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Ehemaliges Pfanni-Gelände am Ostbahnhof:Der Knödel ist gegessen

Auch Autos verzierte der Pfanni-Schriftzug.

(Foto: Archiv der Pfanni Werke)

Im Jahr 1949 gründete Werner Eckart die Pfanni-Werke in Berg am Laim. Bis 1996 wurden dort Kartoffelprodukte hergestellt. Als die Produktion eingestellt wurde, zogen Partygänger und Kreative in die heutige "Kultfabrik".

Von Günther Knoll

Es war einmal Europas größte Knödelküche: das Pfanni-Werk am Ostbahnhof. Vergleicht man die Kartoffelprodukte mit ihrer Münchner Herstellungsstätte, ergeben sich verblüffende Parallelen. Wie aus Pulver eine Figur geformt wird, die dann schnell zum prallen Knödel oder zum Puffer wird und schließlich zum Verspeisen einlädt, so wurde die Idee der Kartoffelprodukte immer wieder geformt, aufgekocht und in neuen Varianten angeboten. Und das Werk in Berg am Laim gedieh mit, um dann wie ein Knödel nach gut 40 Jahren - für ein Unternehmen eine relativ kurze Garzeit - geschluckt zu werden von einem großen Konzern.

Im September 1949 gründete Werner Eckart das Unternehmen in München. Die Ursprünge reichen zeitlich weiter zurück. Schon Vater Otto Eckart und auch Großvater Johannes, der seit 1868 eine Konservenfabrik mitten in der heutigen City am Jakobsplatz betrieb, hatten mit getrockneten Kartoffeln als Nahrung für die Front experimentiert. Mit Klößen oder Chips hatte das nichts zu tun, die Soldaten nannten die Speise jedenfalls despektierlich "Drahtverhau". Doch die Idee ließ die Eckarts nicht los. Auf einer Nahrungsmittelmesse 1949 jedenfalls stellte Werner Eckart den "Urknödel" vor, hergestellt aus Pulver , das in erster Linie für Kartoffelpuffer bestimmt war. Und es begann ein einzigartiger Siegeszug, der über Pürree, Kochbeutelknödel, Chips, Tiefkühlkost und raffinierte Fertiggerichte schließlich zu einem Jahresumsatz von fast 380 Millionen Mark führte, die Pfanni als damals größter europäischer Spezialist für Kartoffelprodukte erwirtschaftete.

"Gutes aus München - Gutes aus Kartoffeln"

Das Stammwerk in München wurde zu klein, schon 1967 gründete man in Cloppenburg ein Zweigwerk. 1990 sollte dann das moderne Werk in Stavenhagen in Mecklenburg folgen. Pfanni arbeitete bald mit anderen Unternehmen zusammen, national wie international. Die Liebe zum Stammsitz München aber wurde stets dokumentiert: "Gutes aus München - Gutes aus Kartoffeln" lautete etwa einer der vielen Werbeslogans. Diese Liebe aber wurde offensichtlich nicht so ganz erwidert, wie es das Unternehmen erwartete.

Pfanni über den Wolken: Die Firma setzte darauf, ihren Schriftzug überall unter zu bekommen.

(Foto: Archiv der Pfanni Werke)

Das ist zu spüren, wenn Barbara Kosler aus der Firmengeschichte erzählt. Sie war früher jahrzehntelang für Pfanni in der Öffentlichkeitsarbeit tätig und betreut jetzt das Kartoffel- und Pfanni-Museum am alten Stammsitz. Jedenfalls gab es vor der Jahrtausendwende eine Zeit in München, da betrachtete man produzierendes Gewerbe eher als stadtbildstörend, auch wenn es laut Kosler nur "Wasserdampf" war, der da aus den Kaminen auf dem Werksgelände in Berg am Laim zum Himmel stieg.

"Oberbürgermeister Georg Kronawitter betonte bei vielen Gelegenheiten, dass München keine industrielle Produktion mehr innerhalb der Stadt brauche", schreibt der letzte Firmeninhaber, Werners Sohn Otto Eckart, mit einiger Bitternis im Kapitel "Schlussakkord" seines Buchs " Pfanni - mein Leben". Millionen an D-Mark musste das Münchner Werk zuletzt jedes Jahr an Abwassergebühren an die Stadt bezahlen. Doch der damalige Münchner OB war nicht der Hauptschuldige am Niedergang, der Markt veränderte sich, die Energie- und Lohnkosten stiegen.

