Eklat bei Anita-Augspurg-Preis:Nahost-Konflikt - mitten in München

Lesezeit: 3 min

Eklat bei Anita-Augspurg-Preis: Nach der Frauenrechtlerin Anita Augspurg (1857 bis 1943) benennt die Stadt München einen Preis.

Nach der Frauenrechtlerin Anita Augspurg (1857 bis 1943) benennt die Stadt München einen Preis.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Eigentlich jährlich vergibt die Stadt ihren Förderpreis für eine "vorbildliche Verwirklichung der Gleichberechtigung von Frauen". Doch der Internationalen Frauenliga (IFFF) warf die CSU antisemitische Kampagnen vor. Das ärgerte den Koalitionspartner im Rathaus - und hat für einige Leserreaktionen gesorgt

"Wegen Kritik an Israel abgesagt" vom 10. März:

Fataler Rückzieher

Eine falsche Entscheidung. Fatal, wie politische Korrektheit sich stets auswirkt. Der diesjährige Preis an die Liga IFFF (Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit) wäre absolut im Sinne von Augspurg, Heymann und vieler (jüdischer!) engagierter Frauen der 100-jährigen Geschichte der Liga gewesen. Der Boykottaufruf richtet sich übrigens gegen Waren aus von Israel unrechtmäßig besetzten Gebieten, sogenannte "Siedlungen". Das hat mit Antisemitismus nichts zu tun, ganz im Gegenteil: Wer israelische Friedenspolitik im Sinne des Friedensnobelpreisträgers Jitzchak Rabin, dem Sohn der "Roten Rosa", unterstützt, wird an dem Boykottaufruf nichts Anstößiges finden. Cornelia Naumann, München

Grenze überschritten

Die Überschrift des SZ-Beitrags "Wegen Kritik an Israel abgesagt", in dem über die Aufhebung der Entscheidung berichtet wird, der Münchener Gruppe der Internationalen Frauenliga einen Preis der Stadt München zu verleihen, darf man als völlig irreführend empfinden. Sie suggeriert, dass allein schon Kritik an Israel eine Tabuverletzung darstellt und deshalb zur Ausgrenzung aus dem gesellschaftlichen Mainstream führt. Dem Artikel kann man dann aber entnehmen, dass es hier keineswegs nur um bloße Kritik geht, sondern um die Art der Unterstützung eines internationalen Boykotts israelischer Waren. Ein Boykott mag durchaus ein legitimes politisches Instrument sein und man kann offen darüber diskutieren, welche Konsequenzen ein solcher im Fall von Israel auch für die Palästinenser mit sich bringt. Nur geht es hier nicht um den Boykott selbst, sondern um begleitende Äußerungen, die nicht mehr sachbezogen kritisch sind, sondern als Hetze bezeichnet werden müssen. Insoweit war der Begriff "Kritik" eine Verharmlosung, weil Kritik in einer offenen Gesellschaft immer möglich sein muss, Hetze dagegen nicht akzeptiert werden darf.

Erstaunlich mutet jedoch an, dass unsere Stadtvertreter nicht selbst jene Grenze zwischen Kritik und Hetze ziehen, sondern sich dazu erst durch die Stellungnahme der Israelitischen Kultusgemeinde veranlasst sehen. Man tut aber weder der Gemeinde, noch der Allgemeinheit einen Gefallen, wenn der Eindruck entsteht, solche Entscheidungen seien Ausdruck der Rücksichtnahme auf die Sensibilität der jüdischen Münchner. Es geht um die Wertvorstellungen von uns allen. Dr. Stefan L. Wolff, München

Stadtrat ohne Mumm

Wenn eine Frauenorganisation mit "umstrittenen" Aktionen auf die rassistische, menschenverachtende Politik Israels (ja, auch Palästinenserinnen und Palästinenser sind Menschen!) aufmerksam macht, muss sie sich davon mehrmals, schriftlich, öffentlich distanzieren - und das reicht lange nicht. Dass der Stadtrat - allen voran die CSU - nicht den Mumm hat, hier Position für die Frauen zu beziehen, ist an Scheinheiligkeit nicht zu überbieten. Liebe Frauen, wie lange wollen wir noch zulassen, dass Männer, denen es offensichtlich an Zivilcourage fehlt, bestimmen, welche Organisation sich um die Durchsetzung von Frauenrechten verdient gemacht hat? Brigitte Latteier-Kern, Saaldorf-Surheim

Demokratische Diskussion

Wer in diese Kritik eine "antisemitische" Geisteshaltung hineininterpretiert, verharmlost Antisemitismus, indem er/sie die Grenze zwischen demokratischer politischer Diskussion und antijüdischer Propaganda verwischt. Wenn Frau Knobloch nicht inhaltlich auf die Vorwürfe gegen die Politik Israels in Bezug auf die Palästinenser reagieren mag, dann möge sie sich auch der Andeutungen einer "gedanklichen Nähe" zum Nationalsozialismus enthalten, welche lediglich geeignet sind, eine unsachgemäße Zuspitzung in "pro und contra Israel" zu fördern und Gruppenfeindbilder aufzubauen. Ich denke nicht, dass man den Opfern des Holocaust dadurch gerecht wird, dass man ihr Leiden als Vorwand benutzt, um Kritik an völker- und menschenrechtswidriger Politik zu untersagen. Und ich meine, dass die Frauen der IFFF zu keiner Zeit eine "antijüdische" Kritik angebracht haben, sondern den Israel-Palästina-Konflikt wie auch andere aktuelle Konflikte und Kriege zu Recht kritisieren. In diesem Sinne würde ich mich freuen, wenn unser Stadtrat doch noch den Mut finden könnte, dem haltlosen Antisemitismusvorwurf eine Absage zu erteilen und den Frauen der Internationalen Frauenliga den Anita-Augspurg-Preis zu verleihen. Johanna Pfeffer, München

Leserbriefe sind in keinem Fall Meinungsäußerungen der Redaktion. Wir behalten uns vor, die Texte zu kürzen.

Außerdem behalten wir uns vor, Leserbriefe auch hier in der Digitalen Ausgabe der Süddeutschen Zeitung und bei Süddeutsche.de zu veröffentlichen.

forum@sueddeutsche.de

Zur SZ-Startseite
Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB