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Einmalig in Bayern:Kleine Schule, großer Schritt

Nach 65 Jahren eröffnet in München wieder ein jüdisches Gymnasium - mit zehn Schülern und neun Lehrern

Viel beschreiben muss Miriam Geldmacher dem Lieferanten nicht. "Wir haben nur ein Klassenzimmer", sagt sie und lacht ins Telefon. Dort soll nun die neue Tafel hingeliefert werden. Pulte, Stühle und sogar ein Skelett für den Biologie-Unterricht sind bereits an ihrem Platz. Mit der Tafel ist das Zimmer komplett, und das gerade rechtzeitig. Hier am Sankt-Jakobs-Platz in München öffnet in wenigen Tagen eine ganz besondere Schule: das bayernweit einzige jüdische Gymnasium. Geldmacher wird die Einrichtung gemeinsam mit Marcus Schroll leiten, der das religiöse Erziehungswesen verantwortet. Neun Lehrer und zehn Schüler in einer fünften Klasse zählt das Gymnasium. Ein eigenes Schulgebäude soll es daher erst in zwei, drei Jahren beziehen.

Der kleine Start ist dennoch ein bedeutender für das jüdische Leben in der Stadt. 65 Jahre lang hat es in der vielfältigen Schullandschaft Münchens keine weiterführende jüdische Schule gegeben. An den Vorläufer erinnert sich kaum mehr jemand. Nach dem Zweiten Weltkrieg war zwar eine hebräische Schule gegründet worden. Die aber schloss im Jahr 1951, weil zu wenige Juden in Deutschland geblieben waren.

Nun aber ist München zu einer Heimat für die jüdische Bevölkerung geworden. Mit dem Gymnasium rückt das Judentum nicht nur ein weiteres Stück in das öffentliche Leben der Stadt. Zudem vervollständigt die Israelitische Kultusgemeinde München (IKG) damit ihr Bildungsangebot. Sie bietet bereits eine Krippe, einen Kindergarten und eine Grundschule an. "Eine weiterführende Schule hat noch gefehlt", sagt Geldmacher. Wie die anderen Bildungseinrichtungen steht auch das Gymnasium allen Kindern offen. Im ersten Jahrgang sind etwa zwei Drittel jüdischen und ein Drittel nicht-jüdischen Glaubens. Gelehrt wird an der staatlich genehmigten Schule nach dem in Bayern gültigen Lehrplan - mit ein paar Besonderheiten. Im naturwissenschaftlich-technologischen Gymnasium lernen die Kinder nicht nur Englisch und später Französisch, sondern auch von Anfang an Hebräisch. Jüdische Religion steht für alle Schüler verpflichtend auf dem Stundenplan, ebenso wie jüdische Literatur und Geschichte. Und zu Mittag gibt es in der Ganztagsschule koscheres Essen, einmal wöchentlich eine Sabbatfeier.

Damit führe das Ganztags-Gymnasium die Inhalte der Sinai-Grundschule weiter - ein Gedanke, der die Gründungsphase der Schule begleitet habe, wie Geldmacher erzählt. Die Idee, ein jüdisches Gymnasium in München zu gründen, gibt es schon sehr lange. In den vergangenen zwei Jahren aber wurden die Pläne konkret. "Viele Eltern sind sehr zufrieden mit der Sinai-Grundschule und wollen, dass die Kinder auch nach der vierten Klasse zusammenbleiben", sagt Geldmacher. Andere wiederum schätzten es, dass die Kinder selbstverständlich in der jüdischen Tradition und Kultur mit all den Bräuchen aufwüchsen.

Zu diesen Eltern zählt Eugen Alter. Er hat sich für das Gymnasium engagiert - auch seines Sohnes wegen. Der beendete im Sommer die Sinai-Grundschule. "Er hat sich dort sehr wohlgefühlt, die Kinder waren wie eine Familie", sagt Alter. Zudem hätte der Vater es schade gefunden, wenn sein Sohn etwa das Hebräischlernen unterbrechen hätte müssen, weil es ein solches Angebot an der neuen Schule nicht gegeben hätte. "Ich bin schon sehr stolz, dass mein Kind zur ersten Generation gehört und die Tradition dieses Gymnasiums beginnt", sagt Alter.

In seine Freude mischt sich auch Erleichterung, das ist ihm deutlich anzuhören. Ganz stressfrei nämlich sind die vergangenen Monate nicht verlaufen. Der Schulbetrieb musste beantragt, zahllose Fristen eingehalten werden. "Wir hatten aber von Anfang an eine großartige Unterstützung vom Kultusministerium mit der Aussage: 'Schön, dass es in München wieder ein jüdisches Gymnasium geben wird'", sagt Geldmacher. Und Alter fügt hinzu: "Wir sind sehr froh, dass alles so kurzfristig geklappt hat." Beim nächsten Gymnasium wird vieles einfacher sein, sagt er im Spaß.

So weit gehen die Überlegungen derzeit nicht. Die Fünftklässler sollen in aller Ruhe ins neue Schuljahr starten. In den kommenden zwei Jahren will die Schule noch in den Räumen der Israelitischen Kultusgemeinde am Jakobsplatz bleiben. "Wir wollten nicht mit einer oder zwei Klassen in einem komplett leeren Schulhaus starten", erklärt Geldmacher. Parallel aber laufe die Suche nach einem geeigneten Objekt. In acht Jahren sollen die ersten Schüler in einem eigenen Schulhaus Abitur machen.

Die Suche nach geeigneten Lehrern hingegen ist abgeschlossen. Schulen mit nur einer Klasse tun sich naturgemäß nicht allzu leicht mit ihrem Personal, weil nur wenige Stunden zu vergeben sind. Im Fall des jüdischen Gymnasiums aber kommen gleich mehrere Besonderheiten zusammen, die Geldmacher als "Glücksfall" bezeichnet.

Zum einen gilt dort - anders als in den allermeisten öffentlichen Schulen - das Zwei-Lehrer-Prinzip. Jede Stunde wird von einem Fachlehrer und einem sogenannten Differenzierungslehrer gestaltet, der sich um die spezielle Förderung der besonders starken oder schwächeren Schüler kümmert. Geldmacher selbst wird Deutsch unterrichten. Kunst- und Musiklehrer werden aus der Grundschule geliehen. "Das war erstaunlich unproblematisch", sagt Geldmacher, die zuvor am Lehrstuhl für Deutsch-Didaktik an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) gearbeitet und das pädagogische Konzept des Gymnasiums erstellt hat.

Ein wichtiger Bestandteil des Wertekanons ist das gegenseitige Verständnis, das an jüdische und nichtjüdische Kinder vermittelt werden soll. "Ich werde nie vergessen, wie die anderen Kinder nicht mehr mit mir - dem 'Judenkind' - spielen durften und wollten. Das war die Ideologie, die ihnen infiltriert wurde. Wir müssen heute unseren Kindern das Gegenteil - Toleranz, Offenheit und gegenseitigen Respekt - mit auf den Weg in ihr Leben in einer globalisierten, pluralistischen Welt geben", sagt IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch. Die Gründung des Gymnasiums sei ein Neuanfang und gleichzeitig ein wichtiges Signal sieben Jahrzehnte nach dem Holocaust: "München ist für junge jüdische Familien wieder eine Heimat mit Zukunft, eine Heimat auf Dauer. Wir gehören selbstverständlich zu dieser Stadt, wir sind ein fest verwurzelter Teil Münchens und endlich wieder sichtbar und selbstbewusst."