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Einzigartiges Forum:Der Brückenbauer

Bernhard Winter führt seit 1992 Menschen aus Politik, Kultur, Religion und Gesellschaft zusammen. Am Wochenende lädt er zu seinen 100. Sonntagsbegegnungen ein - diesmal mit Gerhard Polt, der über den Gastgeber sagt: mild, aber zäh

Die Geschichte über den Gastgeber Bernhard Winter muss mit einem Anruf bei seinem nächsten Gast beginnen, beim Kabarettisten Gerhard Polt. Daheim in Neuhaus am Schliersee hebt Polt am Montagabend den Hörer ab. Ein humoriges Gespräch im Januar über Winter, Bernhard Winter: "Er ist kein harter, sondern ein milder", sagt Polt. "Und er kann ziemlich überzeugend sein." Wie schwierig es sei, den Kabarettisten Gerhard Polt für solche Auftritte zu bekommen? Er antwortet sofort: "Sehr schwierig", sagt Polt, er lehne so gut wie alle Anfragen ab. Fast alle. Bei Bernhard Winter hat er zugesagt.

Die Gemeinde Markt Schwaben östlich von München hat in knapp drei Jahrzehnten Berühmtheiten aus ganz Deutschland beherbergt. Auf Bernhard Winters Einladung sagten sie zu: Gerhard Schröder, Joschka Fischer, Manuela Schwesig, Dieter Hildebrandt, Heiner Geißler, Thomas Hitzlsperger, Alois Glück, Nina Ruge, Reinhard Marx, Gregor Gysi.

Mit seinen "Sonntagsbegegnungen" hat Bernhard Winter ein einfaches und dennoch einzigartiges Forum geschaffen. In aller Regel sind es zwei Persönlichkeiten, die miteinander vor Publikum sprechen. Winter begrüßt und nimmt die Fragen des Publikums entgegen, sonst hält er sich zurück. Kommenden Sonntag folgt die 100. Auflage. Zu Gast ist erstmals der Schweizer Humorist Franz Hohler. Und zum dritten Mal Gerhard Polt, der Widerspenstige vom Schliersee.

Bernhard Winter - Sonntagsgespräche Markt Schwaben.

Bernhard Winter vor dem Unterbräu. In Markt Schwaben war der 66-Jährige neun Jahre Bürgermeister. Wenn Bernhard Winter zur Sonntagsbegegnung ruft, kamen in den vergangenen 28 Jahren einige berühmte Redner zusammen.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Der Mann, dessen Einladung sie nicht ablehnen konnten, steht nun im Ort des Geschehens. In Markt Schwaben, dort wo er neun Jahre lang Bürgermeister war. Und wo er bis heute lebt und arbeitet. Der 66-Jährige führt in seine Praxis. Hier empfängt er Patienten zur Psychotherapie. Winter, pfirsichfarbenes Hemd, hat den obersten Knopf offen. "Schon als Bürgermeister habe ich mich gegen den Krawattenzwang geweigert", sagt er. Lieber trug er Fliege. Kurz die E-Mails checken. Ob es am Sonntag eine Kleidervorschrift gebe, will ein Gast aus Norddeutschland wissen. Winter muss lachen. Natürlich nicht.

Vom Büro geht es hinaus vor die Tür des Unterbräus, das älteste Gebäude der Gemeinde. Hier im Erdgeschoss hat Winter seine Praxis, darüber ist der Bürgersaal, in dem am Sonntag Hohler und Polt über "Wort, Witz, Wahrheit" sprechen. Über die Straße zum Rathaus, wo Winter von 2002 bis 2011 die Geschäfte führte. In dieser Zeit ist der SPD-Politiker auch angeeckt. So wie einige Bürgermeister. Das bringt der Posten mit sich. Schon damals aber, sagt Winter, verfolgte er ein Ziel. "Menschen zusammenführen", sagt er: "Die Parteizugehörigkeit war mir immer vollkommen egal."

Zu den etwa 150 Gästen, die in den 99 vergangenen Ausgaben mit dem Publikum in den Dialog kamen, gehörten unter anderem Günther Beckstein und Manueler Schwesig.

(Foto: Christian Endt)

Im Ort spricht man vom Markt Schwabener Dreiklang: Kirche, Rathaus und Unterbräu stehen im Dreieck beieinander. Religion, Politik, Gesellschaft - dazu passt die prominent besetzte Gästeliste, große Namen sind angekündigt, alle 300 Plätze sind vergeben. Der Eintritt ist auch diesmal frei, "und keiner der Mitwirkenden hat je einen Cent bekommen", sagt Winter. Etwa 30 000 Euro, die seit 1992 an Spenden zusammengekommen sind, hat er an soziale Projekte weitergegeben. In Papua-Neuguinea, Indien - oder für den Kirchweiher-Spielplatz im Ort.

Günther Beckstein, Sten Nadolny, Anselm Grün, Paul Breitner. Wie holt man so viel Prominenz an einen Ort, wo weder Fernsehkameras, Geld noch Ruhm locken? Winter führt zum Hotel am Turm. "Gastfreundschaft", sagt er, darauf komme es an.

