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Englschalking:"Kein Land in Sicht"

Die Tiere brauchen Futter, der Zirkus benötigt dafür Spenden.

(Foto: Catherina Hess)

Der Zirkus Baldoni Kaiser ist am Cosimabad gestrandet, darf kein Programm anbieten und steht vor dem Ruin

Die warme Nachmittagssonne scheint vom blauem Himmel, Hühner und Gänse trappeln über eine matschige Wiese, ein Kamel grast gemächlich, es riecht nach Sägespänen. Diese sonnigen Frühlingswochen wären eigentlich das perfekte Zirkuswetter, erklärt Anton Kaiser, der Leiter des Zirkus Baldoni Kaiser. Doch die Esel, Lamas und Pferde dösen unter weiß-roten Zeltplanen vor sich hin, anstatt in der Manege aufzugaloppieren, das große Zirkuszelt ist bereits abgebaut. Seit vergangener Woche blieb die Bestätigung des Kreisverwaltungsreferates für die Zirkus-Vorstellungen in der Nähe des Cosimabades aus.

Die Absage von Großveranstaltungen landauf landab zur Eindämmung neuer Coronavirusinfektionen bringt auch die Zirkusse in eine heikle Lage, etwa 350 von ihnen gibt es laut Kaiser in Deutschland noch. "Kein Publikum, keine Einnahmen," sagt Kaiser lakonisch, große Rücklagen gebe es beim jetzigen Saisonstart nicht. Der Zirkus Baldoni Kaiser habe gerade erst in neue Ton- und Lichttechnik investiert, müsse noch die Kosten für das Winterquartier abbezahlen, von den laufenden Kosten ganz zu schweigen. "Allein die Tiere verbrauchen im Minimum 150 Euro an Futter täglich, ohne Tierarztkosten," erklärt Anton Kaiser. Mehr als 50 Tiere reisen derzeit mit dem Zirkus, darunter etwa eine asiatische Kampfziege und mazedonische Zwergesel. Und auch für die Platzmiete der Wiese am Cosimawellenbad würden pro Woche 500 bis 600 Euro fällig. Zwar habe sich die Stadt München erst bereit erklärt, das bisher gezahlte Platzgeld zurückzuerstatten, jetzt müsse es aber offenbar doch gezahlt werden, berichtet der Zirkus-Chef.

Der Zirkus Baldoni Kaiser ist ein langjähriger Familienbetrieb in der sechsten oder siebten Generation, organisiert wird er hauptsächlich von Anton Kaiser und seinen vier Kindern. Die vier internationalen Artisten, die als freischaffende Künstler das Programm mitgestalten, habe er bereits nach Hause schicken müssen, sagt Kaiser. Und fügt an: "Wir brauchen Hilfe. Definitiv. Das ist der finanzielle Totalschaden". Eine ähnliche Situation habe es zwar schon vor 13 Jahren bei dem Ausbruch der Maul- und Klauenseuche gegeben, auch da habe der Zirkus sechs Wochen lang ohne Aufführungen an einem Platz verweilen müssen.

"Heute ist die Situation anders: Auch nach sechs Wochen ist kein Land in Sicht". Kaisers Sorgen sind groß: Er hat Bedenken, dass das Jahr für den Zirkus gelaufen sein könnte. Der Zirkusleiter hofft deshalb auf (Geld-)Spenden, aber auch Futterspenden oder Heu von Bauern sind willkommen. Vorerst wird das Zirkusteam auf der Wiese am Cosimabad bleiben, wohin es danach geht, wisse man noch nicht.

© SZ vom 20.03.2020
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