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Energiewende in München:Volle Windkraft voraus

Windpark vor Bremerhaven: Global Tech I.

(Foto: Henthorn)
  • Die Stadtwerke München wollen künftig die gesamte Stadt mit grünem Strom versorgen. Dazu müssten sie allerdings 7,5 Millionen Terawattstunden bereitstellen.
  • Um dies zu schaffen, investiert der Betrieb in große Projekte außerhalb München, etwa in Windparks in der Ostsee.
  • Momentan erzeugen die Stadtwerke etwa ein Drittel des Bedarfs aus regenerativen Quellen.

Wenn man München etwas vorhalten möchte, dann vielleicht das: München ist nicht Kopenhagen. Denn Kopenhagen peilt für das Jahr 2025 an, als erste Hauptstadt klimaneutral zu sein: Sie will nur so viel Kohlendioxid ausstoßen, wie Parks und technische Anlagen binden können. Kopenhagen will das Wasser reiner machen, Müll vermeiden. Und die Stadt will so viel erneuerbare Energie produzieren, wie sie selbst und der Großraum verbrauchen. Und vor allem: Kopenhagen wird all dies vor der eigenen Haustür erreichen. Mit dem Wind der Ostsee, an der sie liegt, und mit der schier unerschöpflichen Wasserkraft, aus der auch andere skandinavische Großstädte wie Oslo schon seit Jahrzehnten Energie gewinnen.

Sind die Stadtwerke München (SWM) also Aufschneider? Ist die Rede von der so vorbildlichen Münchner Energiewende übertrieben, das angeblich einzigartige Ziel, als erste Millionenstadt so viel grünen Strom produzieren zu wollen, wie ganz München verbraucht, gar nicht einmalig?

Errichterschiffe heißen die großen Kähne, die die Bauteile aufs Meer bringen und in den Boden treiben.

(Foto: SWM)

Die Isar ist nicht die Ostsee

Die Antwort beginnt mit einer unverrückbaren Erkenntnis - und mit einem strategischen Nachteil: München liegt nicht am Meer, sondern an der Isar, in der Nähe befinden sich weitere Flüsse, deren Strömung sich München schon seit der Wende zum 19. Jahrhundert zunutze macht. Und in München weht, wie in großen Teilen Südbayerns, deutlich weniger Wind als in Mittel- und Norddeutschland. Die Sonne scheint öfter als in Hamburg, aber nicht so stark wie in Spanien.

Wind, Wasser, Sonne und Biomasse zusammengenommen, kann es München also nicht schaffen, den gesamten Strombedarf der Großstadt aus erneurbaren Energien zu decken: Alle Fernseher und Kühlschränke, alle U- und S-Bahnen, alle Fertigungsbänder in Fabrikhallen am Laufen zu halten, dazu ist eine Menge Strom nötig, nämlich 7,5 Terawattstunden - eine Zahl mit zwölf Nullen.

Ein Drittel des Bedarfs ist bereits gedeckt

So viel grünen Strom in eigenen Anlagen und Beteiligungen zu erzeugen, hat der Münchner Stadtrat seiner Tochter, den wirtschaftlich eigenständigen SWM, 2008 aufgetragen. Jetzt ist ein Ziel erreicht, das sich Politik und Unternehmen damals als Zwischenetappe gesetzt hatten, und das die SWM feiern: Seit Mai liefern all diese neuen Projekte so viel grünen Strom, wie die Bürger in ihren Wohnungen, die U-Bahn und Elektroautos verbrauchen. Zehn Jahre vor Erreichen der Zielgeraden ist ein Drittel des Bedarfs gedeckt: 2,5 Terawattstunden grünen Strom speisen die SWM nun in das europäische Netz ein.

Kohlestrom Schmutziges gutes Geschäft
Report
Heizkraftwerk Nord

Schmutziges gutes Geschäft

Die Stadtwerke rühmen sich für den Ausbau der erneuerbaren Energien. Im Heizkraftwerk Nord aber wird tonnenweise Kohle verfeuert. Umweltschützer fordern die Umstellung auf Gas, doch im Rathaus sieht man das anders.   Von Dominik Hutter

Dieses muss man sich wie einen großen See vorstellen. In diesen See speisen die Konzerne dort Strom ein, wo sie ihn herstellen. Und sie nehmen ihn dort wieder heraus, wo ihre Kunden ihn verbrauchen. Kritiker bemängeln, dass der Münchner Strom nur zu einem kleinen Teil in der Region München entsteht: Etwa aus Wasserkraft, der stärksten regionalen Energiequelle, kommen gerade einmal 0,35 Terawatt, der Solarstromanteil ist minimal - und an der Autobahn neben der Allianz-Arena dreht sich einsam Münchens einziges Windrad. Im jetzigen Energiemix kommen noch mehr als 1,4 Terawattstunden aus Kohlestrom.

Atomstrom soll wegfallen

Schlimmer noch: Mehr Strom als aus allen erneuerbaren Projekten zusammengenommen kommt derzeit zwar noch aus der Region, jedoch aus einer Quelle, die bald abgeschaltet wird und die so gar nicht passt zu Münchens grünem Konzept: aus dem Atomkraftwerk Isar II, das voraussichtlich 2022 vom Netz gehen wird. Allein um den wegfallenden Atomstrom zu ersetzen, braucht es aber wahre Energiemassen. Um die zu erzeugen, geht das Unternehmen einen anderen Weg, und der führt weit weg von München. In den Norden, vor die deutsche, dänische und walisische Küste und zu Windparks auf hoher See. Er führt aber auch nach Ostdeutschland, nach Frankreich, nach Spanien, wo die SWM an den größten europäischen Wind- und Sonnenenergieparks auf Land beteiligt sind. Es sind Großprojekte mit klingenden Namen - und mit weit mächtigeren Partnern.