Wintersport der besonderen ArtEisbaden in der Isar – Euphorie bei vier Grad plus

Lesezeit: 3 Min.

Ein sehr spezielles Glücksgefühl erlebten gut 20 Eisbader am Samstag in der Isar.
Ein sehr spezielles Glücksgefühl erlebten gut 20 Eisbader am Samstag in der Isar. Johannes Simon
  • Gut 20 Eisbader genehmigten sich am Samstag um 10 Uhr ein urbanes Bad in der vier Grad kalten Isar bei München.
  • Trainer Maximilian Bauer bereitet die Gruppe mit Aufwärmübungen vor und erklärt die positive Wirkung auf Hormonhaushalt und Blutfettwerte.
  • Teilnehmer berichten von euphorisierender Wirkung, Stimmungsaufhellung und weniger Erkältungskrankheiten durch das regelmäßige Eisbaden.
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Gruppen-Begeisterung in eiskaltem Wasser? Wenn man sich auf das Experiment einlässt, explodieren die Glückshormone regelrecht. Wie man den Winter zum Sommer macht – ein Selbstversuch.

Von Tom Soyer

Die Isar ruhig und klar, das Wasser vier Grad Celsius kalt, die Luft in der Morgensonne gar noch zwei Grad kälter – jetzt kommt alles auf den großen Zeh an. Genauso sagt es Trainer Maximilian Bauer mit der leuchtend gelben Wollmütze seiner gut zwanzigköpfigen Gruppe, die sich am Samstag um 10 Uhr ein urbanes Eisbad genehmigt. Und es ist wirklich so: Die erste Rückmeldung kommt von den großen Zehen, und sie lautet ungefähr: „Ja spinnt der Beppi, pfuideifi, is des koid!“ Wer die Eilmeldung aus den eigenen Zehen eiskalt ignoriert, hat gewonnen. Alle baden dann tatsächlich fünf Minuten lang in der Isar. Und alle behaupten hinterher tatsächlich, es sei ein Genuss.

„Eisbaden“ ist natürlich ein etwas überhöhter Begriff, denn es muss kein Eis aufgehackt werden, um in die Isar zu gelangen. Immerhin aber liegt auf den Wiesen in den Isarauen viel Eis. Am Ufer laufen einige mit Badelatschen, einige aber auch barfuß über Stein und Eis ins, naja, doch ziemlich eisige Wasser.

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Aber halt: natürlich nicht ohne Vorbereitung. Vor dem Umziehen wird erst ein paar Minuten gehüpft, es gibt Dehn- und Aufwärmübungen mit den Armen und schließlich als Finale ein Partnerspiel: Beim Hüpfen Fli-Fla-Flu-Duelle mit dem Gegenüber. Was so banal klingt, macht enorm wach und stimmt die altersmäßig und vom Geschlecht her gut gemischte Gruppe positiv. Viele lachen, unterhalten sich. Der große Zeh hat keine Chance.

Maxi Bauer hat sich das alles klug ausgedacht, lässt sanfte Musik dazu aus der Bluetoothbox erklingen, und verrät Novizen auch, dass er genug heißen Tee für danach bereithält. Der schlanke, sportliche Mann wohnt ganz in der Nähe dieses Treffpunktes, der in Google Maps etwas oberhalb der Reichenbachbrücke eingezeichnet ist als „Alpines Eisbaden“ (aber längst nicht die einzige Eisbade-Aktivität ist, die sich über Internet-Recherchen in München finden lässt). Bauer hat Sportwissenschaften an der TU München studiert, eine Hausarbeit geschrieben über „Physiologische Effekte des Eisbadens auf den Körper“ und das in seiner Masterarbeit noch verfeinert, indem er sich die positive Wirkung auf den Hormonhaushalt wie auch auf die Blutfettwerte angesehen hat.

Wenn man dann, nur mit Wollmütze und Badehose, wild entschlossen in die seichte Isar watet und bis zur Brust eintaucht (Kopf und Arme bleiben draußen), kontrolliert durch die Nase ein- und durch den Mund ausatmet, glaubt man sofort an diese Explosion der Hormone. Die Stresshormone Adrenalin und Noradrenalin machen wach und aktiv, Cortisol steigert den Blutdruck, stellt Energie bereit (und ist zudem entzündungshemmend), Endorphine und Dopamin komplettieren den Cocktail der Glückshormone. Wahrscheinlich erklärt das auch das Kribbeln in den Beinen nach dem Isargang. Eine perfekte Meditation ist das alles obendrein.

