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Englischer Garten:Typologie der Eisbach-Surfer

Jeder kennt die Welle, für Touristen sind Münchens Surfer eine Attraktion. Doch nur, wer selbst dabei ist, weiß, wie schillernd die Szene dort ist.

10 Bilder

Surfer auf dem Eisbach

Quelle: dpa

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Der Eisbach und seine Surfer gehören mittlerweile zu den Sehenswürdigkeiten Münchens wie Hofbräuhaus oder das Glockenspiel am Rathaus. Häufig drängen sich Menschentrauben an den Ufern und auf der Brücke beim Haus der Kunst. Einheimische und Touristen wollen den besten Blick auf waghalsige Tricks und wackelige Stehversuche. Doch nicht nur die Zuschauer werden immer mehr. Die Zahl der Surfer steigt seit Jahren.

Da parallel dazu nicht mehr Wellen entstehen, ist der Eisbach heute oft überlaufen und ein Sammelbecken für unterschiedlichste Charaktere. Deswegen hier ein Überblick über typische Vertreter sowie Antworten auf wichtige Fragen: Was sagen die, wenn sie mal den Mund aufmachen? Was unterscheidet Surfer von Brettlrutschern? Was machen sie nach der Surfsession, wenn sie vom Brett steigen? Und sind die sogenannten Locals wirklich so schlimm? Was Sie schon immer über Eisbachsurfer wissen wollten, aber nie fragen konnten, weil die ja immer gleich wieder ins Wasser wollen.

Eisbachsurfer in München

Quelle: dpa

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Der Local

Auf Typen wie ihn trifft man an Stränden überall auf der Welt. Als Locals bezeichnet man einheimische Surfer, die seit Urzeiten an einer Stelle surfen und sich gegenüber Neulingen nicht unbedingt sozialverträglich benehmen. Auch die Gesichter der Münchner Locals sind an manchen Tagen finsterer als verkohlter Wald. Dahinter steckt keine pure Boshaftigkeit.

Der Eisbach spielt eine zentrale Rolle im Leben der Locals und sie wollen nicht, dass er zerstört wird. Weder durch den Unfall eines Anfängers, noch durch Lifestyle-Nachahmer, die surfen, weil sie mit einem Brett unterm Arm rumlaufen möchten. Genauso wie die Steinklötze im Bachbett, ist ihr ruppiger Charme gewöhnungsbedürftig. Eine gewisse Akzeptanz kann man sich aber durch Hartnäckigkeit erarbeiten. Und wer 30 Jahre auf dem Brett steht, bekommt sogar einen Ehren-Sticker von ihnen, also eine Art Seepferdchen für Surf-Senioren.

Typischer Satz: "Verschwinde!"

Das macht er danach: Chill-Camp auf der Wiese aufschlagen. Außer bei Starkregen, Gewitter oder Schneefall, da zieht man um in die Goldene Bar.

Eisbachsurfer in München, 2014

Quelle: Robert Haas

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Der Neuling

Lange steht der Neuling am Ufer und studiert die Welle, als wäre sie ein haushoher Brecher vor der Küste Hawaiis. Dabei ist sie eher vergleichbar mit einer vereisten, auskeilenden Buckelpiste. Surfweltmeister Gabriel Medina brauchte dreißig Minuten, um einigermaßen fahren zu können. Von normalsterblichen Surfern erwartet deshalb niemand, dass es sofort läuft. Wer aber das Brett nicht steuern kann und halsbrecherische Stürze hinlegt, muss sich einstellen auf Vorträge. Über Störsteine, Surfbretter, die zu Geschossen werden, über ausgeschlagene Zähne und Schädelbrüche. Komplette Anfänger werden gleich an die Floßlände geschickt.

Typischer Satz: "Aber am Meer/an der Floßlände/Flughafenwelle kann ich es eigentlich ganz gut."

Das macht er danach: Der eine lässt es für immer bleiben, der andere wählt den steinigen Weg.

Englischer Garten in München

Quelle: dpa

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Der Überflieger

Normale Surfer können nur träumen, Tricks wie Reverse-360 oder Shove-it zu stehen - radikale Manöver, bei denen den meisten schon vom Hinschauen schwindelig wird. Die Überflieger tun es einfach, sie tricksen wild, und es sieht kinderleicht aus. Natürlich werden sie bei jeder Session dutzendfach von Touristen fotografiert.

Andere Zuschauer beschimpfen sie als gehirnamputierte Spinner. Das kann nicht ganz stimmen, denn unter ihnen sind Ärzte, Unternehmer und verantwortungsbewusste Väter. Was sie wohl gemeinsam haben, ist die Bereitschaft, unzählige Male auf die Schnauze zu fallen, bevor sich Erfolg einstellt. Und jahrelange Übung und Talent. Für Leute, die über nichts davon verfügen, muss der Anblick des Überfliegers eine Zumutung sein.

Typische Reaktion: Ratloses Schulterzucken auf die Frage "Wie lange brauche ich, bis ich das auch kann?"

Das macht er danach: nichts Besonderes.

Eisbach Surfer

Quelle: dpa

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Der ewige Brettlrutscher

Beim Surfen ist es ähnlich wie beim Skifahren. Die einen schaffen es irgendwann, schwungvolle Turns zu fahren, die anderen verharren im Stadium ambitionierten Herumrutschens. Egal, wie lang sie üben. Auf einer Skipiste lassen sich solche Zockler überholen. Am Eisbach sind alle dem hüftsteifen Brettlrutscher ausgeliefert. Ist die Schlange mal wieder besonders lang, geraten da selbst geduldige Menschen in Rage. Doch protestieren hilft nichts. Der Brettlrutscher kümmert sich nicht um Fahrdynamik oder radikale Moves. Er rutscht einfach so, wie es ihm gefällt. Wir müssen ihn uns als glücklichen Menschen vorstellen.