Die Bauern traf es hart, dass Pfanni in München aufhörte

Wenn die Bauern aus dem Umland damals ihre Ernte zu Pfanni brachten, dann war das auch den Verkehrsdurchsagen im Radio zu entnehmen. "Achtung, Autofahrer, verschmutzte Fahrbahnen im Bereich des Ostbahnhofs und der Rosenheimer Straße" , hieß es damals. Denn die Landwirte um München fanden für ihre Kartoffeln in Pfanni einen dankbaren Abnehmer, der aber auch die Bedingungen diktierte. Die Regeln für die Pfanni-Kartoffelbauern bilden bis heute den Grundstock für kontrollierten Vertragsanbau in ganz Europa. Und die Bauern traf es hart, dass Pfanni in München aufhörte. Die spezielle Pfanni-Kartoffel war für den Markt ungeeignet. In Feldmoching, in Ismaning, in Vaterstetten - überall wurden damals landwirtschaftliche Betriebe stillgelegt oder umgestellt.

Dem produzierenden Gewerbe in München ging es in dieser Zeit zwischen 1990 und 2000 ähnlich: Pfanni war nicht das einzige Werk, es traf unter anderem auch den Backmittel-Hersteller Diamalt AG in Allach. Die Marktanteile von Pfanni schrumpften, die Umsätze vor allem bei den Kartoffeltrockenprodukten gingen zurück. Experimente mit Kartoffelecken, -herzen oder -taschen brachten ebenso wenig Erfolg wie die fantasievollen Werbekampagnen, für die Pfanni seit je berühmt war. Man hatte es damit zwar im wahrsten Sinne des Wortes geschafft, "in aller Munde" zu sein.

Keine Chance mehr

Doch im Konzert der Großen konnte die Firma nicht mithalten, als Spezialist für ein Nischenprodukt war sie selbst zu groß. Laut Otto Eckart war es nicht nur Unternehmensberater Roland Berger, der zum Verkauf riet. Auch Firmengründer Werner Eckart selbst sah keine Chancen mehr für sein "Kind". So verkaufte der Sohn im Jahr 1993 das Unternehmen an Knorr-Maizena, das dann 2000 vom Großkonzern Unilever geschluckt wurde. Der lässt auch heute noch in Stavenhagen Pfanni-Produkte produzieren, im Münchner Werk wurden 1996 die letzten Maschinen abgeschaltet.

In Spitzenzeiten waren dort bis zu 1000 Mitarbeiter beschäftigt, für die hatte man verträgliche Lösungen gefunden, wie Otto Eckart schreibt. Und manche von ihnen kommen noch heute zur Weihnachtsfeier der "Ehemaligen" in der alten Betriebskantine auf dem Werksgelände zusammen. Das lag nicht lange brach: Otto Eckart wurde mit Münchens Hallenmogul Wolfgang Nöth handelseins. Wo früher Kartoffeln verarbeitet wurden, da sollte es jetzt rund gehen im "Kunstpark Ost", der nach doch zu exzessivem Feiern später zur "Kultfabrik" wurde.

Kartoffelküche am Ostbahnhof

Kenntlich zu machen, dass das Areal ursprünglich Pfanni-Terrain war, das ist das Anliegen der Eckarts: Etliche Gebäude des Werks stehen noch, nicht nur die Kantine. Das für das Unternehmen typische Orange findet sich nicht nur am Eingang, sondern immer wieder auf dem Werksgelände, natürlich gibt es das Kartoffel- und Pfanni-Museum im Verwaltungsbau. Und selbst ein VW-Käfer in den typischen Unternehmensfarben, wie sie früher als große Flotte auf den bundesdeutschen Straßen auf das Münchner Unternehmen aufmerksam machten, fährt noch - allerdings mit anderer Beschriftung. Was man schon von weitem als orange-farbenen Kloß auf einem der Gebäude am Rand des Geländes wahrnimmt, das hat ursprünglich nichts mit Pfanni zu tun. Es zeigt aber, wie tief sich im Münchner Unterbewusstsein die Kartoffelküche am Ostbahnhof eingegraben hat.

Ganz wird dieses Bewusstsein wohl auch nicht schwinden, wenn das sogenannte Alte Werksviertel zu einem modernen Stadtquartier mit Büros und Wohnungen wird. Ottos Sohn Werner Eckart führt seit 2011 das Familien-Unternehmen, das sich statt um Kartoffeln nun um Immobilien kümmert. Er will sich nicht nur dafür einsetzen, dass Kunstschaffende und Medientreibende, die im Moment auf dem Werksgelände zu Hause sind, bleiben, sondern auch die alten Straßennamen. Wohnen am "Schwemmkanal" also, wo früher die braunen Knollen transportiert und gleichzeitig gewaschen wurden.

© SZ vom 31.08.2015/lime

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