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Ein Stück Heimat:Bayern im Quadrat

Christine Meder sucht Achsen. Und Farbpunkte. Einen roten Stuhl, eine Mondsichel. Ihrem malerischen Ansatz bleibt sie auch als Fotografin treu. Die Arbeiten nennt sie "Bayerische Hofpostkarten"

Die Bücher im Zaun zum Beispiel, die hat Christine Meder bei ihrem Nachbarn entdeckt. Er hatte sie zum Trocknen aufgeschlagen und zwischen die verwitterten Holzlatten gesteckt. Meder hat fotografiert, was sie gesehen hat. Nichts sei gestellt, sagt sie. Natürlich nicht. Die Fotografin klingt entrüstet und fängt dann zu lachen an. Wie kann man wissen, dass sie sich die Motive für ihre Karten nicht selber schafft? Eine solche Vermutung greift ihre Ehre als Künstlerin an. Weil sie möchte, dass das, was sie entdeckt, auch andere sehen, deshalb gibt es ihre Edition "Bayerische Hofpostkarten". Meder, 53 Jahre alt, mit den Händen immer in Bewegung, schnell denkend und sprechend, sagt grinsend: "Die Münchner erinnert der Name an das Nobelhotel am Promenadeplatz." Andere denken an die königlich-bayerische Vergangenheit. Meder aber nennt diese Din-A-6-Erzeugnisse Hofpostkarten, weil sie ihre Bilder dafür in der Nähe eines Bauernhofs im Chiemgau findet. Die meisten jedenfalls.

Bild oder Fotografie? Sebastião Salgado, der kämpferische brasilianische Kollege, den Meder sehr mag, verbittet sich den Ausdruck Bild für eine Fotografie. Meder findet das richtig. Aber sie kommt von der Malerei, da spricht man von Bildern. Ihre "Lichtspuren", in denen Bewegungen vor einem offenen Kameraobjektiv zu Streifen werden, die Wirklichkeit zu einer bloßen Ahnung, ähneln Gemälden, also Bildern.

Meder hat in München an der Fachhochschule Kommunikationsdesign studiert und war an der Münchner Kunstakademie bei Gerd Winner in der Klasse. Durch ihn hat sie mehr und mehr die Fotografie entdeckt. Er reiste mit seinen Studenten, nahm sie etwa mit nach New York. Er lehrte sie, Reisetagebücher zu führen und solche Ausflüge mit vielen Fotos zu dokumentierten. "Gerade in New York habe ich gelernt, meinen Blick auf die Umgebung zu lenken", sagt Meder. In dieser Stadt aber könne ja jeder ein Spitzenfoto machen.

Die Gegend in der sie nun wohnt, muss man sich erst erobern als Münchnerin. Erwandern, erschauen. Der Chiemgau und der Rupteriwinkel sind zu Meders Rückzugsgebiet geworden. Regelmäßig verbringt sie auch einige Tage der Woche in der Nähe des Tachinger Sees. Hier hat sie sich mit ihrem Mann in der Hofmühle eingemietet.

Aufgewachsen ist Meder in Schwabing. Ihre Ausbildung war eine logische Folge ihrer Lust am Malen, während sie Schülerin war. Inzwischen greift sie nur noch selten zum Pinsel. In ihrem Atelier im Oberföhringer Foe 156 habe sie zu wenig Platz dazu, beklagt sie. Dort stehen Meders Fotografien, wenn sie nicht in Ausstellungen hängen. Zuletzt waren einige in den Kunstvereinen von Ebersberg und Rosenheim zu sehen. Ihrem künstlerischen und malerischen Ansatz bleibt sie aber auch als Fotografin treu. "Ich denke an Malerei und an Kunstgeschichte beim Fotografieren", sagt sie.

Die langen, brennenden Kerzen, ein Hofpostkarten-Motiv, seien ihr "persönlicher Gerhard Richter". Dass die Dachschräge der Berghütte darauf parallel zum dahinterliegenden Bergkamm liegt, ist kein Zufall. Sie sucht Achsen. Und Farbpunkte. Einen roten Stuhl, eine Mondsichel. Früher sei sie viel gereist, sagt Meder. Sie fährt sich durch das hellbraune Haar. Eine Verlegenheitsgeste. Sie könne sich Fernreisen nicht mehr leisten, sagt sie. Amerika, Afrika, das gehöre zur Vergangenheit. Kreativität werde immer schlechter bezahlt. Sie müsse neue Wege finden.

Seit vielen Jahren arbeitet Meder als freie Fotografin und Designerin für den Bayerischen Rundfunk und die ARD, aber nicht mehr so intensiv wie früher. Nun betreut sie Bachelor-Studenten an der Hochschule in Ravensburg und ist zur Fotografin ihrer Umgebung geworden. Zwei Katzen und ein Hund binden sie an Bayern.

Seit 2011 produziert Meder ihre Hofpostkarten. Angefangen hat sie mit neun Motiven, inzwischen sind es 85 verschiedene. Sie finanziert deren Druck selbst in einer Auflage von 500 Stück pro Bild und versucht sie zu verkaufen. Im Alzhouse in Truchtlaching zum Beispiel stehen einige zur Auswahl, online gibt es sie alle. Die Fotografie darauf ist quadratisch, neun auf neun Zentimeter groß, umgeben von einem weißen Rand. Meder hat an das Hotel Bayerischer Hof geschrieben. Bat um Einverständnis, hoffte insgeheim auf eine Vertriebsmöglichkeit. Sie bekam keine Antwort.

Wie eine Ansichtskarte aus dem Souvenirladen dreht man sie instinktiv um, hofft auf eine Erklärung oder Ortsangabe. Vergeblich. "Das Motiv soll Allgemeingültigkeit behalten", sagt Meder. Nur sie kennt die kleinen Begebenheiten dazu: Dass das Handy im Trachtenschuh einer jungen Frau gehörte, die barfuß daneben in der Wiese saß beispielsweise. Der rosafarbene Hirschkopf glänzte in einer Schaufensterauslage in Salzburg. Schöne Beine in roten Stöckeln vor Füßen in Haferlschuhen? "So etwas sieht man eigentlich nur auf der Wiesn", sagt Meder. Viel Zeit hatte die Fotografin nicht für diese Bein-Paarung. Auf dem Oktoberfest bleiben weder das Bier noch der Mensch lange stehen.

Die Unschärfe passt zu dieser Aufnahme, sie steht für die Vergänglichkeit des Augenblicks. Der berühmte Cartier-Bresson'sche Augenblick, um den es auch in Meders Arbeit geht. Vier junge Frauen in Dirndln, Tücher um die Schultern, Hüte auf den Haarkränzen, sie scharren sich um ein Smartphone, amüsieren sich offensichtlich über eine Mitteilung. Die selbstverständliche Kombination von Tradition und moderner Technik, das fasziniert Meder. Auch das in den Himmel ragende Kreuz zwischen zwei rund geschnittenen Sträuchern: Wolkenkratzer - nicht in New York, sondern in Bayern.