Kritik:Wunderstücke

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Der Pianist Emanuel Ax begeistert im Konzert mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks.

Von Paul Schäufele, München

Emanuel Ax ist einer der großen Pianisten unserer Zeit. Über fünf Jahrzehnte hat der Amerikaner polnischer Herkunft seinen Platz im Musiker-Kanon zementiert, durch exquisite Anschlagskultur, musikalische Intelligenz, die Fähigkeit, Zeitgenössisches mit dem Standard-Repertoire zu verbinden und durch Unbestechlichkeit. Nun ist er - man tritt ihm damit hoffentlich nicht zu nahe - im letzten Viertel seiner Bühnenlaufbahn angekommen. In den letzten Jahren bedeutete dies schon die eine oder andere Nachlässigkeit im Spiel. Doch, wie er während eines sympathischen Interviews im Juli 2021 sagte, sei er während des Lockdowns endlich wieder richtig zum Üben gekommen, besonders zu Chopin.

Man glaubt es ihm aufs Wort. Denn wenn Ax mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks im Herkulessaal Chopins f-Moll-Klavierkonzert spielt, brillieren die chromatischen Terzketten des 19-jährigen Chopin unter den Händen des 72-jährigen Ax, hier perlen die Läufe und singen die Kantilenen. Doch so packend Ax auch die preziösen Drehungen des Maestoso-Kopfsatzes zum Glänzen bringen kann: Am stärksten ist er im Larghetto, dem expressiven Wunderstück per se. Hier zeigen die elastischen Butterfinger, welche Möglichkeiten der Klangschattierung sie bergen. Dabei ist Ax das Gegenteil des aristokratischen Chopin-Interpreten, dem gelegentlich der süßliche Duft des Salons anhängt. Ax kennt keine Theatergesten, jede Verzierung wird ihm zur Melodie eigener Art, die es auszugestalten gilt.

Schade nur, dass der für den verhinderten Robin Ticciati eingesprungene Hannu Lintu ihm am Pult in dieser Sorgfalt nicht folgt. Mag sein, dass nicht allzu viel Zeit zum Proben war, doch die uneindeutig verrührten oder gleich ganz ausgelassenen Einsätze des Dirigenten sowohl bei Chopin als auch bei Sibelius' zweiter Symphonie lassen sich kaum rechtfertigen. Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks macht einiges durch engagierten Schwung wett, doch ein fader Beigeschmack bleibt.

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