Engagement gegen Antisemitismus:Münchner Juden ehren Kanzlerin Merkel

Engagement gegen Antisemitismus: Laudator Arthur Schneier, Rabbiner der New Yorker Park East Synagoge, sagte über Angela Merkel, sie sei ein Segen.

Laudator Arthur Schneier, Rabbiner der New Yorker Park East Synagoge, sagte über Angela Merkel, sie sei ein Segen.

(Foto: AP)

"Sie sind ein Segen": Für ihren Einsatz gegen Antisemitismus bekommt die Kanzlerin die Ohel-Jakob-Medaille verliehen. In der Münchner Hauptsynagoge macht sie den Juden in Deutschland ein Versprechen.

Von Isabel Meixner

Nein, die Nazis haben es nicht geschafft, die Juden zu vertreiben. Nicht an jenem 9. November vor 78 Jahren und auch nicht vor 13 Jahren. Oder, um es mit den Worten von Charlotte Knobloch, der Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, zu sagen: "Hier sind wir - und wir bleiben!"

Das ist wohl die wichtigste Botschaft, die von den Feierlichkeiten zum zehnjährigen Bestehen der Ohel-Jakob-Synagoge am Mittwochabend ausgeht: Der 9. November - jener symbolträchtige Tag, an dem 1938 die Grausamkeiten gegen die jüdische Bevölkerung in Nazi-Deutschland begannen - wird nicht denjenigen überlassen, die sich der menschenfeindlichen Ideologie Adolf Hitlers verpflichtet sehen. Und auch nicht jenen, die 2003 sogar einen Anschlag auf die Grundsteinlegung der Synagoge geplant hatten. Stattdessen feiert eine florierende jüdische Gemeinde sich und ihre Hauptsynagoge im Herzen der Münchner Innenstadt.

Zu diesem Anlass wurde Bundeskanzlerin Angela Merkel mit der Ohel-Jakob-Medaille in Gold ausgezeichnet dafür, dass sie "wie keiner ihrer Amtsvorgänger in unverrückbarer Entschlossenheit, Eindeutigkeit und Glaubwürdigkeit, beherzt und kämpferisch an der Seite der jüdischen Menschen in Deutschland und des Staates Israel" stehe.

Knobloch dankte der Kanzlerin für den Rückhalt in schwierigen Momenten, etwa in der Beschneidungsdebatte: "Sie stehen schützend vor uns und verhindern, dass unser Glaube und unser Vertrauen in dieses Land verloren geht." Knobloch wiederholte einen Satz des Rabbiners Steven Langnas, den dieser vor neun Jahren geäußert hatte: ",Hier kommt Angela, ein Engel.' - Ja, das sind Sie für uns. Heute dürfen wir danke sagen."

Wer einen Blick auf Knoblochs Leben wirft, versteht diese tiefe Dankbarkeit all jenen gegenüber, die sich für das Judentum in Deutschland eingesetzt haben. Knobloch war sechs Jahre alt, als sie an der Hand ihres Vaters in der Pogromnacht durch München irrte. In ihrer Rede erinnerte sie sich an den dunklen Rauch aus der Synagoge, an ihre eigene Verzweiflung, ihre Tränen - und an die vielen untätig zusehenden Menschen. Es war der Auftakt zur systematischen Entrechtung, Entmenschlichung und Ermordung von Juden in Deutschland.Knobloch überlebte den Holocaust versteckt auf dem Land, ihre Großmutter wurde deportiert und im KZ ermordet.

Doch inzwischen ist das jüdische Leben wieder in der Mitte Münchens angekommen. Erst kürzlich hat ein jüdisches Gymnasium eröffnet. "Sie hätten allen Grund gehabt, diesem Land den Rücken zu kehren", sagte Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) an Knobloch gerichtet. "Unsere jüdischen Mitbürger sind unverzichtbarer Teil unserer Gesellschaft, und ich möchte nochmal bekräftigen: Sie sind der fünfte Stamm Bayerns."

Auch die geehrte Bundeskanzlerin Angela Merkel gab den Juden in Deutschland ein Versprechen: "Die jüdischen Gemeinden werden mich immer an ihrer Seite haben." Deutschland sei es den Opfern der Schoa schuldig, "dass wir uns entschieden gegen die heutigen Bedrohungen durch Hass und Antisemitismus wenden". Und an Knobloch gewendet sagte Merkel: "Es ist ein Schatz, Sie kennengelernt und auch viele Gespräche geführt zu haben."

Der Antisemitismus ist längst wieder da

Aussagen wie diese bedeuten den Juden in München viel, das zeigt sich in den Reden bei den Feierlichkeiten zum zehnjährigen Bestehen der Synagoge. Denn allen Anwesenden ist klar: Es gibt ihn immer noch, den Hass auf Juden, und er wird wieder stärker. "Ich hätte nie gedacht, dass ich es noch erleben muss, dass ich dem Antisemitismus noch einmal so ins Gesicht blicken muss", sagte etwa Rabbiner Arthur Schneier, Oberrabbiner der Park East Synagoge in New York und Präsident der Appeal of Conscience Foundation.

Auch Knobloch kommt auf die aktuellen Ereignisse zu sprechen. "Es ist absolut nicht hinzunehmen, dass ein verurteilter Rechtsterrorist, der die Grundsteinlegung zu dieser Synagoge in ein Blutbad verwandeln wollte, behütet und beschützt mit einer Horde anderer Neonazis bei Pegida aufmarschiert - zwei Tage vor diesem 9. November", so Knobloch. Am Montag hatte Pegida München vor der Feldherrnhalle demonstriert. Im vergangenen Jahr waren sie am 9. November auf den Odeonsplatz gezogen.

Für Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) ist die Synagoge daher auch ein Symbol, dass München neuem Antisemitismus widersteht. Er sei sich sicher, dass "unsere Stadtgesellschaft keinen Fußbreit weichen wird, wenn Rassisten und Antisemiten pöbeln, lügen, hetzen und zu Gewalt aufrufen". Ministerpräsident Seehofer versicherte: "Wir tun alles Menschenmögliche, damit unsere jüdischen Bürger sich in Bayern sicher und zu Hause fühlen - heute und in Zukunft. Das verspreche ich Ihnen."

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