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Betrug:Wie eine Ordensschwester Opfern von Erbschleichern hilft

Schwester Bernadette vom Orden der Schwestern vom Guten Hirten hilft Betroffenen in ganz Deutschland, die von Erbschleichern um ihr Geld und ihre Rechte gebracht worden sind.

(Foto: Robert Haas)

Seit einem Vorfall in ihrem eigenen Bekanntenkreis wurde Schwester Bernadette vom Orden der Schwestern vom Guten Hirten zur inoffiziellen Anlaufstelle für Betroffene aus ganz Deutschland.

Als gigantische Verzweiflung und Fassungslosigkeit beschreibt Klaus Schmidt das, was er seit sechs Jahren spürt. "Ich bin um wesentliche Teile meines Lebens betrogen worden", sagt der Mitt-Fünfziger aus dem Großraum München, der in Wahrheit anders heißt. Schuld daran sei seine eigene Schwester: Sie habe ihn nicht nur vermutlich um viel Geld gebracht, sondern auch um die Möglichkeit, so für seine Mutter zu sorgen, wie er das gewollt hätte. "Es hat mich wahnsinnig viel Kraft gekostet, zu begreifen, dass das alles wahr ist." Klaus Schmidt sagt, er sei Opfer von einer Erbschleicherin geworden - und er ist nicht der einzige.

Ungefähr 400 Fälle, die um das Thema kreisen, kennt Schwester Bernadette vom Orden der Schwestern vom Guten Hirten. Seit einem Vorfall in ihrem eigenen Bekanntenkreis im Jahr 2011 wurde sie zur inoffiziellen Anlaufstelle für Betroffene aus ganz Deutschland. Sie kümmert sich um Menschen, die um ihr Geld und ihre Rechte gebracht worden sind, weil jemand ihre Angehörigen so manipuliert hat, dass diese ihr Testament geändert oder weitreichende Vollmachten ausgestellt haben. "Das geht durch alle Schichten", berichtet Schwester Bernadette. Sie habe schon Fälle gehabt, wo es um mehrere Millionen Euro Erbe ging. Bei anderen ging es weniger ums Geld als um das Recht, sich um einen Angehörigen zu kümmern. Mal sind die Täter Fremde, die alte Leute zum Beispiel im Café ansprechen, manchmal kommen sie aus der Nachbarschaft - oder sogar aus der eigenen Familie.

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Im ersten Schritt erschleichen sich die Täter das Vertrauen ihrer Opfer, erklärt Schwester Bernadette. Dann werde die Person von ihrem bisherigen Umfeld, Nachbarn oder Freunden, isoliert. Anschließend könne sie manipuliert und unter Druck gesetzt werden, etwa mit der Drohung, sich nicht mehr zu kümmern, wenn bestimmte Bedingungen nicht erfüllt werden. "Ich vermute, dass es Leute gibt, die so was öfter machen, weil sie fast professionell vorgehen", erklärt Schwester Bernadette. "Die sind ganz raffiniert und abgebrüht." Was es Betrügern oft so einfach mache, sei die Gutgläubigkeit alter Leute, die anderen nichts Böses zutrauen. Durch Einsamkeit, Demenz oder Krankheit seien ältere Menschen leichter angreifbar.

Bei Klaus Schmidt ist es die eigene Schwester, die ihn in die Verzweiflung treibt. Er ist nur knapp ein Jahr älter als sie, ihr Leben lang hatten sie ein sehr enges Verhältnis, erzählt Schmidt. Als die verwitwete Mutter älter wird, möchte sie mit einer notariell beglaubigten General- und einer Vorsorgevollmacht dafür sorgen, dass ihre Betreuung im Alter geregelt wird. Die Kinder sollen sich laut der Vollmacht zu gleichen Teilen um die Betreuung der Mutter kümmern - mit einer kleinen Ausnahme: Falls sich die Geschwister nicht einig werden sollten, soll Klaus Schmidt der Betreuer der Mutter werden, nicht seine Schwester.

"Wahrscheinlich war das der Punkt, wo sie sich ungerecht behandelt gefühlt hat", vermutet er heute. 2013 erleidet seine Mutter einen Schlaganfall und wird mitten aus dem Leben gerissen. Kaum ist sie in der Rehaklinik, versucht Schmidts Schwester die alleinige Vollmacht zu bekommen. Sie diskreditiert ihn, streut bei der Betreuungsstelle das Gerücht, er ginge mit den Finanzen der Mutter nicht sorgfältig um. Das setzt "die Maschinerie in Gang", erinnert sich Schmidt. Der Fall landet vor dem Familiengericht.

Gleichzeitig setzt die Schwester die Mutter unter Druck, die alte Vollmacht zu ändern und sie als alleinige Betreuerin einzusetzen. "Meine Mutter kann nach dem Schlaganfall nichts mehr äußern - höchstens noch ,ja' oder ,nein' nachsprechen", sagt Schmidt. Doch von einem Psychiater, der sie begutachtet, wird sie für geschäftsfähig erklärt. Somit ist der Widerruf der alten Vollmacht und die Erstellung der neuen rechtmäßig.

400 Fälle

von Erbschleicherei haben Schwester Bernadette in den vergangenen acht Jahren erreicht. Oft kann sie wenig mehr tun, als den Betroffenen zuzuhören. Opfer gebe es in allen gesellschaftlichen Schichten, sagt sie. Der finanzielle Schaden bei dieser Form des Betrugs ist oft immens, sie kenne Fälle, bei denen es um Millionen Euro ging.

"Meine Schwester hat jetzt die Kontrolle über alles - über das Ersparte und die Unterbringung meiner Mutter", sagt Schmidt. Statt in einem betreuten Wohnen zu leben, "rotte" sie jetzt in einem Pflegeheim vor sich hin. Dafür habe sich die Schwester als erstes eine Schenkung in Höhe von 100 000 Euro vom Konto der Mutter ausgestellt. Doch das Gericht schließt den Fall ab. "Die ganzen Umstände waren denen egal", klagt Schmidt. "Wenn jemand frech genug ist, kann er mit Hilfe der Behörden so eine Situation wie die meiner Mutter ausnutzen. Da setzt der Rechtsstaat meiner Meinung nach regelmäßig aus."

Erbschleicher bewegen sich im Graubereich, in dem ein Mensch beeinflussbar, aber noch nicht geschäftsunfähig ist. Ein entscheidender Punkt bei der Ausstellung oder Änderung einer Vollmacht oder eines Testaments ist die Geschäfts- oder Testierfähigkeit. "Die Testierfähigkeit wird in Deutschland so hoch gehängt, dass man da nicht mehr drankommt", sagt Schwester Bernadette. Eine Tatsache, die auf den ersten Blick sinnvoll und beruhigend erscheint - wer möchte schon gerne vorzeitig für geschäftsunfähig erklärt werden? Doch gleichzeitig ermöglicht sie auch die Manipulation alter Menschen.