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Energieversorgung:Jetzt soll es fließen

Könnten Besitzer von Fotovoltaikanlagen ihren Strom speichern, könnten sie viel Geld sparen. Das Münchner Start-up Voltstorage hat dafür nun eine kühlschrankgroße Flussbatterie entwickelt und hofft auf das ganz große Geschäft

Auf das Problem stieß Michael Peither auf dem Dach seines Elternhauses in Olching, vier Jahre ist das in etwa her, und es ist seitdem noch gewachsen. Dort hat die Familie eine Fotovoltaikanlage montiert. Sie produziert Strom, und wenn sie ihn ins Netz einspeist, bekommt sie dafür eine festgelegte Vergütung. Für neue Anlagen sinken die Sätze Jahr für Jahr: Im Moment bekommt man nur noch etwa zwölf Cent pro Kilowattstunde. Zugleich wird es immer teurer, Strom aus der Steckdose zu kaufen, wenn die eigene Anlage gerade keinen liefert - derzeit liegt der Preis bei 29 Cent. Je weiter die Schere auseinandergeht zwischen geringem Ertrag beim Einspeisen und hohen Kosten beim Zukaufen, desto wichtiger wird die Frage, die der Vater von Michael Peither seinem Sohn im Jahr 2014 stellte: "Wie können wir die Solarenergie vom Dach speichern und dann nützen, wenn wir sie brauchen?" Es war diese Frage, die dazu geführt hat, dass Michael Peither nun in Obersendling an einer Weltneuheit arbeitet. Und damit vielleicht vor dem Durchbruch steht.

Damals studierte er noch Elektrotechnik an der Technischen Universität München. Er recherchierte ein wenig und musste seinem Vater bald erklären: Übliche Batterien haben mehrere Haken. Meist bestehen sie aus schwer entsorgbarer Bleisäure oder Kobalt, das oft auf bedenklichem Weg aus dem Kongo kommt. Zudem sind sie teuer. Und ihre Kapazität sinkt mit der Nutzung, wie jeder Handybesitzer weiß.

Also ging Peither in den Keller seines Elternhauses und schraubte selbst an einer sogenannten Redox-Flow-Batterie herum. Diese besteht, vereinfacht gesprochen, aus zwei Tanks für verschiedene Flüssigkeiten. Dazwischen liegt eine Membran, die nur Ionen durchlässt, also elektrisch geladene Atome. Beim Aufladen der Batterie fließen die Ionen in den einen Tank, beim Entladen in den anderen - und bringen so Strom zum Fließen. Die Energiedichte solcher Flussbatterien ist zwar nicht einmal halb so groß wie die von Lithium-Ionen-Akkus - das macht sie für Handys und Autos zu sperrig. Doch im Keller der Peithers war Platz kein Problem. Zugleich haben Flussbatterien mehrere Vorteile: Sie benötigen keine seltenen Rohstoffe, können leicht recycelt werden und nutzen sich praktisch nicht ab. Somit wären sie eigentlich ideal, um Stromnetze bei viel Sonnenschein und überschüssiger Energie zu entlasten. Nur für den Hausgebrauch gibt es noch keine zu kaufen.

Beim Experimentieren stieg Peithers Begeisterung so schnell, dass er bald ein Urlaubssemester nahm und dann vor ungefähr drei Jahren zwei Uni-Freunde mit an Bord holte: den Management-Studenten Jakob Bitner und den Maschinenbauer Felix Kiefl. Ihnen kam zugute, dass Flussbatterien keine neue Erfindung sind und entsprechende Patente kürzlich ausgelaufen waren. Große Industrieanlagen hatten sich bereits bewährt, insbesondere in Asien. Nun wollten die drei Studenten sie auch für Privathaushalte herstellen.

23 Mitarbeiter hat Voltstorage inzwischen. David Bauske zum Beispiel kümmert sich um die Steuerungselektronik der Batterie.

(Foto: Robert Haas)

"Voltstorage" nannten sie ihr Start-up. Für ein Jahr bekamen sie eine Förderung der EU, beendeten nebenbei ihr Studium und suchten dann einen Investor. "In Deutschland haben wir leider niemanden gefunden", erinnert sich Bitner, der die geschäftlichen Aufgaben übernahm. Aber ein US-amerikanischer Investor gab den Münchnern einen sechsstelligen Dollar-Betrag. "Also sind wir für vier Monate ins chinesische High-Tech-Cluster Shenzhen gegangen, um mehr über die Entwicklung und Herstellung von Flussbatterien zu lernen und passende Zulieferer zu suchen." Mittelfristig wollten die drei Gründer aber in ihre Münchener Heimat zurück, wo sie Anfang 2017 ihr Büro im städtischen Gewerbehof in Obersendling bezogen.

