Süddeutsche Zeitung

Einkaufen in der Innenstadt:Das große Schaufenster

Ein Tag zwischen Stachus und Marienplatz beweist, dass die Fußgängerzone lebt - ganz gleich, ob ihre Geschäfte geöffnet sind oder nicht. In der Michaelskirche werden in der Mittagszeit überforderten Passanten sogar "Atempausen" angeboten.

Wo der Münchner niemals hingeht: Erstens: das Oktoberfest. Viel zu laut und viel zu voll. Zweitens: das Hofbräuhaus. Nur betrunkene Engländer. Drittens: der Viktualienmarkt, außer in den Biergarten. Wer seinen Bedarf an Obst, Gemüse und Schafskäse dort deckt, der kann das Zeug gleich in der Apotheke kaufen. Und natürlich die Fußgängerzone. Kein Münchner, keine Münchnerin, wenn sie bei klarem Verstand sind, würde freiwillig in die Kaufingerstraße gehen, außer es muss ein T-Shirt für drei Euro her, ein Anzug vom Hirmer. Oder jemand hätte Lust, bei 10 000 Japanern aufs Urlaubsfoto draufzukommen, aber wer will das schon? Niemand also geht in die Fußgängerzone, soviel ist klar.

An einem Donnerstagmorgen kurz vor 9 Uhr scheint das tatsächlich zu stimmen: Lieferwagen liefern Waren, sonst ist alles ruhig und leer. Geöffnet haben bereits ein 1-Euro-Shop, ein Souvenir-Standl und die Bürgersaalkirche, weil anscheinend schon zu dieser frühen Stunde Nachfrage besteht nach FC-Bayern-Trikots, billigem Plastikzeug und geistlicher Erhebung. Noch geschlossen haben Zara und Oberpollinger, auch Technikfragen sind um diese Zeit wohl keine offen: Der Saturn macht wie die meisten Geschäfte um 9.30 Uhr auf. Ein bisschen was ist dennoch schon zu sehen: Der Straßenverkäufer, der zur Präsentation seines Gemüsehobels eine halbe Obstplantage aus dem Transporter wuchtet. Das "Café zur Mauth", das nicht von Dobrindt betrieben wird, sondern von Rischart; gerade finden vier Asiaten das Angebot an bayerischen Backwaren ebenso gruselig wie lustig. Und am Marienplatz gehen Männer vor ihren Frauen in die Knie, aber nur, damit sie Frau und Rathaus gemeinsam auf ein Bild bekommen.

Das alles deutet schon darauf hin, was die Fußgängerzone ist - und vor allem, was sie nicht ist: eine Einkaufsstrecke zur Deckung des täglichen Bedarfs nämlich, wo die Anwohner bekommen, was sie gerade brauchen. Abgesehen davon, dass es in der Altstadt ja kaum Anwohner gibt. Gerade mal 8600 Menschen wohnen laut Statistik in Graggenau, Kreuz-, Hacken- und Angerviertel, das sind nicht einmal 0,6 Prozent der Gesamtbevölkerung. Dennoch - oder deswegen - ist die Kaufingerstraße jedes Jahr wieder die belebteste, beliebteste und auch teuerste Einkaufsstraße Deutschlands, was laut einer Mitteilung der Immobilienfirma BNP Paribas am "konsumigen Mix aus trendigen Flagship-Stores, Kaufhäusern und angesagten Filialisten" liegt, weil die nämlich "für ein vielfältiges und attraktives Angebot" sorgen. Aha.

So gesehen ist also die Dame keineswegs typisch, die knapp eine Stunde nach Ladenöffnung im Kaufhof am Marienplatz ein Viertelpfund Butter und zwei Philadelphia kauft. Hier im Untergeschoss ist es zwar kühl, aber noch recht leer. So geht's aber anderen Geschäften in der Straße auch, kaum ein Mensch belästigt das Verkaufspersonal in den verschiedenen Satelliten von Pimkie und H&M - da ist die Hauptzielgruppe wohl noch in der Schule. Das touristische Treiben allerdings nimmt am Marienplatz seine Anfänge: Eine Kindergruppe darf auf den Rathausbalkon und spielt dort Meisterfeier ("Bayern, Bayern!"). Stadtführer warten auf Kundschaft, die Führung durchs Zentrum gibt's kostenlos, die Fahrt nach Dachau kostet 20 Euro. Ein Guide erzählt auf Englisch vom Dreißigjährigen Krieg, während sein Publikum die Kameras justiert für das Glockenspiel. Ein kleiner Bub findet das Holzfiguren-Turnier zwischen dem Wittelsbacher und dem Lothringer sowie den Schäfflertanz nicht so wahnsinnig interessant und macht seine Eltern lieber auf eine Taube aufmerksam: "Wauwau."

