Einkaufen in der Großstadt:Wie sich ein kleines Kaufhaus in München behauptet

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Einkaufen in der Großstadt: Das Haus am Münchner Ostbahnhof, in dem sich seit 1979 der Kaufring befindet.

Das Haus am Münchner Ostbahnhof, in dem sich seit 1979 der Kaufring befindet.

(Foto: Catherina Hess)

Karstadt und Kaufhof liegen nur ein paar Stationen entfernt, der Internethandel boomt. Harte Zeiten für ein Stadtteil-Kaufhaus in der Großstadt? Ja, aber beim Kaufring läuft das Geschäft.

Von Sebastian Krass

Wer das Vorurteil bestätigt bekommen möchte, der muss nicht lange suchen. Da ist die abgeschabte "EG"-Markierung auf dem Boden vor dem Aufzug, als hätte seit der Eröffnung dieses Gebäudes im Jahr 1966 niemand mehr drübergemalt. Im ersten Stock hängt von der Decke ein hübsch vergilbtes Schild mit rotem Pfeil und der Aufschrift "Abwärts zur Rolltreppe".

Hinab ins Untergeschoss führen schwarzgrüne Marmortreppen. Unten dann die Buchabteilung: Das Regal "Romane A-Z" ist so groß wie die Regale für Fantasy und Erotik. Davor steht ein proppenvoller Verkaufstisch, das Schild obendrauf verspricht "Liebe-Arzt-Heimat-Romane" zu 50 Cent das Stück, den Fünferband zu 1,99 Euro. Dieser Kaufring am Münchner Ostbahnhof ist ein aus der Zeit gefallenes Kaufhaus, ein kurioses Fossil - so zumindest das Vorurteil.

Aber dann erzählt Christian Horn, der Eigentümer des Hauses, er verfolge mit Freude, wie sich das Geschäft bei seinem Hauptmieter entwickelt: "Der neue Geschäftsführer verjüngt das Kaufhaus." Und Gerd Hessert, Honorarprofessor für Handelsmanagement an der Uni Leipzig und Experte für Kaufhäuser, sagt: "Die Bilanzen der Betreiber sind über Jahre blitzsauber. Die haben ihren Laden im Griff."

Über Kaufhaus-Konzerne liest man eigentlich seit Jahren vor allem Krisengeschichten. Was noch funktioniert, sind große Flaggschiff-Filialen wie die in der Münchner Innenstadt. Die haben eine viel größere Auswahl und liegen nur drei, vier S-Bahn-Stationen vom Kaufring entfernt, sind also eine harte Konkurrenz. Aber auch diesen Weg sparen sich viele Menschen.

Wer sich mit dem Fahrrad auf den Weg zum Kaufring am Ostbahnhof macht, kommt oft nur im Slalom voran. Weil in dem durchgentrifizierten Stadtteil Haidhausen ständig Paketdienste unterwegs sind, um Lieferungen aus dem Internethandel abzugeben. Da stellt sich die Frage: Wie überlebt eigentlich so ein kleines Kaufhaus in einer großen Stadt?

"Wir verkaufen Nähe", sagt Magnus Versen, der Geschäftsführer. Seit sechs Jahren füllt er diese Funktion aus. Er ist erst der zweite Geschäftsführer, seit im Jahr 1979 der Kaufring hier eingezogen ist. Solche Beständigkeit kann auch ein Indikator dafür sein, dass die Geschäfte halbwegs laufen. Versen selbst personifiziert die Beständigkeit: Er war schon Praktikant, Azubi, Einkäufer und Filialleiter in der Firma.

Im Flur, der zu seinem Büro führt, hängen Werbebilder vom früheren Kaufhaus Horn aus den Sechzigern. "Ein Familienkaufhaus mit persönlicher Note!", lautet einer der Sprüche. Versen erzählt von den Mitarbeitern, die teils seit Jahrzehnten hier arbeiten und die ihre Kunden beim Namen kennen, seine Mitarbeiter hätten auch mal Zeit für ein Schwätzchen. "Manche Kunden rufen wir auch an und sagen ihnen, was in den letzten drei Wochen neu reingekommen ist bei der Mode." Das klingt nach guter, alter Einzelhandels-Zeit. Im zweiten Stock gibt es ja auch die Kurzwarenabteilung und eine stattliche Auswahl an bunt gemusterten Körben, Taschen und Rollwägen für den Einkauf.

Aber Versen erzählt auch, was sich geändert hat in den vergangenen Jahren: Unterhaltungselektronik und Süßwaren zum Beispiel hat er aus dem Sortiment geworfen. Lief nicht mehr. Und er erzählt von der Mode, 60 Prozent seines Umsatzes mache das Geschäft mit Textilien aus. Es gibt noch Klassiker-Marken wie Esprit und S'Oliver, aber weniger davon als vor zehn Jahren. "Dafür haben wir neue Labels, die schneller sind, die individueller sind", sagt Versen. Soyaconcept aus Dänemark zum Beispiel.

