Französischer Jazz-Star:Solitär am Sopran

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Die hohe Kunst des Emile Parisien kann man nicht nur hören, sondern auch sehen: Bei ihm spielen Gesicht und Körper mit. (Foto: Oliver Hochkeppel)

Ein fulminantes Emile Parisien Quartett in der Münchner Unterfahrt.

Kritik von Oliver Hochkeppel

Das 20-jährige Bühnenjubiläum seines Quartetts gäbe es zu feiern, verkündete Emile Parisien eingangs des Konzerts in der Unterfahrt. Angesichts des jugendlichen Erscheinungsbildes etwa seines Schlagzeugers Julien Loutelier konnte man ermessen, wie jung er und seine Mitstreiter einst angefangen haben. Es ging dann sehr schnell mit Parisiens Karriere: Im Gleichschritt mit seinem Freund, dem Akkordeonisten Vincent Peirani, gewann er die französischen „Victoires de la Jazz“ im Abonnement, wurde er Exklusivkünstler beim Münchner Act-Label und eines der Aushängeschilder des europäischen Jazz.

Warum, das bekam man in der Unterfahrt wieder einmal anschaulich vorgeführt. Das beginnt mit dem Sopransaxofon, auf das sich Parisien ja spezialisiert hat, während es fast alle anderen Saxofonisten nur als Zweit- oder Drittinstrument neben Alt oder Tenor spielen. Und er beherrscht es wie kein anderer auf der Welt. Kann es langsam klagen lassen, klassisch swingen oder in wilden, freien Ausritten auf Höchstgeschwindigkeit beschleunigen, nie quäkt oder kreischt es. Man kann seine hohe Kunst nicht nur hören, sondern auch sehen: Immer spielt das Gesicht und der ganze Körper mit, man kann Parisiens musikalisches Denken gewissermaßen direkt mitverfolgen.

So begreift man auch schnell seine Qualitäten als Komponist, wie sie zum Beispiel seine Stücke „Coconut Race“ oder „TikTik“ demonstrieren: Über technoide elektronische Beats legen sich da andere Rhythmen, solistische Explosionen (auch vom Pianisten Julien Touéry und vom Bassisten Ivan Gélugne) und wunderschöne Melodien. Hochkomplex, aber doch perfekt ineinandergreifend.

Vieles hat Parisien schon ausprobiert, beim neuen Album „Let Them Cook“ liegt ein Schwerpunkt auf Rhythmik und Groove. Und da zeigt sich schließlich auch noch seine Stärke, ein gleichberechtigtes Ensemble zu führen, in dem jeder etwas beisteuert. Kein Wunder, dass das eine working band geworden ist. Ad multos annos!

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