Ein Leben mit der Geschichte des Vaters Ein Mensch wie tausend Teufel

Walter Chiemelewski hat die Erinnerung nie losgelassen. "Wenn mein Vater seine SS-Stiefel angezogen hat, wurde er zu einem anderen Menschen", sagt er.

(Foto: Robert Haas)

Carl Chmielewski war Kommandant des Konzentrationslagers Gusen. Er war so brutal, dass es sogar der SS zu viel wurde. Erst nach 70 Jahren fand sein Sohn Walter die Kraft, seine grausamen Erinnerungen einem Autor zu diktieren - an eine Jugend zwischen Sonntagsbraten und Todeslager

Von Michael Morosow, Unterhaching

Carl Chmielewski war ein grausamer Mensch, für viele seiner Opfer ein blutrünstiger Teufel in Menschengestalt. "Beim Anblick dieser Bestie zitterten alle", sagte nach seiner Befreiung ein Häftling des KZ Gusen in Oberösterreich, in dem zwischen 1940 und 1945 nahezu 35 000 Menschen umgebracht wurden; viele vom KZ-Kommandanten Chmielewski eigenhändig erschlagen, totgepeitscht, erschossen, totgetreten. Aus der Laune heraus, zumeist im Vollrausch. Er vergewaltigte weibliche Häftlinge und raubte Wertsachen, bis sich sogar die SS zum Einschreiten gezwungen sah. Er kam ins Gefängnis des Lagers Dachau und tauchte nach dessen Befreiung unter. 1961 wurde er wegen 283-fachen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt, 1979 von Franz Josef Strauß begnadigt. Carl Chmielewski starb 1991 in Bernau am Chiemsee. Er hinterließ einen Sohn, Walter Chmielewski.

"Trinken Sie den Kaffee mit Zucker und Milch?", fragt der Sohn des Teufels sein Gegenüber. Er hat eine kräftige Stimme für einen 87-Jährigen, sein Augenlicht hat dagegen arg nachgelassen. Auf dem rechten Auge ist er blind, das linke hat ein Sehvermögen von zehn Prozent. Auf dem von seiner Lebensgefährtin Johanna Lohs geschmackvoll gedeckten Kaffeetisch liegt ein Buch mit erdfarbenem Umschlag. Das Cover zeigt Walter lächelnd hinter einem Stacheldraht, seine Schläfen sind kahlrasiert, wie es sich für einen Jungspund in Nazideutschland gehörte. Lächeln im Angesicht eines Stacheldrahtes, das Bild steht für die zerrissene Kindheit und Jugend von Walter Chmielewski. Der Titel des 477 Seiten starken Bandes: "Der Sohn des Teufels", erschienen im Oktober 2015 im Offizin Verlag Zürich. "Es sind wieder böse Erinnerungen wach geworden", sagt der in Unterhaching lebende Rentner. Er selbst hatte vor zwei Jahren das Bedürfnis, sein langes Schweigen zu brechen und fand in dem freien Autor Holger Schaeben einen Ghostwriter. Dieser recherchierte mehr als ein Jahr und suchte dabei auch die Orte des Geschehens auf. Am Ende stand ein biografischer Roman, literarisch geschrieben, aber auf Fakten gestützt.

Walter Chmielewski wird am 23. Juni 1929 in München geboren. Ende 1932 tritt sein Vater, ein arbeitsloser Holzbildhauer und Elfenbeinschnitzer, der NSDAP bei, 1933 verbietet er seiner Frau Maria, weiterhin für einen jüdischen Chef zu arbeiten. Walter ist gerade einmal vier Jahre alt, als sein Leben unterm Hakenkreuz beginnt. Noch aber ist er nicht angewidert von all den Herrenmenschen und deren kruden Machtfantasien. Mit dem Aufstieg seines Vaters in der SS-Hierarchie bis hin zum Lagerleiter des KZ Gusen verbessert sich das Auskommen der ganzen Familie. Plötzlich ist genügend Geld da für eine größere Wohnung mit Garten in München-Sendling, bald steht ein BMW 326 Cabriolet vor der Haustüre . Und wie freute sich der Bub, als sein Vater am 3. August 1936 mit ihm auf der Tribüne des Berliner Olympiastadions saß, als Jesse Owens das Finale im 100-Meter-Lauf gewann. Zu Weihnachten bekommt er, was er sich wünscht: Skier, Elektronik-Baukasten, stromlinienförmige Lokomotive, schwarze Dampflok. Was er aber nie bekommt, ist väterliche Liebe.

Dabei hatte sein Vater Großes mit ihm vor, steckte ihn 1938 in die Nationalpolitische Erziehungsanstalt (Napola) in Potsdam, eine braune Kaderschmiede, in der das Jungvolk auf Linie gebracht wurde. Doch Walters Mutter hielt dagegen, befreite ihn aus den Fängen der ideologisch verbrämten Seelenfänger und holte ihn zurück ins Elternhaus, das nun in Sankt Georgen stand, unweit vom KZ Gusen. "In dem NS-Elite-Internat war ich sehr unglücklich, weshalb das Leben in Sankt Georgen, so paradox das klingt, für mich wie eine Befreiung war", berichtet Walter Chmielewski. Wie arg müssen die Zustände in der Napola wohl gewesen sein, wenn sich ein Kind neben einem Massenvernichtungslager wohler fühlt als dort?

