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Engagement:"Wir sind alle irgendwie anders"

Der Diakon Tom Rausch leitet die Offene Behindertenarbeit der Evangelischen Kirche. Das Wort Inklusion mag er nicht. Es gehe um Teilhabe, sagt er: Können Menschen mit Behinderung ins Kino gehen, an den Badestrand, zum SPD-Ortsverein?

Von Martina Scherf

Wenn unsere Gäste nicht kommen können, so dachten sich Tom Rausch und seine Mitarbeiter, machen wir es eben umgekehrt. Dann besuchen wir sie halt zu Hause. Und so versammeln sich an diesem sonnigen Nachmittag etwa ein Dutzend Menschen mit Handicap im Innenhof ihrer Wohnanlage im Münchner Norden zu einer kleinen Tanzvorführung. Viele im Rollstuhl, manche auf Gartenstühlen, so sitzen sie freudig gespannt auf dem Rasen und warten, bis es los geht. Dann tönt die Musik, "Holding Out For A Hero", und alle klatschen mit. "Das war ein sehr schöner Besuch", wird Sabine Riedmaier, eine der Bewohnerinnen, am Ende sagen, "vielen Dank und bis zum nächsten Mal, lieber Tom."

Die Offene Behindertenarbeit (OBA) der Evangelischen Kirche gibt es seit 50 Jahren. Sie soll es Menschen mit geistigen oder körperlichen Einschränkungen ermöglichen, sich außerhalb des Arbeitsplatzes oder der eigenen vier Wände zu treffen, Kontakt auch zu Nicht-Behinderten zu pflegen, bei Spiel, Sport, Tanz und Kulturabenden. Auch Wochenendfahrten und Urlaubsreisen organisiert die OBA. Eigentlich hätte es dieses Jahr ein großes Jubiläumsfest geben sollen. Doch seit Beginn der Corona-Pandemie, also seit mehr als einem Jahr, liegt alles brach.

"Viele Bewohner der Heime oder Wohngemeinschaften kamen kaum noch raus", sagt Tom Rausch, 50. Man merkt ihm an, dass er mit dieser Situation hadert. Die soziale Isolation sei ja schon für Gesunde schwierig. Der Diakon und OBA-Geschäftsführer und seine Mitarbeiter mussten sich also etwas einfallen lassen, um ihre Zielgruppe trotzdem irgendwie zu erreichen.

Sie haben telefoniert und Briefe geschrieben. Sie versuchten, digital mit ihren Stammgästen Kontakt zu halten, Online-Kurse anzubieten. Damit erreichten sie aber längst nicht alle. Und so erfanden sie den Partybus.

Fünf Mal gingen sie bisher auf Tour, besuchten mehrere Münchner Einrichtungen und Wohngruppen an einem Tag. Anfangs hätten sie nicht überall eine Genehmigung für ihren Besuch bekommen - obwohl sie doch nur im Freien tanzen, mit großem Abstand. Die Angst vor Ansteckung sei groß gewesen, sagt Rausch. Jetzt seien viele schon geimpft, die Situation entspannter.

Die OBA-Truppe ist inzwischen ein eingespieltes Team: die Sozialpädagogen, der Koch, die zwei jungen Frauen, die gerade ein freiwilliges soziales Jahr machen und jetzt als Front-Tänzerinnen agieren. In bunten Kostümen und Perücken tanzen sie zu den Disco-Hits. Die Show kommt an, auch die Nachbarskinder der Wohnanlage haben sich aufgereiht und tanzen begeistert mit. So könnte Inklusion vielleicht auch funktionieren - einmal die gewohnten Grenzen sprengen. Ja, sagt Tom Rausch, der das Geschehen vom Rande der Wiese aus beobachtet, das sei eine neue Erfahrung. "Jetzt sehen wir endlich mal, wo unsere Teilnehmer wohnen." Vielleicht ließe sich aus dieser Erfahrung in Zukunft noch mehr machen. "Da kriegt man gleich Lust, noch was Neues auszuprobieren."

Zwei Wohngemeinschaften der Pfennigparade bilden das Publikum für die Showtruppe. Manche filmen den Auftritt mit ihren Handys. Drei Rolli-Fahrer und - fahrerrinnen halten sich an den Händen und swingen mit. Die Leiterin der Wohngruppe übt mit einem Mann Foxtrott. Als nach einer guten halben Stunde Schluss ist, rufen alle "Zugabe", einer der schwer behinderten Bewohner drückt die Hupe an seinem Rollstuhl. Die Freude über die Abwechslung ist groß.

Die UN-Behindertenrechtskonvention besagt, dass Menschen mit Behinderung die gleichen Rechte haben wie Menschen ohne. "Ein hehres Ziel, immer noch", sagt Tom Rausch. Denn es fehlt vielerorts nicht nur an Barrierefreiheit. Auch die gesellschaftliche Teilhabe ist noch längst nicht gleichberechtigt, auch wenn sich Vieles verbessert hat. Noch immer gibt es Leute, die sich am Anblick eines behinderten Menschen im Restaurant störten. Rausch mag das Wort Inklusion nicht. Es suggeriere, dass den Menschen etwas von außen übergestülpt werde. Ein Verwaltungsbegriff. Teilhabe heißt: miteinander, auf Augenhöhe. "Die Frage ist: Können Behinderte ins Kino gehen, an den Urlaubsstrand, zum SPD-Ortsverein?"

