Konferenz in München:Ein gelungenes Experiment

Der erste Abend der dreitägigen Tagung "eins: zum andern" lotet gekonnt die Beziehungen zwischen Lyrik und Wissenschaft aus.

Von Sabine Reithmaier, München

Eigenwillig, seltsam, spannend, vergnüglich, verwirrend und bis zum Schluss ein tolles Experiment - die Liste der Attribute, die sich eignen, um "Sensing" zu beschreiben, ist ziemlich lang. Sechs Paare, jeweils mit einem Lyriker und einem Wissenschaftler besetzt, präsentierten an dem so betitelten Abend in der Akademie der Schönen Künste die Ergebnisse ihrer Zusammenarbeit. Und machten Ernst mit dem Grundintention der dreitägigen Tagung "eins: zum andern", die sich vorgenommen hat, die Beziehung zwischen Lyrik und Wissenschaft neu zu klären.

Sechs Begriffe hatte das Kuratorenteam für die sechs Paare ausgesucht, allesamt Begriffe, die im Kopf nicht sofort Antworten aufpoppen lassen, wie es Moderatorin Anja Utler formulierte. "Für den Versuch, aus schrägen Blickwinkeln Begriffe abzutasten, schien uns Sensing ein guter Startpunkt", sagte die Lyrikerin.

Das gelang mal mehr, mal weniger gut. Nicht leicht machte es Lütfiye Güzel der Literaturwissenschaftlerin Friederike Reents. Denn so knapp, klar und lakonisch wie die in Duisburg und Berlin lebende Autorin dichtet, antwortet sie auch. Die beiden bearbeiteten den Begriff "Anbindungen", ein Wort, das bei den meisten befragten Tagungsteilnehmern eher negative Assoziationen ausgelöst hatte, wie Reents berichtete. Nicht so bei Güzel, die lapidar verkündete: "Warum soll ich mich binden an die Freiheit, das macht die Freiheit unfrei." Sie nahm sich die Freiheit, manche Frage nicht zu beantworten und auf die Kraft ihrer Gedichte zu setzen.

Wie bewahrt man das Windige der Poesie?

Peer Trilcke, Leiter des Theodor-Fontane-Archivs in Potsdam, und Brigitte Oleschinski, Lyrikerin und Politologin, wussten mit ihrem Begriff Archiv viel anzufangen. Oleschinski, bekannt durch den Band "Your passport is not guilty", startete mit den Pressblumen-Stillleben ihrer Großtante Lissy, die in ihrem Zimmer hängen, verstanden als eine Erweiterung ihrer Textprozesse und Auslöser für die Frage, ob sich wesentliche physische Anteile des Schreibens überhaupt ins Unsterbliche der Sprache retten. Oder zwischen unfertigen Zetteln und Notizen einst im Archiv verschwinden? "Archiv-Maschinist" Trilcke, der seinen Arbeitsplatz als Hort der Sachlichkeit, aber auch als glucksende und gluckernde Klimazentrale beschrieb, ließ daraufhin die Frage, wie das Flüchtige, das "Windige der Poesie" dort zu bewahren sei, nicht mehr los. Trotz seiner amüsanten Gedanken aber zog es Oleschinski vor, den Satz ihrer Mutter zu zitieren - "Wie stehen denn heute Kafkas Eltern da" - und zu bekennen, sie interessiere sich immer stärker für Aktenvernichtung.

Eher nebeneinander in ihren anspruchsvollen Welten blieben die Wiener Dichterin Christiane Heidrich und Klaus Mecke, Professor für theoretische Physik in Erlangen, der es gut verstand, das Wesen von Atomen zu erklären. Fraglich blieb es, ob es eine besonders originelle Idee von Philosophin Judith Siegmund und Autorin Mara Genschel zum Begriff Öffentlichkeit war, selbst nicht in Erscheinung zu treten und Anja Utler einen Text Genschels über deren Ängste, mit einer so klugen Philosophin auf der Bühne öffentlich zu disputieren, vorlesen zu lassen.

Schatzsuche in London

Mediävistik-Professor Michael Waltenberger unterhielt sich mit seiner in London weilenden Teampartnerin, der Schriftstellerin und Philosophiedozentin Mara Daria Cojocaru über Video-Chat. Ihr Begriff "animot", eine Wortschöpfung des französischen Philosophen Jacques Derrida, animierte die beiden zu einer heiteren Suche nach einer möglichen urpoetischen Sprache von Tieren. Geleitet von der Frage, was Tiere den Menschen wohl sagen wollen, bargen sie manchen Schatz, unterstützt von einem sehr lebendigen und angeblich ebenfalls poetisch veranlagten Spürhund.

Sehr offen über die Ungewissheit und das Unbehagen, die der Gedanke an eine Zusammenarbeit und der Begriff CO₂ anfangs auslösten, unterhielten sich die Moorkundlerin Susanne Abel und Schriftstellerin Sylvia Geist. Doch der Dialog nahm schnell an Intensität zu. Während Abel dem Publikum den Zusammenhang zwischen Moorentwässerung und CO₂-Freisetzung erläuterte, schilderte Geist, wie sie dank Abel unerwarteterweise ihre Freude an Begriffen wie Abfleischung, Großvieheinheit oder Beihilfefähigkeit entdeckte. Den Rhythmus und die Bewegung, die sie in ihren Texten diesen Wortungetümen einhauchte, ließ ahnen, wie befruchtend die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaftlern und Dichtern sein kann.

"eins: zum anderen - ein Gesprächsexperiment zwischen Lyrik und Wissenschaft", bis 19.9. Infos zu den Veranstaltungen an diesem Samstag unter www.lyrikundwissenschaft.de/veranstaltungen

© SZ/arga
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