerichte und fand auch - über Boulevardmedien - schon mehrfach den Weg an die Öffentlichkeit. Sabine Meyer van den Bergh wirft einem homosexuellen Ehepaar vor, die Mutter manipuliert zu haben. "Die Herren haben meine Mutter eingelullt", behauptet die Tochter. Über einen Freundeskreis älterer Damen hätten die Männer die Witwe kennengelernt, ihr Komplimente gemacht und sie eingeladen. "Die bieten mir was, die lieben mich", habe die Mutter gesagt, erzählt Sabine Meyer van den Bergh.

Irgendwann war die Mutter sogar bereit, einen der beiden Männer zu adoptieren, "weil er ein ehrlicher, lieber Mensch ist. Und so eine traurige Kindheit hatte": So stellte es die alte Frau im Gespräch mit der Bild-Zeitung dar. Der auserkorene Adoptivsohn verteidigte sich ebenfalls öffentlich, der AZ sagte er: "Wir haben wirklich eine Mutter-Sohn-Beziehung, eine Seelenverwandtschaft, wie ich sie zu meiner leiblichen Mutter leider nie hatte." Bei seiner neuen Bezugsperson fühle er sich "geborgen und geliebt - mit Geld oder Erbschleicherei hat die Adoption nichts zu tun". So weit kam es letztlich auch nicht, ein Gericht untersagte die Adoption. Trotzdem hat Sabine Meyer van den Bergh mittlerweile keinen Kontakt mehr zu ihrer Mutter, keinen Zugang mehr zum Elternhaus.

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Nach dem Scheitern der Adoption erreichte das homosexuelle Paar, dass ihnen eine Generalvollmacht ausgestellt wurde. "Damit können die jetzt machen, was sie wollen, mein Elternhaus beleihen und über meine Mutter bestimmen", erzählt Sabine Meyer van den Bergh. Aus ihrer Sicht stellte es sich so dar: Nach und nach wurde die Mutter von ihrem alten Freundeskreis und den Nachbarn isoliert. "Und dann hieß es auf einmal: Wir sind für dich da und du bist für uns da." Die Mutter habe den Männern deren Hochzeit bezahlt, die Operation eines Hundes, teure Trachtenmode.

Als sie überzeugt davon war, dass ihre Mutter nicht mehr geschäftsfähig ist, beantragte Sabine Meyer van den Bergh, als Vormund eingesetzt zu werden. Das Vorhaben scheiterte - und wurde von der Gegenseite als Argument herangezogen, die Tochter sei offenbar nur am Geld der Mutter interessiert. Sabine Meyer van den Bergh verheimlicht nicht, dass es für sie durchaus um Existenzielles geht. 25 Jahre lang arbeitete sie im elterlichen Antiquitätenhandel mit. Da sie aber nie offiziell als Mitarbeiterin angemeldet war, hat sie keinen Rentenanspruch. Als einziges Kind ist sie eigentlich die Alleinerbin des Vermögens ihrer Eltern. Nun aber fürchtet sie: "Die verschulden mir mein ganzes Erbe! Ich weiß nicht, wovon ich im Alter leben soll. Und ich erkenne meine Mutter nicht wieder." Mehr als 80 000 Euro hat sie der Streit bisher gekostet. Noch ist sie entschlossen, weiter zu kämpfen: "Ich werde keine Ruhe lassen, bis ich die drankriege."

Konkrete Hilfe kann Schwester Bernadette nur den wenigsten betroffenen Angehörigen anbieten. "Ich darf nicht beraten, ich bin keine Anwältin", sagt sie. Aber sie hört wenigstens zu. "Ich möchte etwas vom psychischen Druck wegnehmen, dem diese Menschen ausgesetzt sind. Ich würde sogar von psychischer Gewalt sprechen." Manche würden sich zum Beispiel fragen: Hat meine Mutter mich überhaupt je geliebt? "Es ist brutal, wie die Angehörigen von den Erbschleichern auch noch niedergemacht werden. Das wird dann so gedreht, dass die Tochter sich ja sowieso nie um die Mutter gekümmert habe." Oft steht Aussage gegen Aussage und Beweise fehlten. Viele Angehörige geben den juristischen Kampf irgendwann auf, weil ihnen die Kraft fehlt oder das Geld.

Schwester Bernadette hat sich schon oft an Politiker gewandt, bisher ohne Erfolg. "Ich bräuchte als erstes ein eigenes Büro, damit ich Menschen dort empfangen und mit ihnen in Ruhe sprechen kann." Zurzeit macht sie all das nach ihrer Arbeit als Krankenhausseelsorgerin, ehrenamtlich, in ihrer Freizeit. Sie hat viele Ideen für Aufklärung und Präventionsarbeit, dafür, wie Vollmachten wasserdicht gemacht werden könnten. In den USA gibt es zum Beispiel den Tatbestand "financial abuse of elderly people", finanzieller Missbrauch von älteren Menschen, mit dem Missbrauch besser verfolgt werden kann.

Schwester Bernadette würde gern einen Runden Tisch für Betroffene anbieten. "Ich brauche jetzt dringend Hilfe, damit ich weiter helfen kann", sagt sie. Der Druck der Betroffenen sei groß, aber sie hätten keine Lobby. Viele scheuten sich, an die Öffentlichkeit zu gehen: Die alten Menschen aus Scham, die Kinder und Enkel, weil sie ihre Eltern und Großeltern nicht auch noch schlecht machen wollten. Es sind Dramen, die sich zwischen Menschen abspielen, die einander einst vertrauten.

Klaus Schmidt hätte gern seinen richtigen Namen genannt. Doch er hat Angst, dass seine Schwester ihn wegen Verleumdung verklagt. Ein Kontaktverbot hat sie bereits durchgesetzt - mit einer Anzeige wegen Stalkings.

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