An der Hotelrezeption von Hans Brand hängen Fotos von Rita Süssmuth, Norbert Lammert und vielen mehr, die hier übernachtet haben. "Einige waren schon öfters da", sagt Brand, 61, und alle waren sie eingeladen. Für seinen alten Freund gibt Brand das Zimmer umsonst her. Dass die Prominenz bei ihm residiert, ist ihm Bezahlung genug.

Auch Pfarrer Anselm Grün schaute in Markt Schwaben vorbei.

(Foto: Christian Endt)

Winter ist der Kopf der Sonntagsbegegnungen, es ist sein Netzwerk, es sind seine Ideen. Er hat aber auch Helfer, ohne die würde es nicht gehen, sagt er. Etwa seine Frau, die ihn bei der Organisation unterstützt, oder sein Sohn, der ihm die Flyer gestaltet. Und Gastwirt Brand, der die Zimmer stellt. Von Brands Gästehaus geht es jetzt zum sogenannten Postanger, ein Areal samt Bach, das Markt Schwaben einst geografisch teilte. Heute führt eine Brücke darüber, deren Erweiterung und die Renaturierung darunter war ein großes Projekt in seiner Zeit als Bürgermeister.

Dinge und Menschen verbinden, darum geht es ihm. Winter erzählt, wie er und eine Gruppe Bürger aus Markt Schwaben Gerhard Polt am Schliersee besuchten, zehn Jahre ist das her. Ein Ausflug von Geschäftsleuten, Schülern, Lehrlingen und Rentnerinnen. Ein Polizist war mit dabei und ein türkischer Imam. Der Kabarettist erinnert sich an den Besuch. Winter habe ein "Gespür" für allerlei Leute, sagt Polt.

Warum Gerhard Polt? In einem Poesieband mit Kurzgedichten hat Winter seinen Humor durchblitzen lassen. Unter dem Titel "Vereinsamt" schreibt er: "Ohne mein Vereinsamt / bin ich dann vereinsamt." Dumpfes Lachen in Neuhaus am Schliersee. "Find i guad", sagt Gerhard Polt und erzählt, dass er immer noch Vereinsmitglied beim Neuhauser Tennisklub sei, der Tennisplatz, wo sein legendäres Schimpfstück "Longline" entstanden ist.

Es sprachen lokale, wie auch nationale Persönlichkeiten bei den Sonntagsbegegnungen. Hier die Moderatorin Nina Ruge.

(Foto: Christian Endt)

Zurück nach Markt Schwaben. Warum das alles? Bernhard Winter bleibt in einem Wohngebiet stehen, überlegt. Winter erzählt von einer Zeit zu Beginn der Neunzigerjahre. Da war er mit seiner Familie gerade nach Markt Schwaben gezogen. "Es kam das Wort Politikverdrossenheit auf", sagt er, auch in Markt Schwaben, wo seine drei Kinder aufwachsen sollten. "Ich wollte, dass sich in diesem Ort etwas verändert." So kam es im Juni 1992 zur Premiere mit Renate Schmidt von der SPD, die über "Politik und Glaubwürdigkeit" sprach. Die ersten Veranstaltungen hielt Winter mit dem SPD-Ortsverein im katholischen Pfarrheim ab. Solange, bis deswegen Beschwerden aufkamen, weil die SPD damals von Kritikern als gottlose Partei gesehen wurde.

Bernhard Winter hat Niederlagen erlebt. Persönlich und politisch. Bei seiner ersten Kandidatur als Bürgermeister verlor er, sechs Jahre später glückte ihm der Wahlsieg. Auch Winter hat nicht jeden bekommen, den er gerne als Gast gehabt hätte. Bei Campino von den Toten Hosen hat er sich bisher die Zähne ausgebissen.

Zurück vor dem Unterbräu, Bernhard Winters Schaltzentrale. Hier hat er für seine Sonntagsbegegnungen ein Zuhause gefunden. Knapp 20 000 Zuschauer und etwa 150 verschiedene Redner haben bislang teilgenommen, nicht wenige von ihnen mehrmals. Den Rekord hält Hans-Jochen Vogel mit fünf Teilnahmen. Winter wurde für sein Engagement 2018 mit dem Regine-Hildebrandt-Preis der deutschen Sozialdemokratie ausgezeichnet, im April bekommt er die Medaille der Theodor-Heuss-Stiftung verliehen.

Gerhard Polt und Herbert Riehl-Heyse bei einem Schwabener Sonntagsgespräch

Am kommenden Sonntag betritt zum Jubiläum Kabarettist Gehard Polt abermals auf die Bühne. Sein Thema: „Wort, Witz, Wahrheit“.

(Foto: Stephan Rumpf)

Gerhard Polt sagt über Winter, dass er zwar "mild" sei, aber bei der Gäste-Akquise für seine Sonntagsbegegnungen "zäh", und "insistierend". Und wie lange macht Winter noch Sonntagsbegegnungen? "Solange es mir Freude macht", sagt er. Die 101. Auflage im April steht bereits.

Die Sonntagsbegegnungen im Markt Schwabener Unterbräu beginnen mit einem Musik- und Poesiefest am Samstag, 18. Januar, 19 Uhr, es gibt noch freie Plätze. Der Dialog mit Gerhard Polt und Franz Hohler am Sonntag, 19. Januar, ist ausgebucht.