Der Roman „Echtzeitalter“ als Bühnenstück in MünchenZocken bis zur Matura

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Ganz nah dran an der Gegenwart: „Echtzeitalter“ ist die Geschichte einer Schulzeit. Am Anfang tragen die Schauspielenden noch Masken.
Ganz nah dran an der Gegenwart: „Echtzeitalter“ ist die Geschichte einer Schulzeit. Am Anfang tragen die Schauspielenden noch Masken. Arno Declair

Der junge Regisseur Jan Friedrich bringt Tonio Schachingers Roman „Echtzeitalter“ auf die Bühne des Münchner Volkstheaters. Das Leben der Hauptfigur ist ihm selbst noch ganz nah.

Von Christian Jooß-Bernau

Was ist das eigentlich für eine läppische Romanhandlung? Ein Junge kommt auf ein Wiener Gymnasium. Seine Klasse wird regiert von einem schratig-despotischen Lehrer. Er befreundet sich mit zwei Mädchen und wird außerhalb der engen Schulmauern zu einer großen Nummer der Gamer-Szene. Ohne größere Dramen wurschtelt er sich irgendwie durch und macht 2020 seinen Abschluss. Und auch wenn einer seiner Klassenkameraden einen Hauch Schulzeitnostalgie entwickelt – Till fasst das Ganze anders zusammen. Die letzten Sätze: „Spinnst du?“, sagt Till. „Es war die Hölle, du Idiot!“

Mit seinem zweiten Roman „Echtzeitalter“ ist Tonio Schachinger etwas Erstaunliches gelungen: die virtuose Inszenierung des Alltäglichen. An vielen Stellen sieht man das große Drama schon als dramaturgische Notwendigkeit aufziehen, aber Schachinger bleibt im Fluss. Der Tod von Tills Vater, der neue Freund der Mutter, der schulsystemimmanente Sadismus, die ersten Strahlen der Liebe – alles fügt sich mit einer Selbstverständlichkeit aneinander, die im Leben der Lauf der Dinge ohnehin besorgt. Im Roman noch locker verfugt von der Stimme des Erzählers, deren leichtes Lächeln, den Hässlichkeiten die Spitze nimmt.

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Man kann diesem mühelosen Buch verfallen: Und der junge Regisseur Jan Friedrich hat sich begeistern lassen. Er sitzt im Hof des Münchner Volkstheaters – kurz noch eine Brezn vor dem Interview, bevor es am Nachmittag dann weitergeht zur Beleuchtungsprobe. 1992 geboren, trennen ihn nur knapp zehn Jahre von Till Kokorda, der Hauptfigur des Romans. Das „Echtzeitalter“ ist für ihn wie eine große Anekdotensammlung aus der Schulzeit – und auch sein eigenes Gymnasium in Eisleben erkennt er in Tills Marianum wieder.

In Wien, Graz und Salzburg kam das Stück bereits auf die Bühne, Friedrich hat sich bewusst keine Inszenierung angesehen, um „pur“ zu bleiben. Hat selbst aus dem Roman „auch ein bisschen intuitiv und emotional“ seine Fassung destilliert.

Regisseur Jan Friedrich spielte in seiner Jugend nächtelang „World of Warcraft“.
Regisseur Jan Friedrich spielte in seiner Jugend nächtelang „World of Warcraft“. Fabian Stellhorn

Till spielt „Age of Empires“, ein 1997 erstmals aufgelegtes Computer-Strategiespiel. Tonio Schachinger macht natürlich nicht den Fehler, in seinem Roman das Computerspiel mit bräsig pädagogischer Miene zur Weltflucht zu überhöhen. Es ist einfach Bestandteil der Lebenswirklichkeit und läuft weitgehend konfliktfrei. Regisseur Jan Friedrich zockte als Jugendlicher „World of Warcraft“. Exzessiv. Bis er mit 16, 17, wie er sagt, den Stecker zog und sich selbst zu einer Pause zwang. Er kennt das Gefühl, nach einer Nacht vor dem Computer übermüdet in der Klasse zu hocken. Träumt er noch manchmal von seiner Schulzeit? Nein, sagt Friedrich: aber von „World of Warcraft“.

