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Emilie Gleason & Moa Romanova:Gefangen im Ich

Mit Feingefühl und Humor erzählen die jungen Zeichnerinnen in "Trubel mit Ted" und "Identikid" von Menschen mit psychischen Störungen.

Von Sabine Buchwald

Wie bei vielen Menschen startet ein normaler Tag von Ted mit dem Klingeln des Weckers. Aufstehen, anziehen, Frühstücksflocken aus der Packung mit Milch runterspülen, dann im Spurt zum Zug. Der eine fährt, der andere kommt. Das wäre kein sonderlich spannender Einstieg in eine Lebensgeschichte, wenn dazwischen nicht diese Szene vor der Kloschüssel wäre. Was macht der Mann denn da? Er pustet die Bläschen weg, die der WC-Stein nach dem Spülen hinterlässt. Das erfährt man erst später, und dass sie es Ted schwer machen, sich zu erleichtern.

Nicht mal zwei Seiten braucht Émilie Gleason, um zu zeigen: In Teds Leben läuft fast nichts normal, so sehr er sich auch bemüht, klar zu kommen - im Alltag der anderen. Ted ist ein 26-Jähriger mit Asperger-Syndrom, der bei kleinsten Abweichungen seiner Erwartungen aus der Bahn gerät. Wie eine schief rollende Bowlingkugel reißt er ungewollt andere mit sich mit oder kullert ungebremst ins Aus. Wie Ted sich immer wieder selbst verletzt, das Interesse einer Seniorin als Liebesgeschichte versteht oder das Bemühen seiner Familie, ihm mit Verständnis und Therapie zu helfen, geht zu Herzen.

Gleason, geboren 1992, ist selbst neben einem Bruder mit Asperger-Syndrom aufgewachsen. Zur Vorbereitung habe sie zusammen mit ihrer Mutter eine Liste von Anekdoten angelegt, erzählt sie in einem Interview. Die Figur Ted kommt ihrem Bruder physisch wohl sehr nahe: Seine langen Beine und Arme sind ihm oft im Weg, die Schultern nicht selten ein Versteck für den pochenden Kopf, wenn er sich unwohl fühlt. So wie Ted alle Regeln sprengt, zwängt Gleason die Szenen nicht in Panelgrößen. Teds leidvolle Schlaflosigkeit spielt sich auf kleinstem Bettraum ab, sein Entsetzen, als die Metro ausfällt, nimmt fast eine ganze Buchseite ein. So wie Teds Leben ein ständiger Wechsel der Empfindungen ist, findet Gleason als Zeichnerin für seine Freuden, sein inneres Grauen, ganz allgemein für sein Anderssein viele überraschende Ausdrucksformen. Sie beherrscht den feinen Strich ebenso wie den expressiv-groben. Für ihre Geschichte hat Gleason 2019 den Prix Révélation in Angoulême bekommen und die Reihe von Comics erweitert, die uns psychische Störungen näher bringen.

Gestalterisch völlig anders erzählt die Schwedin Moa Romanova, 27, in "Identikid" von ihren Panikattacken und angstvollen Momenten. Man begleitet sie auf der Suche nach Auswegen aus ihren depressiven Schüben und stürzt mit ihr in Einsamkeitslöcher. Romanova erzählt offen über Therapiesitzungen und über vergebliche Versuche, mit Tinder einen Traumpartner zu finden. Stumme Hilfeschreie dringen aus den Bildern. Die Sprachlosigkeit in ihrer smartphonebeherrschten Welt erschreckt und bedrückt.

Einige Zeit hat Romanova über ihre Seelenzustände auf einem Blog geschrieben, bis sie mit dem Comic Identikid eine Bildsprache dafür gefunden hat: sehr fein, fast kühl, die Gesichter eher stilisiert, als ausgearbeitet, keine Schönheiten. Man leidet in ihrem autobiografischen Debüt mit ihr mit. Es ist der Humor, der in ihrer Arbeit durchdringt, der für sie hoffen lässt und der sie wohl auf den Beinen hält.

Emilie Gleason: Trubel mit Ted, Edition Moderne, 24 Euro; Moa Romanova: Identikid, Avant Verlag, 25 Euro

© SZ vom 18.06.2020

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