Walter ist elf Jahre alt, als sein Leben als Grenzgänger zwischen zwei Welten beginnt, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Die eine riecht nach Apfelstrudel und frisch gemahlenem Kaffee, die andere nach verbrannten Menschenleibern. In der einen steht der Vater, ein Hobbykoch, mit weißer Schürze in der Küche, in der anderen betrunken mit der Peitsche auf dem Appellplatz. Die Bürger von Sankt Georg haben sich schnell mit den SS-Schergen arrangiert, Freundschaften entstehen, Ehen werden geschlossen. Carl Chmielewski und andere Menschenschlächter wohnen Tür an Tür. Die Kontakte der SS-Familien zu den Dorfbewohnern sind eng. Autor Schaeben schreibt: "Die Frauen trafen sich beim Einkaufen, die μKinder beim Spielen, die Männer beim Morden." Im Hause Chmielewski gehen SS-Größen wie Heinrich Himmler ein und aus. Sie seien nett zu ihm gewesen, wie auch Adolf Hitler sehr freundlich zu ihm gewesen sei, als er ihn einmal im "Braunen Haus" in München traf, erzählt Walter Chiemelewski. "Er tätschelte meine Wangen und sagte: So stelle ich mir deutsche Jungen vor."

Nur noch selten besucht Walter seinen Vater im Lager, auch weil er die beißenden Rauchschwaden aus den Kaminen der Verbrennungsöfen nicht mehr ertragen kann. SS-Hauptsturmführer Carl Chmielewski spricht mit seinem Sohn inzwischen nur noch im Befehlston, seine Verbrechen im Lager werden häufiger und brutaler.

"Unter dem Gelächter der besoffenen SS-Männer prügelte Chmielewski, der so betrunken war, dass er sich kaum auf den Beinen halten konnte, eigenhändig. Er wankte und drosch mit dem Ochsenziemer ein: auf Köpfe, Rücken, Nieren", schreibt Schaeben. Dem Lager-Friseur schoss er grundlos eine Kugel ins Auge, öfter betrat er eine Wohnbaracke über das Fenster und stieg über die Häftlinge hinweg. Als ein Häftling namens Novak entkam, mussten auf seine Anordnung hin alle Mithäftlinge zwei Tage und Nächte "auf dem Appellplatz stramm stehen, ohne Essen und Trinken, und in kurzen Intervallen im Chor "Komm nach Hause, Novak" rufen. Wer zusammenbrach, wurde auf der Stelle erschossen. "Papa, warum tust du das alles nur?", fragte Sohn Walter einmal. "Das sind doch nur Verbrecher und Untermenschen", bekam er zur Antwort.

Autor Schaeben zitiert einen polnischen KZ-Gefangenen: "Über sich selbst sagte Chmielewski, er sei die Verkörperung von tausend Teufeln, er habe keine menschlichen Empfindungen wie Mitleid oder Erbarmen, er versteht nicht, was es heißt, ein Herz für Menschen zu haben, nichts und niemand konnte ihn rühren." Walter Chmielewski sagt: "Mein Vater hat für mich immer zwei Gesichter gehabt. Wenn er seine SS-Stiefeln angezogen hat, wurde er zu einem völlig anderen Menschen, sein Reden, sein Gesichtsausdruck veränderten sich mit einem Schlag. Dann ist er mir immer unsympathisch gewesen."

Wer einen Teufel zum Vater hat, braucht einen Schutzengel, um nicht selbst zur Hölle zu fahren. Maria Chmielewski liebte und schützte ihren "Herzibua" und stärkte seine Abwehrkräfte gegen alle Nazi-Ideologien. "In ihrem Walter hielt sie immer eine Flamme des Zweifels am Brennen, die ihm sagte, dass die Sache, für die sein Vater stand, nicht nur zu verurteilen, sondern zu verabscheuen sei", schreibt Schaeben. Nicht nur über ihren Sohn, auch über die Lagerinsassen hielt sie ihre schützende Hand. Sie hatte bald Respekt und Angst vor ihrem Mann verloren. "Daheim habe ich das Sagen, wenn du anschaffen willst, dann gehst in dein Lager", herrschte sie ihn einmal an. Die mutige Frau setzte unter anderem durch, dass Häftlinge die gleiche Mahlzeit wie die SS-Wachen bekamen. Der Frau des Lagerführers wagte niemand zu widersprechen. "Nach der Befreiung kam ein Häftling zu uns nach Hause und sagte zu meiner Mutter: Ihren Mann haben wir gehasst, aber Sie sind im Lager verehrt worden wie eine Madonna."

Als Maria Chmielewski von einer Liebschaft ihres Mannes erfährt, verlässt sie ihn. Carl Chmielewski wird Anfang 1943 Lagerleiter des KZ Herzogenbusch in Holland. Im Herbst wird er wegen "Überschreitung der Befehlsgewalt" von einem SS-Gericht zu 15 Jahren Haft verurteilt. Sohn Walter wird mit 14 Jahren an die Front in der Ostmark geschickt - und als Kriegsgefangener ausgerechnet im ehemaligen KZ Gusen interniert, wo er Leichenberge beseitigen muss. Mit seiner Mutter zieht er nach Kriegsende nach München. Dort führte er 30 Jahre lang ein technisches Büro. Im Alter von 71 Jahren eröffnete er mit seiner Lebensgefährtin Johanna in Harlaching einen Geschenkeladen. Im Alter von 86 Jahren setzte er sich zur Ruhe.

Seinen Vater besuchte er nur noch einmal. Zur Aussöhnung kam es nicht. "Der war voller Selbstmitleid", sagt der Sohn. Hat er seinem Vater verziehen? "Nein", sagt er mit kräftiger Stimme. Walter ist 87 Jahre alt, als er das bewegendste Kapitel seines Lebens endgültig zuklappt.