Er reagiert damit auch auf die Verjüngung der Bevölkerung in Haidhausen. Gerry Weber zum Beispiel gibt es hier weniger. Anders als in der Kaufring-Filiale in Fürstenried am Münchner Stadtrand (die andere Filiale in Pasing hat Anfang des Jahres zugemacht, weil der Mietvertrag ausgelaufen ist). "In Fürstenried haben wir eine ganz andere Altersstruktur, da ist Gerry Weber deutlich wichtiger als in Haidhausen", sagt Versen.

Dass ein Kaufhaus sich hält, das noch dazu so sehr von Mode abhängig ist, findet Branchenkenner Hessert "respektabel". Der Modemarkt stagniere ja seit Jahren, und der Online-Anteil sei in der Sparte schon bei 25 Prozent. "Da kommt es auf den Unternehmer an, der sich vor Ort auskennt, der die Kunden kennt und der sein Sortiment selbst zusammenstellt."

Und was passiert, wenn die Baustelle für die Stammstrecke kommt?

Einkaufen in der Großstadt: Das Kaufhaus ist auch eine Art Nahversorger für Dinge, die Supermärkte nicht führen und sonst nur Spezialgeschäfte.

Das Kaufhaus ist auch eine Art Nahversorger für Dinge, die Supermärkte nicht führen und sonst nur Spezialgeschäfte.

(Foto: Catherina Hess)

Gerade überlegt Versen, die Schmuckabteilung neu aufzuziehen. Er zielt auf Lustkäufe. "Schmuck ist eine hoch emotionale Sache. In unserer Gesellschaft haben viele Menschen von allem reichlich, dann geht es oft um die Frage: Was möchte ich mir leisten?" Dass demnächst die Juwelenräuber von den Pink Panthern hier einfallen, ist aber eher unwahrscheinlich. Das Schmuckangebot soll sich wie das gesamte Sortiment im Bereich "Mittelpreis mit Tendenz ins Höherpreisige" bewegen, wie Versen sagt. "Wir müssen es vermeiden, abgehoben zu wirken."

Hinter der Betreiber-GmbH der zwei Kaufring-Häuser in Haidhausen und Fürstenried stecken ungefähr zwei Dutzend Privatpersonen als Gesellschafter, auch hier solide Verhältnisse also. Nach der Insolvenz der deutschlandweiten Kaufhauskette Kaufring vor 15 Jahren gab es die Überlegung, die Marke abzustreifen, aber eine Befragung der Kunden ergab: besser so lassen. So gibt es Kaufring bis heute, aber nur noch in München.

Seine Existenz verdankt das Haus auch der Rolle als Nahversorger für Dinge, die eine Drogerie oder ein Supermarkt nicht führen und sonst nur Spezialgeschäfte, wenn es sie denn zufällig im Viertel gibt: den Schulranzen, das Holzspielzeug oder den Schraubenzieher. Da ist zum Beispiel die kleine Baumarktecke. Hier gibt es nicht regalmeterweise Auswahl pro Produkt, aber es gibt, was man so braucht im Mietwohnungsalltag.

Und es riecht dabei nach Duftkerzen, das Regal grenzt direkt an. Nur drei Schritte weiter beginnt bereits die Haushaltswarenabteilung: vom Spargelschäler zum Bügeleisen, vom Staubsauger zum Fußabstreifer. Im Baumarkt oder im Groß-Kaufhaus liegen solche Artikel 200 Meter oder fünf Stockwerke auseinander.

Es ist eine Nische, in der dieses Kaufhaus überlebt - weil es offenbar ordentlich geführt wird und weil es keine echte Konkurrenz im direkten Umfeld gibt. Nun aber kommt eine gewaltige Störung auf dieses Biotop zu: die Großbaustelle für die zweite S-Bahn-Stammstrecke auf dem Orleansplatz, also direkt vor der Tür. Die Arbeiten sollen nach derzeitiger Planung im dritten Quartal 2018 beginnen und sieben Jahre dauern. Anfang 2019 wird dann eine Lärmschutzwand errichtet, zehn bis 15 Meter vor dem Kaufhaus und vier Meter hoch. Trotzdem werden Lärm und Staub zu spüren sein.

"Es wird uns mit voller Wucht treffen", sagt Versen. Er will versuchen, mit mehr Marketing und noch besserem Sortiment dagegenzuhalten. "Ich gehe davon aus, dass der Standort hier nicht in die roten Zahlen rutscht, aber ich kann es nicht garantieren. Und zum Glück haben wir ja das zweite Standbein in Fürstenried." Aber kann es für das Unternehmen im Extremfall auch existenzbedrohend werden? Versen überlegt einen Moment und antwortet: "Ich glaube nicht." Er sagt es mit entschlossener Stimme.

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