Der exklusiv britische „Second Summer of Love“ mag als kulturelles Phänomen zwar tief im Schatten seines berühmten Hippie-Vorgängers anno 1967 stehen. Folgenlos blieb diese musikalisch bewegte Sause, die sich tatsächlich sogar über die Sommer der Jahre 1988 und 1989 erstreckte, aber natürlich trotzdem nicht. Brach man im Sommer 1967 mit Blumen im Haar und Liebe im Herzen nach San Francisco auf, so entfaltete sich in den späten Achtzigern zu einem jüngst aus Chicago herübergewehten Sound namens Acid-House eine Jugendkultur, deren Lust an Rausch und Tanz ganz im Zeichen des Smileys als lebensbejahend grinsendem Symbol stand.
Mittendrin, statt nur dabei, war damals auch die 20-jährige West-Berlinerin Ellen Fraatz, die zu Hause gerade ihr Modedesignstudium an den Nagel gehängt hatte, um das Jahr 1988 lieber jobbend in London zu verbringen. Für Fraatz war es der Erstkontakt mit dieser psychedelisch verblubberten Elektronik-Ursuppe, zu der man sich erstmals bevorzugt unter Beigabe der neuen Partydroge „Ecstasy“ in Wallung brachte. Wie inspirierend dieser einjährige Aufenthalt letztlich ausgefallen ist, kann man heute an einer Karriere ablesen, die Ellen Fraatz als Ellen Allien aus dem Berliner Techno-Underground der Nachwendejahre bis hinauf in die höchsten Renommee-Sphären der Plattendreherei führte.
Sie war Resident in legendären Clubs wie dem Bunker, dem Tresor oder dem E-Werk, die in den frühen Neunzigern als halblegale Bastionen der Berliner Techno-Subkultur in Bunkern, Heizkraft- und Umspannwerken existierten. Sie gründete mit „Braincandy“ bereits 1995 ihr erstes eigenes Label, das von 1999 an als „BPitch Control“ fortgeführt wurde, und dabei als Plattform auch den späteren Erfolg von Berliner Kollegen wie Paul Kalkbrenner, Modeselektor oder Apparat befeuerte. Und sie warf sich spätestens mit dem Erscheinen ihres Debütalbums – der ebenso atmosphärisch wie minimalistisch britzelnden Berlin-Hommage „Stadtkind“ von 2001 – als gerne auch (sprech-)singende Produzentin mit einer Verve ins Kreieren eigener Tracks, dass man ihre Diskografie heute kaum mehr überblickt bekommt.
Musikalisch bewegt sich Ellen Allien dabei sowohl als DJ als auch als Produzentin bis heute in einem Spannungsfeld, in dem sowohl ihre Sozialisation im harschen Underground-Techno der frühen Jahre als auch ihr Faible für melancholisch verwehte Harmonien und eine Prise Pop-Appeal hörbar werden. Seien es die grazil ravenden Tracks, die sie 2006 mit Sascha Ring alias Apparat als „Orchestra of Bubbles“ einspielte; der trancefördernd geradlinige Club-Purismus, mit dem sie sich auf „Nost“ auf innovative Weise auf ihre Techno-Wurzeln besinnt; oder die bollernde und doch stets bezirzend elegante Wucht, die sie auf ihrem letzten Solo-Album „Auraa“ von 2020 entfaltet – dieses wandelbare Allien mit zwei L hat fast ebenso viele Transformationen durchgemacht wie seine Heimatstadt Berlin.
Den guten alten Acid-House als ersten Kontakt zur Welt der elektronischen Musik hat Ellen Allien bei alledem natürlich auch nicht vergessen. Sie hat ihm in Form einer teufelsaustreibungswürdigen Holzerei sogar einem aktuell dringlichen Zweck zugeführt, abzulesen im Titel, der im besagten Track wie ein Mantra wiederholt wird: „Acid Against Fascism“.
Ellen Allien, Samstag, 28. März, Einlass 23 Uhr, Blitz Club, Museumsinsel 1

