Eisessen in München:Wie zehn Minuten Warten in der Eisdielen-Schlange unser Gehirn austrickst

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Eisessen in München: Eisverkäufer sind mit den Erinnerungsproblemen ihrer Kunden meist bestens vertraut.

Eisverkäufer sind mit den Erinnerungsproblemen ihrer Kunden meist bestens vertraut.

(Foto: Robert Haas)

Pfirsich-Melone oder Sesam-Mascarpone, im Becher oder in der Waffel? Trotz aller Überlegungen geht an der Eistheke angekommen dann doch meistens etwas schief.

Kolumne von Günther Knoll

Mehr als 57 000 Jahre verbringen die Deutschen zusammengerechnet per anno in einer Warteschlange. Haben Statistiker errechnet. Anthropologen sehen in diesem mehr oder weniger geduldigen Ausharren im Fast-Körperkontakt mit anderen die "höchste Form kooperativen Gruppenverhaltens".

Das kollektive Auf-dem-Tisch-Tanzen am Oktoberfest haben sie möglicherweise bei ihren Untersuchungen außer Acht gelassen, weil dieses in der Regel im Zustand verminderter geistiger Zurechnungsfähigkeit stattfindet. Doch auch langes Warten kann die menschlichen Sinne offenbar stark beeinflussen, wie eine Fallstudie am Wochenende vor der Lieblingseisdiele vermuten lässt.

Sagt doch glatt ein Junge, als er nach zehn Minuten in der Schlange endlich drankommt, jetzt habe er leider vergessen, welches Eis er eigentlich kaufen solle. Dem folgt ein Beratungsgespräch, in dessen Dauer sich der Behälter mit der Lieblingseissorte bedenklich leert. Die Dieler geben sich wirklich alle Mühe, dass die Schlange vor der Ladentür nicht zum Volksauflauf wird. Viele Kunden aber tun so, als hätten sie hier alle Zeit der Welt, um zwischen Malaga und Pfirsich-Melone zu entscheiden.

Möglicherweise wollen sie ja nur den Genuss verlängern, wo doch das Objekt ihrer Begierde so schnell dahinschmilzt. Die Frage jedenfalls, ob's in der Waffel oder im Becher sein soll, können die wenigsten auf Anhieb eindeutig beantworten. Und die Verkäuferin rechts, die sich verzweifelt rufend drum bemüht, den nächsten Kunden bedienen zu dürfen, wird schlicht überhört. Kann es sein, dass die drei Mädchen vor einem im Grunde gar nicht das eiskalte Vergnügen wollen, sondern einen heißen Flirt mit dem Eismann? Ihre Bestellung dauert jedenfalls verdächtig lange.

Dann endlich: "Was darf's sein?" Die Order kommt präzise formuliert, unmissverständlich, schließlich war zehn Minuten lang Zeit zu üben: "Schoko, Pistazie, Zitrone, im Becher." Doch wo ist bloß das verdammte Kleingeld, das man dafür schon abgezählt hat? Die Verkäuferin kennt dieses Sekundenversagen offenbar: Das sei typisch für ihre Kunden, sagt sie lapidar, erst zehn Minuten anstehen und dann das Geld nicht finden. Und als sich die Münzen endlich finden, fügt sie hinzu: "Sie haben ja jetzt Ihr Eis und können üben. Also: am besten noch mal anstellen!"

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