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Ende der Münchner Räterepublik:Eine Blutspur durch die Stadt

Soldaten der Roten Armee mit einem Minenwerfer in München, 1919

Sie sind chancenlos, aber hier noch frohen Mutes: Angehörige der Roten Armee ziehen nahe dem Stachus einen Minenwerfer durch die Straßen.

(Foto: Scherl/SZ-Photo)

Bei den Kämpfen zwischen Soldaten, Freikorps und Rotarmisten vor genau 100 Jahren sterben mehr als 600 Menschen. Auch viele Zivilisten, die als vermeintliche Revolutionäre umgebracht werden.

Von Christian Schlodder und Jakob Wetzel

Im Zweifel wird geschossen - und das bekommen nicht zuletzt die Kirchen zu spüren. Etwa die evangelische Matthäuskirche, die im Jahr 1919 mittig auf der Sonnenstraße steht. Rotarmisten mutmaßen, auf ihrem Turm könnte ein Artilleriebeobachter der Regierungstruppen sitzen, der die Kämpfe am nahen Stachus verfolgt. Die Regierungstruppen wiederum vermuten, die Kommunisten könnten ein Maschinengewehr nach oben getragen haben. Also nehmen beide Seiten den Kirchturm unter Feuer, einen ganzen Tag lang. Am Ende landet ein Geschütz zwei Volltreffer. Dabei ist der Turm leer, wie später eine eigens eingerichtete Untersuchungskommission feststellt.

"Bei dem gefahrvollen Charakter der Straßenkämpfe und dem damit verbundenen Wirrwarr" sei eben "sehr viel aus Nervosität und auf Grund scheinbarer Wahrnehmungen geschossen" worden, schreiben die Münchner Neuesten Nachrichten entschuldigend. Doch die Matthäuskirche ist nicht die einzige, die von Roten und Weißen beschossen wird. Die Heiliggeistkirche trifft es ebenso wie die Bennokirche. Letztere gerät ins Visier von Artillerie, die Geschütze zielen auf imaginäre Scharfschützen. "Freilich zum Mißbehagen der Bevölkerung", so die Zeitung. Diese sei nämlich der Meinung, "daß die Aushebung solcher Schützennester auch auf andere Weise möglich sein müsste".

In München herrscht Bürgerkrieg: Am 1. Mai 1919 sind Regierungssoldaten und Freikorps in die Stadt eingedrungen, jetzt toben die Kämpfe mit Pistolen und Maschinengewehren, mit Minenwerfern und Artilleriegeschützen. Vergeblich haben die Anführer der Roten Armee noch versucht, das Blutvergießen zu vermeiden: Der Oberkommandierende Rudolf Egelhofer etwa hat in seinem Tagesbefehl angeordnet, die Waffen niederzulegen. Es hilft nicht.

Am Stachus fallen Schüsse, gegen elf Uhr attackieren Weiße Truppen eigenmächtig die nördlichen und östlichen Stellungen und marschieren ins Zentrum. Bei der Roten Armee und den bewaffneten Arbeitern bricht Panik aus. Noch etwa 2000 Mann stellen sich dem Kampf gegen die Konterrevolutionäre. Eine Führungsstruktur gibt es nicht mehr. Die Rotarmisten verteidigen sich isoliert und auf eigene Faust. Manche verschanzen sich, lange aber halten sie nicht durch. Gegen die gepanzerten Wagen, Mörser und Artilleriegranaten der Regierungstruppen bricht ihr Widerstand bald zusammen.

Die Münchner Gegner der Räterepublik freuen sich über den Einmarsch der Regierungstruppen. Vor der Universität wird der Philologe Victor Klemperer Zeuge von Verbrüderungsritualen zwischen Soldaten und Bürgern. Am frühen Nachmittag wehen auf den zentralen Gebäuden in der Altstadt und in Schwabing weiß-blaue statt rote Fahnen gehisst. Doch während Klemperer noch die Volksfeststimmung auf der Ludwigstraße genießt, kommt es nur wenige Hundert Meter weiter zu ersten Massakern. Am Monopteros und auf offener Straße werden Rotarmisten erschossen. Während Menschen an der Ludwigstraße in Cafés sitzen, werden vor der Feldherrnhalle Gewehre für spontan ausgehobene konterrevolutionäre Bürgerwehren ausgegeben. Die Jagd auf Spartakisten, wie die Anhänger der Räterepublik von den Regierungssoldaten genannt werden, hat begonnen. Manfred von Killinger, der später für die Nationalsozialisten im Reichstag sitzen wird, schreibt, nachdem er als Soldat mit seinem Freikorps München betreten hat: "Mit den Köpfen dieser Leute werden wir noch einmal die Straßen pflastern."

Doch geschlagen sind die Rotarmisten noch nicht; sie ziehen sich in Arbeiterviertel wie Haidhausen und Giesing zurück. Aus Möbeln, Fuhrwerken und Bierfässern werden dort Barrikaden errichtet. Vor allem in Giesing, einer Hochburg der Kommunisten, wird am 2. Mai erbittert gekämpft. Fünf Freikorps mit knapp 2500 Mann rücken ein. An der Heilig-Kreuz-Kirche fallen Schüsse, viele Menschen sterben, auch Zivilisten. Freikorps und Regierungstruppen überlegen nicht lange, sondern schießen auf jeden, der sich auch nur am Fenster blicken lässt. Auch mit Artillerie wird geschossen, Am Nachmittag erreicht ein Panzerzug den Südbahnhof.

Am Abend des 2. Mai ist Giesing erobert. Anderswo kommt es noch vereinzelt zu Gefechten, dann ist München in der Hand der Regierungssoldaten. Das Bild von der "Roten Festung", die erstürmt worden sei, ist überzeichnet. Doch der Kampf hat eine Blutspur durch München gezogen. Mehr als 600 Menschen sterben bei den Kämpfen zwischen Roten und Weißen, mehr als die Hälfte von ihnen Zivilisten, die als vermeintliche Revolutionäre von Regierungstruppen oder Freikorps kurzerhand umgebracht wurden. Die Dunkelziffer aber ist hoch; die Schätzungen gehen auseinander, sie reichen jedoch bis hin zu insgesamt mehr als 1000 Toten. Statt der Räte herrscht jetzt das Standrecht.

© SZ vom 30.04.2019/infu
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