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Verschobene EM 2020:Gefeiert wird wann anders

Fußball-Fans verlassen nach dem Spiel Deutschland gegen Costa Rica die Allianz Arena

Das neue Sommermärchen ist vertagt: So verstopft die Wege vor der Arena in Fröttmaning 2006 waren, so leer liegen sie nun da.

(Foto: Sean Gallup/Getty Images)

Die Fußball-Europameisterschaft findet statt - im nächsten Jahr, aber unter altem Namen. Möglich, dass München durch die Verschiebung sogar weitere Spiele bekommt.

Von Sebastian Winter

Alles ist angerichtet in München für das erste Spiel der DFB-Elf bei der Fußball-Europameisterschaft. Und was ist das für eine flirrende Partie: Gruppe F, Deutschland gegen Frankreich, den Weltmeister, Anpfiff an diesem Dienstag um 21 Uhr, vor 70 000 Zuschauern in der Fröttmaninger Arena, Massen beim Fanfest im Olympiapark oder beim Public Viewing und Millionen an den Fernseh-Bildschirmen. Das ZDF überträgt live. Und noch drei weitere EM-Spiele richtet München aus: Deutschland gegen den Europameister Portugal am 20. Juni, danach das letzte Gruppenspiel gegen einen noch zu ermittelnden Qualifikanten am 24. Juni, und schließlich eine der Viertelfinal-Begegnungen am 3. Juli. So war der Plan.

Doch Mitte März wurde dieser Plan vom Coronavirus zerstört. Da entschied das Uefa-Exekutivkomitee nach mehreren Krisensitzungen, die erste paneuropäische Fußball-EM, mit Eröffnungsspiel in Rom und Finale in London, um ein Jahr zu verschieben, auf 11. Juni bis 11. Juli 2021. Und München, das weiterhin für die genannten Spiele eingeplant ist? Harrt der Dinge, die da noch kommen mögen. Und rechnet schon jetzt mit höheren Kosten.

"Wir haben alles, was man stoppen konnte, gestoppt, auch diverse Ausschreibungen", sagt Beatrix Zurek, die Leiterin des für die Organisation der Münchner EM-Spiele zuständigen Referats für Bildung und Sport (RBS). Trotzdem gebe es Stornokosten, "Teile der Werbung waren ja schon fix". Immerhin hat die Uefa beschlossen, den Namen der Titelkämpfe beizubehalten, obwohl "Euro 2020" in einem Jahr natürlich nicht mehr stimmt. So müssen die längst bedruckten Werbeartikel, T-Shirts, Banderolen nicht weggeworfen werden.

Für die EM muss München trotzdem sparen. Beispielsweise gibt es dann nicht mehr das geplante kostenfreie MVV- Ticket für die EM-Kartenbesitzer. "Das erschien uns auch vertretbar", sagt Referatsleiterin Zurek. Denn die Verschiebung des Großereignisses geht nicht spurlos am Etat vorbei. Die veranschlagten Kosten von 15,6 Millionen Euro steigen Zurek zufolge nun auf 16,5 Millionen Euro, vor allem weil der Betrag für die Sicherheit - ohnehin der größte Posten - sich nochmals um knapp eine Million Euro erhöhe, auf 6,6 Millionen. 3,8 Millionen Euro sind für den Olympiapark und das dortige Fanfest veranschlagt, 2,2 Millionen für Marketing und Kommunikation, der Rest für das Mobilitätskonzept und die Volunteers. "Das ist kein Pappenstiel", sagt Zurek. Eine Anfrage an den Freistaat bezüglich einer Beteiligung an den Sicherheitskosten läuft, die Antwort steht Zurek zufolge noch aus.

"Wir haben alles, was man stoppen konnte, gestoppt", sagt Beatrix Zurek, Leiterin des auch für die Münchner EM-Spiele zuständigen Referats für Bildung und Sport.

(Foto: Tobias Hase/LHM)

Es hätte auch alles ganz anders kommen können am 29. April, als der Stadtrat darüber abstimmte, ob München auch 2021 EM-Standort bleiben oder es lassen soll. Die zusätzlichen Kosten und die restriktiven Verträge der Uefa (samt Heineken als EM-Biersponsor, der exklusive Schankrechte für die Stadien und Fanmeilen hat) waren umstritten, alleine der Katalog der Turnieranforderungen umfasst 200 Seiten. "Ich würde mir wünschen, dass künftig mehr Flexibilität herrscht bei der vertraglichen Ausgestaltung solcher Großevents. Dass die Menschen nicht irgendwann sagen, wir wollen das nicht mehr in unserer Stadt", übt Zurek leise Kritik. Der Stadtrat gab dann trotzdem grünes Licht, was auch im RBS auf Erleichterung stieß.