„Kabale und Liebe“, „Hedda Gabler“, „Der Kirschgarten“, „Woyzeck“ – seit 2016 inszeniert Friedrich an deutschen Bühnen Stücke, die in der Mehrzahl schon lange im Theaterkanon angekommen sind. Und seine Aufgabe war, sagt er, den Stoff zu sich herüberzuziehen. Im „Echtzeitalter“ war er von Anfang an mittendrin. Sein Zugang war ganz ungefiltert. Er suche nach Stoffen, die „emotional irgendwas in mir auslösen. Das kann auch, wie in diesem Fall, etwas Lustiges sein. Ich fand das Buch extrem komisch“. Die überraschende Leichtigkeit des Romans beginnt schon mit der Wahl der Hauptfigur, einem fast in allen Belangen eher durchschnittlichen Kind: „Genau diese Figur, die vielleicht nicht so im Spot steht, die ist auch erzählenswert, und die Probleme sind auch ernsthaft, wenn sie auch nicht so existenziell sein mögen.“

Die Schauspielenden tragen erst einmal Masken

An der „Ernst Busch“ in Berlin hat Jan Friedrich Zeitgenössische Puppenspielkunst studiert. Im „Echtzeitalter“ tragen seine Schauspielenden erst einmal Masken. Auch als kleine Hommage an seine Inszenierung „Frühlings Erwachen“ die 2018 an der Münchner Schauburg solches Aufsehen auslöste, dass sie zum Festival „Augenblick mal!“ nach Berlin eingeladen wurde. Diesmal setzt er aber nicht auf ein Maskenspiel, das den ganzen Körper puppenhaft bewegt: „Ich steh nicht so auf Kunsthandwerk“, sagt Friedrich. Und so ist die Maske diesmal eher Markierung der Kindheit, fröhliches „Kasperltheater“, und wird abgelegt, wenn die Figuren über sie hinauswachsen.

Bei seiner ersten Inszenierung am Volkstheater arbeitet Friedrich mit einem sehr jungen Ensemble. Der Lehrer Dolinar, die Mutter, sie kommen bei ihm nicht als schauspielerische Illusion auf die Bühne. Seine Schauspielenden sind Erzählende und springen abwechselnd in die Figuren. Nicht um die psychologische Durchleuchtung soll es gehen, sondern um eine Verabredung mit dem Publikum, das Vorzeigen der Figuren.

Das Gefühl von Jugend: ein feiner Zug der Ignoranz

Vielleicht ist dieses leichte Spiel mit den Oberflächen der Figuren, ein guter Weg, die Erfahrung von Jugend lebendig scheinen zu lassen. Auf den ersten Blick geht Till eigenwillig unberührt durch Glück und Katastrophen. Auf den zweiten Blick ist es genau dieser feine Zug der Ignoranz, in der das Gefühl von Jugend lebt. Irgendwo im Hintergrund dieses Romans wird die Krim überfallen, stolpert Heinz-Christian Strache über die Ibiza-Affäre, diese „bsoffene Gschicht“. Man feiert: das Event – nicht die politische Dimension, auch wenn sich ganz langsam gerade mit den aufgeweckten Freundinnen Feli und Fina so etwas wie ein politisches und gesellschaftliches Bewusstsein formt.

So nah war Friedrich dieser Stoff, dass es kaum Übersetzungsleistung brauchte, um ihn handhaben zu können. Gleichzeitig aber offenbarte die extreme Nähe zur Zeit der Handlung eine erstaunliche Vergänglichkeit: Das Ende von Schachingers Roman fällt zusammen mit der Corona-Pandemie. Erst ein paar Jahre ist das her. Es kommt einem viel länger vor. Im Rückblick scheint Tills Matura auch das Ende einer Epoche zu markieren. Inzwischen: Krieg, Putin, Trump, Krieg … „Krass, wie sehr sich die Welt gedreht hat“, sagt Jan Friedrich.

Echtzeitalter, Premiere Sonntag, 19. April, 19.30 Uhr, München, Volkstheater

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