Kritik:Jeder gegen jeden

Skizzen aus Nazi-Deutschland: Eos Schopohl zeigt in München "Die Schlacht" von Heiner Müller. Ein feines Spiel mit kleinen Schwächen.

Von Egbert Tholl, München

Der Reichstag brennt. Ein Mann trifft seinen Bruder. Einst gehörten sie zusammen. Waren links. Dann geriet der eine in die Fänge der Gestapo, wurde gefoltert. Verriet nichts. Aber jetzt trägt er die Uniform der SA. Weiß nicht aus noch ein. Will, dass sein Bruder ihn, den vermeintlichen Verräter, erschießt. Der Bruder erschießt ihn. In der Mucca-Halle, wo gerade diese Aufführung, eine Koproduktion von Das Vinzenz und Theater Werkmünchen noch bis 24. Oktober zu Gast ist, trifft der Bruder, der sterben will, auf ein Kollektiv. Ihn spielt eine Frau, der sieben weitere gegenüberstehen. Sie zeigt ihnen die Wunden, die Narben. Sie diskutieren. Und erschießen ihn.

Heiner Müller schrieb über viele Jahre hinweg an seiner knappen, pointierten, klugen Szenenfolge "Die Schlacht"; 1975 kam sie an der Berliner Volksbühne heraus, lief bis 1985. Es sind Skizzen, "Szenen aus Deutschland", aus dem Nazi-Deutschland, voller Opportunisten, Überzeugungstätern. Ein Nazi tötet Frau und Tochter, weil die Russen vor der Tür stehen, dann flieht er. Ein Fleischer tötet einen abgeschossenen US-Flieger, danach blüht sein Geschäft. An der Front töten drei Soldaten einen vierten, den schwächsten, und essen ihn auf. In einen Luftschutzkeller flieht ein Soldat, will sich ergeben, wird verraten, die SS hängt ihn auf, die Russen geben dem Verräter ein Brot.

Eos Schopohl übergibt die Szenen acht Schauspielerinnen, flicht Gedichte und Geschichten von Heiner Müller dazwischen, inhaltlich hart, aber in seltsam schwebender Anmutung. Ardhi Engl macht dazu Musik, knarrende Töne auf selbstgebauten Instrumenten, zwischen denen immer wieder ein deutsches Volkslied vorbeihuscht. Oder der "alte Kamerad", den jetzt auch niemand mehr hat. Die acht singen schön, während sie Marie Nüzel choreographisch im Raum ordnet. Ein feines Spiel, sprachlich ausbaufähig, aber klug gebaut, über das Überleben, wo kein Leben in Würde möglich ist.

© SZ/chj/blö
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