Süddeutsche Zeitung

Endlich: Wechsel im Kulturreferat:Nun ist er da, der Neue

München freut sich darauf, dass Kultur wieder verwaltet wird. Wurde auch Zeit: Denn Lydia Hartl schien sich in der Burgstrasse verschanzt zu haben. Der Neue, Hans-Georg Küppers, wird schon sehnsüchtig erwartet.

Franz Kotteder

Der Abschied gestaltete sich kurz und, nun ja: schmerzlos. Am Mittwochmittag bat Lydia Hartl alle Beschäftigten in das Foyer des Münchner Kulturreferats an der Burgstraße und sprach genau zwei Sätze: Sie werde jetzt gehen und wünsche allen viel Glück.

Von 16 Uhr an gab es dann noch im Amtszimmer der Referentin die Gelegenheit zum warmen Händedruck. Es gab kein rauschendes Abschiedsfest wie unlängst beim Ausscheiden der Stadtbaurätin Christiane Thalgott, und Oberbürgermeister Christian Ude hielt auch keine würdigende Ansprache mehr.

Münchens Kulturreferentin verlässt ihr Amt heimlich, still und leise. Die letzten Monate tauchte sie kaum noch auf im Kulturausschuss des Stadtrats, war auf Dienstreise, krank gemeldet oder in Urlaub. Damit war der Endpunkt erreicht im schwierigen Verhältnis zwischen der 51-jährigen Professorin, die in Medizin und Psychologie promoviert hat, und der Stadt.

Zuletzt hatten auch jene Kulturpolitiker, die Hartl lange Zeit unterstützen mussten, weil sie sie im Herbst 2000 gewählt hatten, keine Scheu mehr, ihre Amtsführung zu geißeln. Und hört man sich dieser Tage bei Stadträten jeglicher Couleur um, dann ist die Erleichterung über das Ende der Hartl-Zeiten groß und die Vorfreude auf den neuen Mann, Hans-Georg Küppers, geradezu euphorisch.

Die SPD-Kultursprecherin im Rathaus, Ingrid Anker, etwa jubiliert: "Wir sind sehr froh, dass wir jetzt jemanden haben, der mit Verwaltung umgehen kann und zur Kommunikation mit den Angestellten, den Künstlern und der Politik fähig ist."

Na ja, denkt man sich, das sind ja nun eigentlich die Minimalanforderungen, und da wird der Küppers dann wohl ein leichtes Spiel haben. Kulturdezernent ist er in Bochum ja lange genug gewesen, acht Jahre nämlich, um zu wissen, wie eine Stadtverwaltung tickt.

So gesehen ist es durchaus programmatisch, wenn er seine Amtszeit gleich am Sonntag mit einem Einsatz beginnt, der eher in den Bereich "Mühen der Ebene" fällt: Er hält die Hauptrede beim Festakt zum 25-jährigen Bestehen der Volkshochschul-Außenstelle im Stadtteil Pasing, und seine Festrede trägt den Titel: "Wie viel Volkshochschule braucht die Stadt?"

Bei allem Respekt für die Leistungen dieser Institution: Der Glanz-und-Glamour-Faktor hält sich da in Grenzen, und man kann einigermaßen gesichert davon ausgehen: Hans-Georg Küppers wird nicht sagen, Volkshochschulen seien vollkommen überflüssig.

Der 52-jährige promovierte Germanist Küppers will damit wohl ein Signal setzen: dass er bereit ist zur Kärrner-Arbeit und sich für nichts zu schade sein will. Das hört man gern in München, nach sechs mageren Jahren, in denen sich die Referentin mit wenigen Vertrauten zuletzt in der Burgstraße verschanzt zu haben schien.

Nun ist er da, der Neue

In der Stadtverwaltung trug die Kulturbehörde schon seit einiger Zeit den Spitznamen "Ministery of Fear", weil der Umgang der Referentin mit ihrem Personal nicht sehr motivierend gewesen sein soll. Hartl hatte das Referat von Anfang an wie einen Lehrstuhl führen wollen, an dem man seine Assistenten nach Belieben feuern kann, und schließlich eine Organisationsreform durchgeboxt, seit der in der Münchner Szene kaum noch jemand weiß, wer eigentlich zuständig ist für sein Anliegen.