Dort kümmert sich ein Kernteam von vier Mitarbeitern - alle mit befristeten Verträgen - und ein PR-Mann um die EM, die Planungen laufen seit vier Jahren, der Aufwand ist immens. Alleine das Mobilitätskonzept umfasst 85 Seiten, die U 6 soll vor und nach Spielen durch Bus-Shuttles entlastet werden, vor allem von der Fanmeile mit ihren Fressbuden und Mitmach-Aktionen im Olympiapark und diversen Fan-Treffpunkten zur Arena in Fröttmaning. Am Stadion stehen weit weniger Pkw-Parkplätze als üblich zur Verfügung, ohne vorab gekaufte Tickets geht nichts. Der EM-Standort München möchte möglichst nachhaltig sein - mit dem Olympiapark, dem MVV, der Arena als Kernstück. Gerade feierte sie ihr 15-jähriges Bestehen.

Das Rahmenprogramm mit Lichtshows, Kunst und Kultur sowie Livemusik in der Innenstadt und im Olympiastadion ist ebenfalls vertagt. "Die gebuchten Künstlerinnen und Künstler haben jetzt zwar Einnahmeausfälle, aber die werden im kommenden Jahr kompensiert", sagt Zurek, die auch davon ausgeht, einige der 450 Münchner Volunteers zu verlieren, die sich gemeldet hatten. "Manche werden 2021 keine Zeit mehr haben", sagt Zurek. Auch die Trophy-Tour des EM-Pokals, der vor ein paar Wochen in München hätte Station machen sollen, wurde abgesagt, wie der Empfang diverser Delegationen. Zurek hat Verständnis für die Verschiebung - und bedauert sie zugleich: "Es ist für die Kollegen so, wie wenn eine Prüfung abgesagt wird. Sie sind voll fokussiert, und auf einmal ist nichts. Das war erst mal ein kleiner Schock."

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Auf der anderen Seite ist jetzt noch mehr Zeit, an der Planung zu feilen. Durch die Uefa-Initiative "12000 Smiles Projects" erhält jede Gastgeberstadt 1000 EM-Tickets für eingeschränkte oder sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche und deren Begleiter. In Zusammenarbeit mit dem Deutschen Fußball Bund und dem Bayerischen Fußball-Verband soll die Integration von Fußball in den Schulsport forciert werden. Außerdem gibt es da ja noch ein klitzekleines anderes Thema: Corona. Was, wenn die Krise 2021 andauert? "Da wird man auch für die EM sehr flexibel bleiben müssen", sagt Zurek in Richtung Uefa.

Die Pandemie ist spätestens am 16. und 17. Juni Thema, bei der Uefa-Exekutivsitzung. Für Zündstoff ist dort ohnehin gesorgt: Wegen der Verschiebung stehen mehrere EM-Standorte auf der Kippe. Es ist daher nicht ausgeschlossen, dass München noch mehr Spiele bekommt als die bisher geplanten vier, auch wenn der Stadt bislang keine Anfrage der Uefa vorliegt. Die Uefa spricht von vielen Optionen, die geprüft würden. Im Zuge der ganzen Verlegungen ist offenbar auch nicht mehr in Stein gemeißelt, dass das Champions-League-Finale wie anvisiert 2022 in München stattfindet. Die EM-Planungen waren ohnehin schon kompliziert genug. Inzwischen sind sie noch weitaus komplexer geworden.

Beatrix Zurek schaut in ihrem Büro auf den EM-Wimpel auf ihrem Schreibtisch. Euro 2020 steht darauf, bunte Figuren jubeln, in der Mitte glänzt der silberne Pokal. Alles ist angerichtet. Nur jubelt niemand an diesem Dienstag in der Arena. Immerhin: Der FC Bayern spielt in Bremen - und ist im Falle eines Sieges deutscher Meister.

© SZ vom 16.06.2020/kafe
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