Typischer Satz: "Ich versteh nicht ganz, warum die mich immer auspfeifen, ich schaff es doch voll oft hin und her."

Das macht er danach: mit Surfbrett in den Biergarten und sich wenigstens dort bewundern lassen.

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Quelle: Robert Haas

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Der Floßländen-Local

An der Floßlände beim Campingplatz Thalkirchen ist das Surfen weniger gefährlich als am Eisbach. Seitdem die Welle dank eines Einbaus regelmäßig läuft, üben dort vor allem Kinder, Jugendliche und Anfänger. Es gibt aber auch erfahrene Surfer, die der Lände treu bleiben. Vielleicht gehen sie hin und wieder an den Eisbach, aber die Floßlände ist für sie das wahre Paradies. Die Lage ist idyllisch, die Pizza am Campingplatz hervorragend. Zwischen Jung und Alt, Anfängern und Könnern herrscht ein herzlicher Umgang. Zwar läuft die Welle nur während der Floßsaison von Mai bis Oktober, aber manchen Länden-Local verschlägt es auch im Winter nach Thalkirchen. Dann blickt er von der Brücke auf das dünne Rinnsal, denkt an den Sommer und stößt einen Seufzer aus.

Typischer Satz: "An der Lände gibt es noch wahren Aloha-Spirit!"

Das macht er danach: sich voll happy auf die Wiese legen und so extrem grinsen, dass er am Zahnfleisch einen Sonnenbrand bekommt.

Stadtrundgang

Quelle: Niels P. Jørgensen

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Die "Amazone"

Die "Amazone" steht in Anführungszeichen, denn wellenreitende Frauen bilden am Eisbach keine besondere Gruppe. Unter ihnen gibt es talentfreie Fälle genauso wie solche, die Tricks können. Nur Zuschauerkommentare wie "Schau hin, jetzt surft eine Frau" oder "Find' ich gut, dass Sie als Frau da mitmachen", lassen vermuten: Frauen, die auf Brettern stehen, wirken auf manche recht exotisch. Noch. In Zukunft wird sich das ändern, denn unter den Anfängern an den anderen Wellen gibt es relativ viele Mädchen.

Typische Sätze: "Ja, das Wasser ist kalt. Nein, ich hatte deswegen noch keine Blasenentzündung."

Das macht sie danach: mit dem Parkplatzwärter den neusten Klatsch austauschen.

Surfer am Eisbach

Quelle: Sonja Marzoner

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Der Social-Media-Performer

So ein Surfbrett ist formschön und ideal, um in sozialen Netzwerken zu posieren. Auf Instagram findet man unter dem Hashtag #eisbach nicht nur Fotos von Surfern in Aktion auf der Welle. Sehr beliebt sind auch "trockene" Motive. Zum Beispiel mit Brett und wehendem Haar auf dem Fahrrad (#aufgehtszumeisbach); Selfie mit Brett und einem auftrainiertem Sixpack (#workingonmygoals); Board und Neoprenhandschuhe im glitzernden Schnee (#saukaltabergeil). Wie gut diese Leute surfen, ist in den Profilen schwer zu erkennen. Aber die Likes ihrer nicht-surfenden Freunde ("Du cooler Hund!") sind ihnen gewiss.

Typischer Satz: "Ich hab mir jetzt ein wasserfestes Smartphone geholt."

Das macht er danach: ein #erschöpftaberglücklich-Selfie posten.

Eisbachsurfer bei Nacht

Quelle: dpa

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Der Unauffällige

Nicht alle ziehen am Bach eine Show ab. Die meisten Surfer möchten einfach nur ein paar Runden drehen und den Flow genießen. Dafür kommen sie gerne frühmorgens, abends oder nachts. Da es immer mehr Fahrer, aber nicht mehr Wellen gibt, ist es allerdings vorbei mit der einsamen Surf-Romantik.

An der Welle kann es morgens um sechs zugehen wie am Stachus. Der Unauffällige erträgt das gelassen. Er beobachtet die Szenerie wie ein alter Cowboy, der in eine Saloon-Klopperei unter Halbstarken geraten ist. Sobald er an der Reihe ist, schwingt er sich aufs Brett, zieht geschmeidige Turns und fährt ein bisschen länger, als es eigentlich erlaubt ist.

Typischer Satz (nur zu Gesichtern, die er länger als ein Jahr kennt): "Hi."

Das macht er danach: sich lautlos davon.

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Quelle: Robert Haas

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Der Grom

Im Englischen sind "Groms" talentierte, surfsüchtige Unter-15-Jährige. Auch am Eisbach gibt es Ausnahme-Kids, die sofort nach der Geburt zu skateboarden begonnen haben müssen. Sie springen auf der Welle mit dem Brett herum, als hätten sie nie etwas anderes getan. Außerdem sind sie laut, drängeln sich vor und nerven alle, die sich brav anstellen. Alle, bis auf die Locals, die sich zuvor noch über langweilige Brettlrutscher aufgeregt haben. "Endlich kommt hier Schwung rein", freuen sie sich, ihre finsteren Mienen hellen sich auf. Sie tadeln die Groms nicht für ihr flegelhaftes Verhalten, sondern geben ihnen Tipps, wie sie die Zuschauer am Ufer besonders schön nass spritzen können.

Typischer Satz: "Kann ich ganz kurz vor?"

Das macht er danach: Banane essen, drei Stunden weiter surfen. Mindestens.

© SZ vom 27.08.16/bhi
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