Die ganze, rund 900 Meter lange Einkaufsmeile ist nun bereit und fertig, was sich zum Beispiel daran zeigt, dass im Hirmer-Schaufenster die Modepuppen ordnungsgemäß an ihrem Platz stehen. Vor der Öffnung zeigten sie den wenigen Passanten ihre Rückenpartie, auf diese Weise enthüllend, dass der perfekte Sitz der Anzüge mithilfe von mehreren Stecknadeln erreicht wird, was bei vielen Menschen auch empfehlenswert wäre, aber sicher komisch aussähe.

In der Diskussion um den verkaufsoffenen Sonntag führten die Gegner oft das Argument ins Feld, dass es doch eh schon die ganze Woche so hektisch, rasant und atemlos ist, da sei es doch gut, wenn der Mensch wenigstens am Sonntag zur Ruhe komme. Eine junge Verkäuferin in einem der Bekleidungsgeschäfte meint hingegen: Einmal im Jahr gehe das schon, nicht so schlimm, wird ja auch extra bezahlt. Kann aber sein, dass diese optimistische Einlassung daher kommt, dass die Chefin daneben steht, die dann noch befiehlt, den Namen der Kette auf keinen Fall zu nennen, für Presseauskünfte sei nämlich die Zentrale zuständig.

Jetzt, gegen Mittag, macht die Fußgängerzone, ehrlich gesagt, auch keinen übermäßig hektischen Eindruck: Die Leute flanieren, tragen Einkaufstüten, die Asiaten fotografieren tatsächlich alles, als wollten sie ein Klischee erfüllen. In der Michaelskirche gibt es dennoch, wie an jedem Werktag um 12.30 Uhr, eine "Atempause" - der Sprecher sagt: "In der Mitte der Stadt, in der Mitte der Fußgängerzone, in der Mitte des Tages." Ein Orgelstück, dann geht's um den heiligen Barnabas, den heiligen Paulus, um Ignatius von Loyola und um Trost. Eine junge Frau mit mandelförmigen Augen zieht ihre Schuhe aus, um die Söckchen zu richten, wird aber von einer älteren Dame zurechtgewiesen, dass sich das nicht gehört. Nach einer Viertelstunde und einem weiteren Orgelstück wünscht der Sprecher den immerhin rund 30 Atemschöpfern "einen trostreichen Tag".

Den finden jetzt viele Menschen in den Augustiner Großgaststätten. Ein anscheinend amerikanisches Paar - er ein Dunkles, sie ein Radler - teilt sich eine Schweinshaxn, nach dem ersten Bissen gibt's ein beifälliges Nicken, dann lesen sie sich gegenseitig die Speisekarte vor, was offensichtlich sehr lustig ist, wenn man Amerikaner ist. Die Tische sind gut gefüllt, aber beileibe nicht nur mit Touristen: Rentner-Stammtische, Geschäftsleute im Anzug. Ein Stückchen weiter, beim Lavazza am Dom, sitzen zwei Frauen und erörtern Modefragen, während es bei den beiden Männern einen Tisch weiter um die Löwen, Klinsmann, den DFB und die Fifa geht. Ergebnis: Netzer ist an allem schuld.

Das wird ja bei aller Kritik an der Münchner Fußgängerzone oft vergessen: Dass sie eben nicht, wie in so vielen Kleinstädten, ausschließlich ein Nebeneinander von Filialisten ist, leblos und unattraktiv, wenn die geschlossen haben. Sondern dass es Gastronomie gibt, den Dom, das Jagd-Museum, die Kirchen, die Hypo-Kunsthalle, wo die Leute, die Touristen nicht zum Shoppen hingehen, sondern um etwas zu sehen. Am Marienplatz spielt sich dann kurz vor Ladenschluss sogar ein richtiges menschliches Drama ab, am Handy regelt ein junger Mann seine offenbar gerade zu Ende gegangene Beziehung: "Ich will meinen Espressokocher, meine Ketten und mein Pups-Kissen zurückhaben." Die Straßenmusikanten haben jetzt ihre hohe Zeit, am lustigsten ist vorm C&A die "Konnexion Balkon", die bald mehr als 100 Menschen um sich geschart haben.

Die Fußgängerzone lebt, daran besteht nach einem ganzen Tag zwischen Stachus und Marienplatz kein Zweifel. Sie ist zudem keine Versorgungsstraße - sondern ein knapper Kilometer, auf dem, neben allem anderen, Shoppen als Erlebnis, wenn nicht als Event organisiert wird. So gesehen, ist es dann nur folgerichtig, mal am Sonntag aufzumachen. Dass da dann auch Leute arbeiten müssen, ist zwar einerseits blöd für sie. Andererseits aber auch eine ganz andere Frage.

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SZ vom 13.06.2015
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