Energiewende Stadtwerke suchen Second-Hand-Windparks

Die Stadtwerke München haben vielerorts in Windparks investiert. Hier ein Rad im Park im Havelland.

(Foto: SWM)
  • Bis 2025 wollen die Stadtwerke so viel Ökostrom produzieren, wie München an Strom verbraucht.
  • Um dieses Ziel zu erreichen, muss in Windparks investiert werden, neue Anlagen rechnen sich allerdings nicht.
Von Pia Ratzesberger

Die Stadtwerke München (SWM) sind eigentlich für neue Windparks bekannt. Im ganzen Land betreiben sie mehr als 100 Windkraftanlagen, dazu kommen Windräder unter anderem in Norwegen, in Frankreich, in Schweden, auch in der Nordsee. In den vergangenen Jahren aber ist es für einen kommunalen Konzern wie die Stadtwerke immer schwieriger geworden, neue Windparks zu kaufen, deshalb investieren sie jetzt in "Secondhand-Windparks", also in schon bestehende Parks. Und sie haben eine Tochterfirma gegründet, die sich mit Absicht sehr hanseatisch anhört: Hanse Windkraft.

Um die 45 Prozent des Stroms der Stadtwerke kommen aus der Windkraft, um neue Parks aber konkurriert der Konzern mit Pensionsfonds und Versicherungen, "die absurd hohe Preise zahlen", wie Florian Bieberbach sagt, der Geschäftsführer der SWM. Die Idee ist jetzt, alte Parks aufzukaufen und sie teils mit neuen, effizienteren Windrädern auszustatten. Das Ganze soll dem Ziel der SWM dienen, bis zum Jahr 2025 so viel Ökostrom zu produzieren, wie ganz München an Strom verbraucht. Bisher schafft man in etwa die Hälfte.

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Es ist zudem eine gute Zeit, um Besitzern von Windparks einen Verkauf anzubieten, denn in den kommenden Jahren werden viele von ihnen nicht mehr vom sogenannten Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) profitieren. Das EEG hat zum Ziel, den Strom aus Wind und Sonne und anderen Energien zu stärken, der Betreiber eines Windparks erhält deshalb nach dem EEG einen festen Cent-Betrag für jede Kilowattstunde, die er ins Stromnetz einspeist, und muss nicht mit schwankenden Marktpreisen rechnen. Allerdings nur 20 Jahre lang, dann läuft die Förderung aus. Und das ist jetzt bei vielen der Fall.

Um solche Windparks aufzukaufen, hat der SWM-Konzern im März ein eigenes Tochterunternehmen gegründet, und es ist kein Zufall, dass sich der Name Hanse Windkraft nordisch anhört. Sitz der Gesellschaft ist Hamburg, die meisten Angebote für Windparks kamen bisher auch aus Norddeutschland. Der Geschäftsführer Christoph Dany ist gerade dabei umzuziehen, er wird der einzige Abgesandte der Stadtwerke in Hamburg sein, Mitarbeiter aus der Zentrale werden ihm zuarbeiten. Bei den Stadtwerken dachte man sich, dass es im Norden besser ankommen wird, wenn sich einer von Hanse Windkraft vorstellt, um einen Windpark zu kaufen, als wenn jemand von einer Firma kommt, die klar in Süddeutschland zu verorten ist.

Bei Hanse Windkraft haben sich in den vergangenen eineinhalb Monaten zwölf Betreiber gemeldet, die gerne verkaufen würden. "Die haben durch das EEG bisher 9,1 Cent für ihren Strom bekommen und würden von 2021 an auf den Börsenstrompreis von unter drei Cent fallen", sagt Dany. Es geht vor allem um kleine Windparks, oft von Familien betrieben. Manchmal besitzen sie nur ein einziges Windrad.

Mit den niedrigeren Strompreisen von der Börse könnten manche von ihnen vielleicht gerade einmal die Kosten decken, um die Anlage zu betreiben. Neue Windräder aber schaffen heute die dreifache Leistung der 20 Jahre alten Windkraftanlagen - und die Stadtwerke haben das Geld, um solche Parks umzubauen, sie können das Risiko streuen. "Etwa 20 Prozent" der gebrauchten Parks wolle man erneuern, sagt Dany, in diesen Fällen könne man sich auch vorstellen, mit den Betreibern zusammenzuarbeiten. Ansonsten aber wolle man stets komplett kaufen.

Nicht überall können neue Windräder aufgestellt werden

Bis zum kommenden Jahr wolle man mindestens zehn Megawatt Leistung durch die gebrauchten Windparks gesammelt haben - ein modernes Windrad schaffe heute im Schnitt um die drei Megawatt. Wenn die Stadtwerke einen alten Windpark umrüsten, kann es also sein, dass für die gleiche Leistung nur noch drei Windräder aufgebaut werden müssen statt vormals zehn.

Allerdings wird man nicht an jedem Standort alte durch neue Windräder ersetzen können. Das hat mit den umliegenden Häusern zu tun. Die Regeln haben sich geändert, in Bayern zum Beispiel muss der Abstand zwischen einem Windrad und dem nächsten Haus mindestens zehnmal so groß sein, wie das Windrad hoch ist, das gibt die sogenannte 10-H-Regel vor. Vor 20 Jahren aber, als die ersten Windparks gebaut wurden, war das noch anders. Und deshalb passt ein neues, höheres Windrad heute manchmal nicht mehr in einen alten Park.

SWM-Geschäftsführer Bieberbach sagt: "Wenn die gebrauchten Windparks einen erheblichen Beitrag leisten sollen, müssen es mehr als zehn werden." Christoph Dany, der Geschäftsführer der Hanse Windkraft, verhandelt gerade mit den Betreibern. Er will bald mit dem ersten Kauf durch sein.

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