Neuer Film von Edgar ReitzDas Bergson kann auch Kino

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Fototermin mit Regisseur und Stars: Edgar Reitz (Mitte) sucht in seinem neuen Film gemeinsam mit Edgar Selge (links) und Lars Eidinger nach Erkenntnis.
Fototermin mit Regisseur und Stars: Edgar Reitz (Mitte) sucht in seinem neuen Film gemeinsam mit Edgar Selge (links) und Lars Eidinger nach Erkenntnis. Robert Haas

Im Bergson findet zum ersten Mal eine Kinopremiere statt, gezeigt wird Edgar Reitz’ „Leibniz – Chronik eines verschollenen Bildes“. Und Schauspielstar Lars Eidinger schaut auch vorbei.

Von Josef Grübl

Das Bergson Kunstkraftwerk im Münchner Stadtteil Aubing ist für sein vielseitiges Konzert-, Kunst- und Kulturprogramm bekannt, jetzt kommt ein weiteres „K“ hinzu: Kino kann das Bergson auch, an einem Dienstagabend im September verwandelt sich der für sein visionäres Klangsystem viel gerühmte Konzertsaal in einen Kinosaal. Auf dem Programm steht die Münchner Premiere des neuen Films von Edgar Reitz: Der mit seinen „Heimat“-Filmreihen auch international bekannt gewordene Münchner Regisseur unternimmt in seinem neuen Kinofilm „Leibniz – Chronik eines verschollenen Bildes“ den ebenso spannenden wie herausfordernden Versuch, das Schaffen des Universalgenies Gottfried Wilhelm Leibniz auf knapp 100 Minuten zu verdichten.

Er beschäftige sich schon seit vielen Jahren mit Leibniz, erzählt der 92-jährige Reitz vor Vorstellungsbeginn: „Wenn man einmal damit begonnen hat, begegnet einem Leibniz überall.“ Schließlich habe sich dieser mit fließenden Übergängen von allem und zu allem befasst. Das sieht man dem Film auch an, in dem es vordergründig um eine Porträtsitzung geht, aber auch um Pinselstärken, Pigmente und Perückenkleber, um Rechenmaschinen, Anti-Schmerz-Zwingen oder Camerae obscurae. In einem schwarzen Loch verwahrt der große Denker seine Ideen, sicht- und lichtgeschützt auf an langen Stangen befestigten und vollgekritzelten Zetteln. Einmal fragt er im Film: „Wollen wir ein wenig miteinander denken?“

An dieser Stelle kommt Lars Eidinger ins Spiel: Der Berliner Film- und Theaterschauspieler verkörpert in Reitz’ neuem Kinofilm einen eitlen und etwas einfältigen Hofmaler, der von der preußischen Königin Charlotte den Auftrag bekommt, ein Leibniz-Porträt für das royale Porzellankabinett im Schloss Charlottenburg anzufertigen. Dass das nicht gutgehen kann, ist offensichtlich: „Am besten einfach mal an gar nichts denken“, sagt der Maler zu dem vor ihm auf einem Schemel stehenden Philosophen (Edgar Selge). Was für einen Geistes- und Gedankenmenschen wie Leibniz natürlich unmöglich ist: So beginnt schon bald eine Auseinandersetzung über das Verhältnis von Kunst und Wahrheit sowie über die Frage, ob sich ein sterbliches Wesen wirklich durch ein paar Pinselstriche dem Vergessen entreißen lässt.

Schauspielerin Antonia Bill begrüßt im Bergson ihren Kollegen Michael Kranz.
Schauspielerin Antonia Bill begrüßt im Bergson ihren Kollegen Michael Kranz. Robert Haas

„Ich wollte im Spiel nicht den Fehler begehen, schlauer sein zu wollen als meine Figur“, sagt Lars Eidinger am Premierenabend im Bergson. Zwischendurch hätte er Leibniz aber auch gerne mit seinen eigenen Argumenten geantwortet, gesteht er. Beim obligatorischen Fototermin mit der Filmcrew überragt der Schauspieler alle anderen Anwesenden, nicht nur körperlich, sondern wohl auch vom Bekanntheitsgrad: Eidinger ist derzeit einer der größten Schauspielstars im Land, an diesem Abend will aber kaum jemand Selfies oder Autogramme von ihm.

Er beantwortet ein paar Fragen und lässt sich mit seinen Schauspielkollegen Edgar Selge, Antonia Bill und Michael Kranz fotografieren. Nach dem Film reiht er sich neben dem Produzenten Ingo Fliess und dem sichtlich bewegten Reitz zum Schlussapplaus auf der Bühne ein. Dieser sagte vor Vorstellungsbeginn, dass ein Film erst dann fertig sei, wenn er auf der Leinwand zu sehen und in den Köpfen der Menschen sei. Insofern ist sein Werk an diesem Abend in Aubing wohl vollendet.

„Was mich hier am meisten faszinierte, ist das verpasste Leben“, erzählt Edgar Selge am Rande der Premiere. Leibniz habe sich zeit seines Lebens nur seinen Gedankenwelten, Theorien und Erfindungen hingegeben, ein Privatleben hatte der 1716 verstorbene Philosoph wohl keines. In einem Artikel wurde er als „Vordenker der digitalen Gesellschaft“ bezeichnet, im Film spricht er einmal von dem von ihm entwickelten binären Zahlensystem, von Einsen und Nullen. „Fehlt nur noch ein Pinsel, der selbst malt“, sagt im Film eine Malerin zu ihm. Im Bergson gibt es das bereits: Nebenan in der Galerie des Kunstkraftwerks findet an diesem Abend eine Vernissage statt, in der von der KI gesteuerte Roboterarme Porträts von den Gästen herstellen.

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