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Einfach nur anders (5): Monika Sirch:Die Welt von unten

Am Fahrkartenautomat, im Fahrstuhl oder im Supermarkt: Fast an jeder Ecke lauern für Monika und Johann Sirch Hindernisse. Die beiden Münchner sind kleinwüchsig.

Simone Sälzer

Ihre Lebensgeschichten sind unterschiedlich: Sie sind arbeitslos, obdachlos, süchtig oder einsam. Doch sie haben eines gemeinsam - in der Gesellschaft haben sie keine Lobby. In einer Serie porträtiert sueddeutsche.de Menschen, die sich an den Rand gedrängt fühlen und "einfach nur anders" sind.

Monika Sirch Kleinwüchsig

Die neuen Fahrkartenautomaten in München kann Monika Sirch selbst bedienen. Ein Traum - denn im Alltag muss sie oft Fremde um Hilfe bitten.

(Foto: Simone Sälzer)

Im Café sitzt Monika wie ein Kind auf dem zu großen Stuhl. Ihre Füße baumeln in der Luft. Sie kann sich nicht anlehnen. Ihre Ellenbogen stützt sie auf dem Tisch ab, um Halt zu haben. Johann erreicht gerade mit den Zehenspitzen den Boden. "Die Füße schlafen sehr schnell ein", sagt er und lacht.

Monika und Johann Sirch sind kleinwüchsig. Monika misst 1,35 Meter, Johann ist gerade mal zwölf Zentimeter größer. "Wir werden von der Gesellschaft meist nicht so wahrgenommen, wie wir uns das wünschen", sagt die 41-Jährige. In Restaurants werden sie manchmal nicht bedient, in Geschäften stehen gelassen oder in Ämtern einfach übersehen. "Viele behandeln uns wie Kinder, nur weil wir so klein sind", fügt ihr Mann hinzu. In Deutschland sind etwa 80.000 bis 100.000 Menschen kleinwüchsig, das heißt kleiner als 1,50 Meter. Dabei gibt es rund 200 Formen von Kleinwüchsigkeit.

"Kann ich helfen?", fragt ein älterer Herr an der U-Bahn-Station am Marienplatz. Monika Sirch blickt erstaunt auf, lächelt dann: "Nein, der neue Fahrkartenautomat ist perfekt." In einer Höhe von 1,25 Meter ist alles erreichbar. Für die beiden Kleinwüchsigen ein Traum. "Schade, dass es so etwas nicht öfters und schon länger gibt", sagt Johann Sirch.

Ihr Auto - eine Sonderanfertigung

Denn im Alltagsleben lauert für die beiden fast an jeder Ecke ein Hindernis. Wollen Monika und Johann Sirch am Automaten Geld abheben, müssen sie sich auf die Zehenspitzen stellen. Die Regale im Supermarkt sind für sie viel zu hoch. Im Fahrstuhl sind die Knöpfe meist zu weit oben. Beim Bäcker sehen sie wegen des hohen Tresens nur die Hälfte der Waren. Ihre Kleidung müssen sie maßschneidern lassen, ihr Auto ist eine Sonderanfertigung.

Monika Sirch kommt, hat kurze, brünette Haare und eine Brille. Sie ist modisch gekleidet: weiße Bluse, violette Hose und Weste. Passend dazu trägt sie eine Kette. Der Lidschatten schimmert in einem zarten Lilaton. Die Ärmel ihres beigen Mantels sind aber mehrmals umgekrempelt. "Ich kaufe in normalen Läden ein", sagt sie, schnappt sich eine Jeans und lacht. Denn diese ist fast so lang, wie Monika groß ist. "Wir müssen nur alles ändern lassen."

Manchmal schickt eine Verkäuferin die Sirchs einfach in die Kinderabteilung. Das finden sie demütigend. "Wir wollen nicht mit einem Micky-Mouse-Shirt rumlaufen, da werden wir erst recht nicht wahrgenommen", sagt ihr Mann, der ein dunkles Hemd und blaue Jacke trägt. "Wir werden sowieso viel zu oft wie Kinder behandelt, von den meisten werden wir nur geduzt."

Monika Sirch leidet an Achondroplasie: Als sie zwei Jahre alt ist, wachsen ihre Röhrenknochen an Beinen und Armen nicht mehr. Oberkörper und Kopf sind normal groß. "In der Schule bin ich oft gehänselt worden", sagt die Verwaltungsangestellte. Am ersten Schultag habe eine Mutter ihre Tochter von Monika weggezogen, als sich diese mit ihr in einer Zweiherreihe aufstellen sollte. "Ich wurde manchmal so behandelt, als hätte ich eine ansteckende Krankheit, als sei ich giftig."

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