Inzwischen tüfteln dort 23 Mitarbeiter. Einige sind Uni-Freunde aus Bayern, andere Spezialisten aus China, Brasilien, Frankreich oder den USA, sodass die meisten Englisch miteinander sprechen. Die Stimmung ist familiär und unkompliziert; wenn einer, so wie Antonin Boudon an diesem Tag, am Vorabend zu viele Enchiladas zubereitet hat, bringt er sie mit, ein anderer radelt schnell noch zum Supermarkt und holt einen Salat - und dann isst man gemeinsam. Weine aus dem elterlichen Gut bei Bourdeaux hat Boudon auch öfters mal dabei, ansonsten aber untersucht er in einem der Labore Reaktionszellen, die auch die Membran der Batterie enthalten. Die müssen normalerweise zu mehreren aufeinandergestapelt und gut abgedichtet werden. "Wir haben einen Weg gefunden, auf Dichtungen zwischen den Zellen zu verzichten", erläutert er. So müssten die Batterien nicht mehr gewartet werden.

Einige Meter weiter testet sein Kollege David Bauske die Steuerungselektronik der Batterie. Er kannte einen der Firmen-Gründer aus dem Studium, als sie gemeinsam beim Wettbewerb "Formula Student" ein Rennauto bauten. Nach seinem Master-Abschluss heuerte Bauske zunächst bei Daimler an. "Aber als ich gehört habe, dass Voltstorage einen Informatiker sucht, wollte ich da gleich hin." Sein Gehalt sei bei Daimler deutlich höher gewesen. "Aber hier sollte ich die gesamte IT der Firma und der Batterie designen - das ist eine wahnsinnige Challenge." Eine große Herausforderung also. Zudem bekam er Anteile an dem Start-up. Ist das Unternehmen erfolgreich, würde sich sein Jobwechsel auch finanziell auszahlen.

Michael Peither, Felix Kiefl und Jakob Bitner (von links) haben das Start-up Voltstorage gegründet.

(Foto: Robert Haas)

Das wird sich maßgeblich ein paar Räume weiter entscheiden. Hier montieren zwei Mitarbeiter gerade das Grundgerüst für die Produktion, in dessen Mitte ein sogenannter Sechs-Achs-Knickarm-Roboter steht. Seit zwei Monaten haben sie den erst, es ist eines der ersten Modelle weltweit, die der Hersteller Kawasaki ausgeliefert hat. Der Roboter kann in unterschiedlichste Richtungen greifen und bleibt auch bei vielen Wiederholungen extrem präzise. "Mit der Anlage können wir als erstes Unternehmen weltweit Redox-Flow-Batterien maschinell und damit günstig herstellen", schwärmt Gründer Bitner. 1000 Batterien möchte er hier im kommenden Jahr bauen; damit sei man der Konkurrenz etwa zwei Jahre voraus.

An diesem Mittwoch wird er eine Batterie, die in Kürze zu kaufen sein wird, erstmals der Öffentlichkeit vorstellen. Auf der EES in München, Europas größter Fachmesse für Energiespeicher. Dort steht Voltstorage auch als eine von zehn Firmen im Finale des jährlichen EES Award. "Für uns als Start-up ist das der Hammer", jubelt Bitner.

Die Daten der Batterien sind vielversprechend: Sie sind so groß wie ein kleiner Kühlschrank, speichern 6,8 Kilowattstunden Strom, also etwa so viel, wie ein Vier-Personen-Haushalt in zwölf Stunden benötigt. Und sie kosten 6999 Euro. Damit bringen sie fast Autarkie: Haushalte, die eine Solaranlage ohne Batterie haben, decken etwa ein Viertel ihres Bedarfs mit dem selbst produzierten Strom. Mit der Batterie von Voltstorage ist der Anteil rund dreimal so hoch. "Da amortisiert sich der Kauf nach zehn bis 15 Jahren", rechnet Bitner vor. Das Potenzial der Idee erkennen wohl auch immer mehr Kunden. So wurde vergangenes Jahr etwa die Hälfte der Fotovoltaikanlagen in Deutschland mit Speicher installiert. Wenn es nach Bitner geht, sind bald viele darunter von Voltstorage. Und dann könnte Boudon aus einem seiner nächsten Frankreich-Urlaube statt Wein auch mal ein paar Flaschen Sekt mitbringen.

© SZ vom 20.06.2018
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