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Ehrenamt:"Atomisiertes Engagement"

Ehrenamtliche sind noch immer Herz und Rückgrat der meisten Vereine. Doch langfristige Bindungen nehmen ab - und das Anspruchsdenken steigt

Die Stadt wächst unaufhaltsam, das gilt auch für den Sport: Im Jahr 2008 zählte München 616 Vereine, in denen knapp 450 000 Mitglieder Bällen hinterherjagten, über Tartanbahnen liefen oder in Schwimmbecken Bahnen zogen. Ende 2019 waren es schon knapp 600 000 Aktive in 700 Vereinen. Was oft nicht auffällt, das ist die hohe Zahl an Ehrenamtlichen. Auch ihr Engagement ist riesengroß, jedenfalls zeigen das die Zahlen des Referats für Bildung und Sport: Demnach sind von rund 600 000 Münchnern, die ehrenamtlich helfen, 20 Prozent im Bereich Sport und Bewegung tätig. Dennoch gibt es Probleme - und die sind vielschichtig.

Pia Kraske, die Geschäftsführerin des ESV München, steht vor immer neuen Herausforderungen. Der in Laim beheimatete ESV ist nach eigenen Angaben inzwischen der größte Breitensportverein der Stadt - mit 8000 Mitgliedern, 220 Übungsleitern und 50 hauptamtlichen Kräften, von Haustechnikern und Reinigungspersonal über Verwaltungsangestellte bis hin zur Mittagsbetreuung und den Trainern. Auch dieser riesige Klub lebt von den Ehrenamtlichen. "Zurückgegangen ist ihre Anzahl eher nicht", sagt Geschäftsführerin Kraske. "Aber die Art des Engagements hat sich verändert. Kurzfristige, klar abgegrenzte Einsätze: Ja, gerne. Die langfristigen Bindungen nehmen dagegen eher ab." Kraske hat auch einen Begriff dafür: "Atomisiertes Engagement."

Eltern im Verein seien oft sehr engagiert, berichtet die Klub-Geschäftsführerin - aber nur bis ihre Kinder langsam flügge würden. Die 20- bis 30-Jährigen seien eher auf Ausbildung und Studium konzentriert, das G 8 ist auch ein Problem. "Es gibt jetzt allerdings zarte Pflänzchen: Rentner, die ein sinnvolles Engagement suchen", sagt Kraske. Ehrenamtliche seien extrem wichtig: "Es geht nicht ohne. Ich müsste gigantische Beiträge verlangen, und dann wären wir ein ,Closed Circle'." Ein geschlossener, exklusiver Kreis.

Auch Beppo Brem, Kreisvorsitzender München-Stadt im Bayerischen Landessport-Verband (BLSV), sieht einen Wandel im Ehrenamt. "Die Klagen über die Probleme, Ehrenämtler zu finden, die auch Vorstandsposten übernehmen, werden größer", sagt er. Das liege auch daran, dass die Anforderungen ans Ehrenamt extrem gewachsen seien. Die Vorstände müssen heute in vielerlei Hinsicht Experten sein, im Datenschutz, in der Bauplanung, bei Umweltschutzauflagen, bei Förderanträgen. Das wollen sich immer weniger Menschen antun, was gerade in kleineren Vereinen zu massiven Problemen führt. Denn diese können eben nicht auf unzählige Profis bauen wie der ESV und andere Münchner Großvereine. Manche kämpfen mit einer Handvoll Ehrenamtlichen ums Überleben.

Brem sieht noch ein weiteres Problem: den geringer werdenden Zusammenhalt. "Vielleicht klingt das altmodisch, aber früher war der Verein auch eine Solidargemeinschaft. Heute denken viele Mitglieder: Ich zahle hier meinen Beitrag, deshalb erwarte ich auch eine entsprechende Leistung."

Der BLSV-Kreisvorsitzende wünscht sich - neben mehr Frauen und Menschen mit Migrationshintergrund in Führungs-positionen - auch eine Großkampagne der Stadt fürs Ehrenamt, "dass man diese Anerkennungskultur wieder mehr unterstützt", wie Brehm sagt. Die Stadt fördert Engagierte immerhin mit der bayerischen Ehrenamtskarte und mit "München dankt!", samt Gutscheinen. Aber die zwei enthaltenen Streifenkarten für den Münchner Nahverkehr hat ein Ehrenamtlicher, der dreimal wöchentlich zum Verein fährt, ganz schnell verbraucht.