„Ein Energie-Booster ist das“, sagt Gaby Münster, 64, aus Schwabing, frisch der Isar entstiegen. Sie macht das seit zweieinhalb Jahren regelmäßig und ist sich sicher, dass ihr das „psychisch wahnsinnig guttut und das Immunsystem stärkt“. Seit sie eisbade, habe sie weniger Erkältungskrankheiten. Überdies gefällt ihr „das Naturerlebnis“. Es sei schon eine tolle Sache, „den Winter zum Sommer zu machen“ an der Isar. An alle, für die vier Grad kaltes Isarwasser eher eine gruselige Vorstellung ist, schickt sie, den warmen Tee in der Hand, einen aufmunternden Gruß: „Viele stellen es sich schlimmer vor, als es ist.“

Der Reporter kann sich den positiven Schilderungen anschließen – kalt ist es trotzdem.
Der Reporter kann sich den positiven Schilderungen anschließen – kalt ist es trotzdem. Johannes Simon
Mit Bewegung wird dem Kältegefühl begegnet.
Mit Bewegung wird dem Kältegefühl begegnet. Johannes Simon
Trainer Maximilian Bauer bietet das Eisbaden regelmäßig an.
Trainer Maximilian Bauer bietet das Eisbaden regelmäßig an. Johannes Simon

Das kann der Reporter sofort bestätigen: Ja, die euphorisierende Wirkung ist dermaßen stark, dass die Belohnung sofort alle Überwindung überwiegt. Maxi Bauer hat diese Erfahrung erstmals im Jahr 2019 im isländischen Polarmeer gemacht und ist seiner Erfrischungssportart seither treu. Er bietet das als Kurse an, beispielsweise auch über den Wellpass.

Josef Röger aus der Au, 56, ist hier das zweite Mal dabei, und findet es „heit gar nimmer so gaach“ (also etwa: gar nicht mehr so schlimm), hat nach dem Eisbad aber vor allem kalte Zehen. Dicke, warme Socken sollen abhelfen, und ein warmer Schal wär’ auch gut, sagt er. Eisbaden sei „ein guat’s Gfühl“. Auch Renate Becker, 61, sieht das so. Sie ist den dritten Winter dabei bei Maxi Bauers regelmäßigen Badetreffen und erinnert sich sehr zufrieden, dass sie anfangs „einfach mal aus der Komfortzone rauskommen wollte“. Sie gehe freitags gerne aus, auch bis drei oder vier Uhr morgens, und sei dann am Samstag um zehn Uhr an der Reichenbachbrücke. Eindeutiger Effekt: „Das ist stimmungsaufhellend! Ich geh’ ins Wasser, und der Tag ist mein Freund!“

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Offenbar lässt sich der gezielte Glückseffekt aber noch intensiver ins eigene Leben einbinden. Markus Schmid, 27, am Bodensee beheimatet und an diesem Tag zu Gast in München, hat da Wege gefunden. Seit 2020, so berichtet er nach dem Eisbad, betreibe er das. Er habe viele stressige Meetings im Job, die Glückshormone brächten ihm „Stressreduktion und ein reguliertes Nervensystem“. Das sei nicht nur sein subjektiver Eindruck, auch seine Fitnessuhr belege „einen viel ruhigeren Stresslevel“.

Um sich noch öfter an Kälte zu adaptieren und dieses Gefühl von Stärke zu spüren, hat er zu Hause eine Regenwassertonne für die kalte Jahreszeit – und für den Sommer eine mit Teichfolie abgedichtete Gefriertruhe in der Garage. Für die hat er einen Sensor eingebaut, so dass er sein sommerliches Eisbad immer bei vier bis sechs Grad nehmen kann. Wird’s wärmer in der Truhe, kühlt sie wieder auf vier Grad herunter.

Dem Reporter gefällt die Isar besser als eine Gefriertruhe. Er hat das alles aufgeschrieben und schaut jetzt mal, wie lange das Gefühl der Unverwundbarkeit anhält. Sie können ihm gerne den großen Zeh dafür drücken.

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