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Ehec:Gefahr im Streichelzoo

GERMERING: TdoT auf dem GNADENHOF FUER TIERE - GUT STREIFLACH

Bester Schutz vor einer Infektion mit Ehec: nach dem Streicheln die Hände waschen.

(Foto: Johannes Simon)

Ein 15 Monate altes Mädchen erkrankt schwer an Ehec. Es hat sich vermutlich bei Ziegen und Schafen infiziert. Die Gefahr durch den Kontakt mit Tieren ist den Behörden bekannt - Kontrollen gibt es aber nicht.

Erst hatte Anna nur Durchfall. Die Eltern dachten an einen Magen-Darm-Virus, zumal auch die ältere Schwester über Übelkeit geklagt hatte und sich übergeben musste. Während die Vierjährige recht schnell wieder fit war, wurde es bei der erst 15 Monate alten Anna (Name von der Redaktion geändert) immer schlimmer. "Durchfall und Erbrechen waren sehr stark, sie wurde immer schwächer und blasser", schildert die Mutter.

Schließlich konnte Anna auch kein Wasser mehr lassen. Der Kinderarzt schickte die Münchner Familie sofort in das Schwabinger Klinikum. Die Diagnose: Hämolytisch-urämisches Syndrom, kurz: HUS. Eine Erkrankung der Blutgefäße, bei der Blutzellen zerstört und die Nierenfunktion geschädigt wird. Ausgelöst von Ehec-Erregern, vermutlich beim Besuch eines Streichelzoos.

Es stand schlimm um die kleine Anna: Komplettes Nierenversagen, Blutarmut, zwei Katheteroperationen. Fünf Tage lag sie auf der Intensivstation, anfangs waren stündlich eine Dialyse und eine Blutkonserve nötig. "Wir hatten extreme Angst um sie, es war der Horror", sagt die Mutter. Und über allem schwebte die vorwurfsvolle Frage: Wie und wo hatte sich die Tochter mit den lebensbedrohlichen Bakterien infiziert, die von Tieren übertragen werden und unter anderem in frischer, nicht pasteurisierter Milch vorkommen? Denn Rohmilchprodukte kämen in der Familie nicht auf den Tisch, wie die Mutter versichert.

Rätseln über die Ursache der Erkrankung

Dass Nahrungsmittel - wie bei dem Ehec-Ausbruch durch verunreinigte Sprossen in Norddeutschland im Jahre 2011 - nur eine Ursache für die Infizierung sein können, wusste die Familie zunächst nicht. Auch die Ärzte rätselten. "In der Klinik hat man uns gefragt, aus welchem Kuhdorf wir denn kommen", erinnert sich die Mutter, "aber wir wohnen doch mitten in der Stadt".

Ehec Ein lebensgefährlicher Erreger
Fragen und Antworten zu Ehec

Ein lebensgefährlicher Erreger

Bislang war das Ehec-Bakterium fast nur Fachleuten ein Begriff. Dann breitete es sich 2011 rasant in Deutschland aus, es gab 52 Todesopfer. Woher aber kommt der Erreger? Und wie kann man sich vor ihm schützen?   Markus C. Schulte von Drach

Allerdings hatte die Familie zwei Wochen zuvor einen Ausflug ins Münchner Umland unternommen, in einen Wildpark. Auch um Ziegen und Schafen zu streicheln. Dass dort hin und wieder Jungtiere aus dem Gehege ausbüxen und über den Kinderspielplatz hüpfen, darüber hatten sich die Eltern keine Gedanken gemacht. Heute sind sie überzeugt, dass sich ihre Kinder dort infizierten.

Dass seine Ziegen und Schafe den Ehec-Erreger in sich tragen könnten, bestreitet auch der Betreiber des Tierparks nicht. Das sei bei Wiederkäuern ganz normal. Auf Schildern würden alle Besucher daher zum Händewaschen angehalten. Auch gebe es eigens Spender mit Desinfektionsmitteln auf dem Gelände.

Tiere als Hauptinfektionsquelle für Ehec

Laut Robert-Koch-Institut (RKI) gelten vor allem Rinder, Schafe und Ziegen, aber auch Rehe und Hirsche als Ehec-Reservoir und Hauptinfektionsquelle. Die Infektion erfolgte meist unbeabsichtigt über die orale Aufnahme von Fäkalspuren, etwa beim Kontakt mit Tieren oder beim Verzehr von kontaminierten Lebensmitteln. Das höchste Erkrankungsrisiko hätten Kinder unter drei Jahren.

Meldepflichtig ist eine Ehec-Erkrankung seit 2001. Deutschlandweit werden dem Robert-Koch-Institut jährlich zwischen 925 und 1183 Fälle bekannt. An HUS, der schweren, lebensbedrohlichen Verlaufsform, erkranken etwa fünf bis zehn Prozent der Betroffenen. In München vermerkte das Gesundheitsamt im Jahr 2012 insgesamt 72 Ehec-Fälle, davon vier HUS-Erkrankungen. 2013 wurde bei 97 Patienten Ehec nachgewiesen, nur einer erkrankte an HUS. In diesem Jahr sind bereits drei HUS-Fälle bekannt. Wie die Sprecherin des Gesundheitsamts München, Katrin Zettler, sagt, handelt sich es sich bei allen um Kleinkinder. Zwei seien vorher in Streichelzoos gewesen.