Emma Portners Uraufführung am Staatsballett„Ich fühle mich wie das Poster-Girl of Change“

Lesezeit: 3 Min.

Die kanadische Choreografin Emma Portner wollte schon immer vieles anders machen – und näherte sich über den Pop und den Film dem klassischen Ballett an.
Die kanadische Choreografin Emma Portner wollte schon immer vieles anders machen – und näherte sich über den Pop und den Film dem klassischen Ballett an.
Miljana Bernal

Immer noch eine Ausnahme in der männlich geprägten Tanzwelt: Am Bayerischen Staatsballett bringt Emma Portner ein eigenes Stück zur Uraufführung. Die junge, queere Choreografin hadert damit, dass ihre Arbeit immer wieder auf das Geschlechter-Thema reduziert wird.

Von Rita Argauer

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Es ist ein grauer Sonntagvormittag, die kanadische Choreografin Emma Portner kommt aus dem Bühneneingang des Nationaltheaters – die dunklen Haare schlicht zurückgebunden, sie trägt eine große Brille. Zurückhaltend wirkt sie, nicht exzentrisch. Ihre Rolle hier aber ist besonders: Sie hat ein Stück choreografiert, das nun bei der Weihnachtspremiere des Bayerischen Staatsballetts uraufgeführt wird. Das ist die Oberklasse der Tanzwelt, für Portner das erste Mal, dass sie überhaupt in Deutschland arbeitet.

Ihr Stück, „Megahertz“, wird gerahmt von William Forsythes „Blake Works I“ und Maurice Béjarts „Boléro“. Auch das sind Schwergewichte des modernen und postmodernen Tanzes. „Ich fühle mich geehrt, ich bin stolz, dass mein Stück hier aufgeführt wird“, sagt Emma Portner. Kurze Pause. Und: „Aber ich stehe hier zwischen zwei Männern. Und das passiert die ganze Zeit: Ich bin die einzige Frau, hier sogar in der ganzen Spielzeit“.

Es ist ein alter Konflikt, das Drama der begabten Frau. Es ist immer noch die Ausnahme, wenn eine Frau, insbesondere eine junge, auf einer solchen Position agiert. Es braucht überdurchschnittliches Talent, um als Frau überhaupt an eine solche Position zu kommen. Und es braucht auch eine wirkliche Lust daran, die Dinge anders zu machen.

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Dieses Anders-Machen prägt Emma Portners Biografie und ihren künstlerischen Weg. In Kanada geboren, begann sie jung mit dem Balletttraining, zu dem sie ihre Mutter angemeldet hatte. Sie mochte das Tanzen – gleichzeitig habe sie aber auch immer ihre Brüder um deren athletischere Sportarten wie etwa Hockey beneidet. Als Teenager bekam sie die Chance, zur Bühnentänzerin an der Schule des National Ballet of Canada ausgebildet zu werden. Sie lehnte ab. Weil sie spürte, dass andere Tanzstile wie Jazz, Stepptanz oder das Improvisieren und das selber Kreieren herunterfallen würden, wenn sie den klassischen Weg einschlagen würde.

Anstatt im Anschluss an eine Bühnenkarriere selbst mit dem Choreografieren zu beginnen, wie das meist der Fall ist, wusste Emma Portner also schon als Teenager, dass sie selbst Stücke erschaffen wollte. Und so fand sie einen ganz anderen künstlerischen Stil, als sie ihn in der klassischen Ballettwelt erfahren hätte. Sie lernte im Pop, in der Indie-Szene, später beim Film und beim Musical. Übernahm, nachdem sie mit 17 Jahren nach New York gezogen war, die „Movement Direction“ für mehrere Musikvideos, unter anderem von FKA Twigs oder Justin Bieber, und veröffentlichte eigene Tanzvideos.

Sie wirkte als Bewegungsdarstellerin an Filmen und Serien wie „Ghostbusters: Afterlife“ oder „The Umbrella Academy“ mit. Erst später kam sie wieder zurück zur klassisch geprägten Ballettwelt, für die sie nun Stücke erarbeitet, die ganz anders wirken. Sie arbeitet genau, sie recherchiert penibel. Ihr klassischer Hintergrund verschaffte ihr in der Pop- und Filmwelt eine Sonderstellung. Und mit einer gewissen Lässigkeit in den Bewegungen, die sie im Pop gelernt hat, mischt sie nun die klassischen Compagnien tänzerisch auf.

Das Medieninteresse an ihr, einer jungen, queeren Frau, die mit dem Schauspieler Elliot Page verheiratet war, ist dementsprechend groß. Sie sei die Einzige, die im Rahmen der Staatsballett-Premiere um Interviews gebeten werde, erklärt sie, „ich fühle mich wie das Poster-Girl of Change“. Dabei sei ihr Geschlecht doch eigentlich das am wenigsten Interessante an ihrer ganzen Arbeit. Und doch ginge es dann öfter um ihre Rolle als jüngere Frau (sie ist 30) in dem immer noch überwiegend männlich geprägten Choreografen-Rondell.

Hier spiegeln sich die alten Hierarchien. „Einen Mann fragt keiner, wie es so ist, als Mann zu choreografieren“, sagt Emma Portner, die das sichtlich leid ist. Früher habe sie da sehr ehrlich darauf geantwortet, mittlerweile sehe sie das anders. „Der einzige Grund, warum mein Stück ein zutiefst feministisches Werk ist, ist, weil es gerade in dem Stück nicht darum geht, wie es ist, eine Frau zu sein.“

Eine Probe des Stücks „Megahertz“ von  Emma Portner am Bayerischen Staatsballett.
Eine Probe des Stücks „Megahertz“ von  Emma Portner am Bayerischen Staatsballett.
Miljana Bernal

Portner sitzt im Zuschauerbereich des Nationaltheaters vor den Türen zum Parkett. Einige letzte Zuschauer der Einführungsmatinee, in der sie einen kurzen Einblick in die kommende Premiere gab, bewegen sich Richtung Ausgang. Sie wirkt etwas erschöpft, etwas angespannt. Die Arbeit mit den Tänzerinnen in München sei toll gewesen. Mit den starren Strukturen einer so großen Institution tut sie sich, die aus der Indie-Szene kommt, immer noch schwer.

Künstlerisch ist das aber alles höchst sinnvoll. Denn nur das bringt Erneuerung. Neue Blicke, Menschen von außerhalb, Gedanken, die außerhalb der Institutionen gefasst werden. Künstlerinnen, die zwangsläufig neu auf das Alte blicken müssen, weil das Alte eigentlich keinen Platz für sie vorgesehen hat. Und im Fall von Emma Portner gibt es zudem noch eine ganz große Liebe für das Alte: „Klassisches Ballett ist für mich immer noch eine der schönsten Kunstformen.“

Waves and Circles, Stücke von William Forsythe, Emma Portner, Maurice Béjart, Premiere: 21. Dezember, 19.30 Uhr, Nationaltheater, Max-Joseph-Platz 2

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