Kritik:Schluss mit bunt

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Kritik: Hanna Eichel und ein Chor in OP-Kitteln in einer erst einmal immer farbiger werdenden Szenerie.

Hanna Eichel und ein Chor in OP-Kitteln in einer erst einmal immer farbiger werdenden Szenerie.

(Foto: Jan-Pieter Fuhr)

"Das Ende der Schöpfung" das Staatstheater Augsburg interpretiert Haydns Oratorium neu.

Von Andreas Pernpeintner, Augsburg

Eine Erkenntnis dieses Premierenabends von "Das Ende der Schöpfung" am Staatstheater Augsburg ist, wie hervorragend Joseph Haydns Oratorium "Die Schöpfung" als Musiktheater funktioniert. Haydns Musik ist prägnant. Die Augsburger Philharmoniker unter der Leitung von Ivan Demidov spielen sie griffig und präzise. Hinzu tritt der formidable Chor, der im szenischen Kontext sogar die Fuge am Ende des zweiten Teils ganz hervorragend meistert. Ja, es gibt sehr gelungenes Musikhandwerk zu bewundern. Das gilt auch für das Solistenensemble, für Young Kwon mit seinem ansprechenden Bass und für Pascal Herington als beredten Tenor. Sopranistin Jihyun Cecilia Lee ist an diesem Abend erkältet. Sie tritt als stumme Version ihrer selbst auf, spielt, markiert die Lippenbewegungen. Der Gesang aber kommt aus dem Orchestergraben: von Katja Stuber für Haydns Musik, von Evgeniya Sotnikova für die neukomponierten Teile des Sopranparts. Wie gut das funktioniert, sogar bei Terzetten, ist beeindruckend.

Neukomposition ist der Kern dieses Musiktheaters. Was hier geboten wird, ist ja nicht nur die Inszenierung (Regie: André Bücker) eines Haydn-Oratoriums. Es ist die Uraufführung einer "überschriebenen" und bis zur Apokalypse erzählten "Schöpfung". Der Komponist Bernhard Lang hat Haydns Werkteile Nr. 1 und 2 mit elektronischer Klangverfremdung durchwirkt und einen neuen dritten Teil (anstelle des Garten Eden) angefügt. Ein Werkkonzept, das keine Schonkost ist.

Nach der Pause wird es düster: Der Mensch zerstört sich und seine Welt selbst

Je weiter die Schöpfung voranschreitet, desto bunter wird die vom Chor in OP-Kitteln und von zwei großen Bücherregalen geprägte Szenerie. Die zunächst weißen, gleichsam unbeschriebenen Bücher werden bunt. Mittendrin wird der live musizierte Haydn mehrmals gestoppt und per Loopeffekt verfremdet. Damit werden kommentierende Sprechepisoden (köstlich gespielt von Hanna Eichel, Paul Langemann und Nadine Quittner) eingeläutet, die sich etwa mit Skurrilitäten wie der Frage, ob kleine Scotch-Flaschen einen Korken oder einen Schraubverschluss haben sollten, befassen. Was das genau bezweckt? Unterhaltsam ist's - und reflektiert klug wirkt es auch.

Nach der Pause - der Höhepunkt der Schöpfung mit großem Halleluja ist noch gar nicht erreicht - ist das Bunte der Düsternis gewichen. Soldatisch anmutende Gewänder. Extremitäten, die zu einer Leiche zusammengesetzt werden. Von André Bücker nach Jean Paul und Lord Byron erdachte Texte anstatt des Originallibrettos. Lang statt Haydn. Lang hat hierfür eine rhythmisch kraftvolle Partitur für klassisches Instrumentarium und viel Schlagwerk erschaffen, die die Ausdrucksmaxima ohne Hemmungen ausreizt. Das klingt grausig beängstigend und ist fröstelnd gut komponiert. Der Mensch zerstört sich und seine Welt selbst. Zurück bleiben ein Mann und eine Frau, die sich in Leichensäcke einpacken.

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