Als die OBA vor 50 Jahren gegründet wurde, da wurden Behinderte noch weitgehend weggesperrt, "man kann es ruhig so drastisch ausdrücken", sagt Rausch. Doch im Zuge der sozialen Reformen der Siebzigerjahre gerieten auch ihre Bedürfnisse mehr ins Bewusstsein. Es begann mit Freizeitangeboten für Eltern mit behinderten Kindern, später kamen Jugendclubs, Sport- und Kulturangebote dazu. In der OBA Neuhausen gibt es jeden Tag Programm: Musik, Lesungen, politische Bildung, eine Frauengruppe, Gottesdienste und samstags Disco.

Rausch sagt, wenn man die Leute besser kennt, dann lernt man ihre Fähigkeiten und Interessen kennen und kann sie mit gleichgesinnten Nicht-Behinderten zusammenbringen. Er hat Kontakte zu Sport- und Kulturvereinen geknüpft, zur evangelischen Jugend und den Naturfreunden. Der OBA-Sportreferent habe es geschafft, dass Behinderte und Nicht-Behinderte regelmäßig in Vereinen in Unterföhring und Gräfelfing zusammen trainieren, schon seit Jahren. "Und ein paar unserer Betreuten vertreten sich inzwischen selbst in städtischen Gremien" - das ist es, was Rausch unter Teilhabe versteht.

Bespaßungsaktion der Offenen Behindertenarbeit der evangelischen Kirche

Tom Rausch ist ein positiver Mensch. Er versucht, die Grenzen zwischen Behinderten und Nicht-Behinderten abzubauen.

(Foto: Florian Peljak)

Seit sieben Jahren leitet er die offene Behindertenarbeit. Rausch war vorher in der Jugendarbeit der Evangelischen Kirche tätig. Der Unterschied sei gar nicht so groß, sagt er. "Jugendliche sind neugierig, sie wollen was lernen. Menschen mit Behinderung sind das auch." Sie seien ehrlich und direkt. Als Rausch als neuer Leiter im Café der OBA saß, sei gleich einer der Anwesenden auf ihn zugekommen und hätte gefragt: Wie heißt du? Bist du verheiratet, hast du Kinder? Die OBA wird vom Bezirk Oberbayern und der Stadt München finanziert. Doch ohne das Engagement der Ehrenamtlichen würde sie nicht funktionieren. Manche sind seit Jahren oder Jahrzehnten dabei. Einige frühere Zivildienstleistende sind noch heute ehrenamtlich aktiv. Da entstanden auch Freundschaften. Es kam schon mal vor, dass eine ehrenamtliche Betreuerin eine der Behinderten übers Wochenende mit nach Hause zu ihrer Familie nahm, um deren Eltern zu entlasten, erzählt Rausch. Und immer wieder sagten Ehrenamtliche, wie wertvoll das Gemeinschaftsgefühl sei, sie fühlten sich in der OBA wie in einer Familie. Aus diesem Gedanken heraus entstand schon in den Achtzigerjahren die erste Wohngemeinschaft von Behinderten und Nicht-Behinderten in Neuhausen. "Das sind wertvolle Begegnungen für alle Beteiligten", sagt Rausch. "Wir sind ja alle irgendwie anders."

Sabine Riedmaier ist seit 20 Jahren dabei. Sie erzählt, dass sie in Vor-Corona-Zeiten mindestens zweimal die Woche von Milbertshofen zur OBA nach Neuhausen fuhr. Sie ist Teil der Frauengruppe, auch Urlaubsreisen hat sie schon mit den Frauen unternommen. Deshalb freue sich sehr, wenn es endlich wieder weitergehe.

Tom Rausch hat viele Ideen. Er nutzte den Corona-Stillstand auch dazu, ein OBA-Magazin zu gründen. Die nächste Ausgabe, zu Weihnachten, soll dem Schwerpunkt Sexualität gewidmet sein. "Die üblichen Weihnachtsgeschichten kennen wir ja alle auswendig", sagt er. Aber dass Behinderte auch sexuelle Bedürfnisse hätten, darüber werde noch zu wenig geredet. Er sieht das Magazin, das in einfacher Sprache geschrieben ist, auch als ein Medium, in dem sich Behinderte wiederfinden. "Da kann man auch mal über Liebe, Küssen oder Anbandeln reden", sagt Rausch. Eben ganz normale Themen.

Einmal, bei einem Freizeitaufenthalt mit Übernachtung, wollten die Betreuer die Teilnehmer um 21 Uhr ins Bett schicken, erzählt Rausch. Da habe ein Teilnehmer geantwortet: "Ich bin zwar behindert, aber nicht blöd."

© SZ vom 14.05.2021
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