Dabei konnte Hartl durchaus gewinnend sein im persönlichen Umgang, und bei ihrem Amtsantritt im Juli 2001 erwartete man sich beinahe Wunderdinge von ihr. In der politischen Praxis aber versagte die parteilose, intelligente und hochgebildete Akademikerin fast komplett.

Nicht nur, dass sie sich schon nach einem Jahr im Amt heimlich um eine Professur für Medienkunst in Linz bewarb und erst einmal ziemlich herumeierte, als diese Tatsache durch die SZ bekannt wurde.

Auch ihre Amtsführung war zeitweise desaströs: Mal ließ sie Millionenbeträge für die Kunst im öffentlichen Raum verfallen, dann schlug sie die Schließung von bis zu neun der 26 Münchner Stadtteilbibliotheken vor, was nur durch ein Bürgerbegehren und ein Gegenkonzept aus den Reihen des Stadtrats verhindert werden konnte.

Mit ihrem Vorschlag, mitten in den gröbsten Sparzeiten ein neues und teures Medienkunstlabor einzurichten, erlitt sie ebenso Schiffbruch wie mit wiederholten Versuchen, ihr unliebsame Personen an der Spitze von Festivals oder städtischen Kultureinrichtungen loszuwerden.

Nun ist er da, der Neue

Ihre meist einsamen Entscheidungen wollte der Stadtrat selten mittragen, und eigentlich hatte sie nur einmal den richtigen Riecher, als sie nämlich Bernhard Purin im Alleingang zum Gründungsdirektor des neuen Jüdischen Museums der Stadt machte. Dass dieses Haus trotz der Sparzwänge überhaupt gebaut werden konnte, zählt die Referentin ebenfalls zu ihren Erfolgen.

In der Münchner Presse wurde Hartls Amtstitel schon früh und regelmäßig mit dem Attribut "glücklos" verziert, was aber eigentlich noch beschönigend ist. Denn in Wahrheit hat der gebürtigen Münchnerin gar nicht das Glück gefehlt, sondern schlicht die Fähigkeit, die Aufgaben ihres Amts richtig einzuschätzen.

München sieht sich immer noch als heimliche Kulturhauptstadt Deutschlands, Kultur ist hier ein bisschen wichtiger als anderswo, und die Protagonisten der Szene wollen geschätzt und gepflegt werden. Lydia Hartl sah sich jedoch eher als Vordenkerin denn als Dienerin der Szene. Und leider dachte sie manchmal gleich so verquer vor, dass ihr niemand mehr folgen wollte.

Da ist Hans-Georg Küppers ganz anders gestrickt. Er gilt als still und effektiv, will auch erst einmal gar nicht groß von irgendwelchen kulturpolitischen Visionen reden, sondern spricht davon, dass er seine Konzepte mit den Akteuren am Ort erarbeiten will.

In Bochum, sagt er, habe er damit nur die besten Erfahrungen gemacht. Und tatsächlich ist seine Bilanz recht positiv, Küppers gilt in der Ruhrgebietsstadt als diplomatisch geschickter Netzwerker, der die Kultur vom Luxusverdacht befreit und wieder zum wichtigen Politikthema gemacht hat.

Erst im vergangenen Jahr war er vom Bochumer Stadtrat einstimmig für weitere acht Jahre zum Kulturdezernenten gewählt worden, bevor ihn der Ruf nach München ereilte. Das sagt schon etwas aus über einen Kandidaten mit Parteibuch - Küppers ist Sozialdemokrat.

Noch vor wenigen Jahren hätte man einen wie Küppers in München, das ja auch eine Stadt des schönen Scheins ist, vielleicht als ideenarmen Apparatschik belächelt, ohne weiter nachzudenken. So einer mag sich vielleicht mit Verwaltung auskennen, aber er hat gewiss keine Ahnung davon, wie man der ohnehin schon strahlenden Kulturszene der bayerischen Metropole zu noch größerem Glanz verhelfen kann.

Zu den positiven Auswirkungen von Lydia Hartls Amtszeit gehört immerhin, dass die Münchner diese milde Arroganz inzwischen weitgehend abgelegt haben.

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Quelle:
SZ vom 26.6.2007
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