Zwischen Wirklichkeit und Phantasie Musik und Monsterbäume

Der Kleine Prinz (Finn Uetzmann) begutachtet die zeichnerischen Talente des abgestürzten Piloten (Florian Czapek).

(Foto: Christian Endt)

Theaterverein zeigt Saint-Exupérys "Der Kleine Prinz" als bildgewaltige und detailverliebte Inszenierung

"Bitte zeichne mir ein Schaf" - mit diesem Wunsch beginnt für einen abgestürzten Piloten eine unerwartete Begegnung. Denn als der Kleine Prinz neben ihm in der Wüste auftaucht, traut dieser erst einmal seinen Augen nicht. Trotzdem versucht er den ungewöhnlichen Forderungen des Kleinen Prinzen gerecht zu werden und erprobt sich auf allerlei Weise darin, ein Schaf nach dessen Vorstellungen zu zeichnen.

Auf der Bühne des Theaters am Burgerfeld in Markt Schwaben wird der poetische Stoff des Klassikers von Antoine de Saint-Exupéry kindgerecht umgesetzt, mal in einer stärkeren, mal in einer schwächeren Anlehnung an das Buch. Es ist eine bildgewaltige und detailverliebte Inszenierung, so sind die Affenbrotbäume, die den Planeten des kleinen Prinzen plagen, sich bewegende Ungetüme. Und als der Kleine Prinz den Planet des Eitlen besucht, wird ihm sogleich eine Tanzeinlage geboten. Denn der Eitle lässt selbstverständlich keine Gelegenheit aus, sich in der Aufmerksamkeit junger Damen und dem Anblick seiner Wenigkeit zu sonnen. In mit Glitzer besetzten Kostümen und tänzeln seine Verehrerinnen um den Eitlen herum und gewähren diesem selbstverliebte Blicke in ihre Spiegel. Jede Szene, so Regisseurin Marga Kappl, solle einen "besonderen Effekt" bieten: "Es soll eine Schwebe zwischen Wirklichkeit und Fantasie entstehen". Ganz so wie es dem Piloten ergeht, der immer wieder Halluzinationen befürchtet, soll auch das Publikum im Ungewissen gelassen werden.

Wo die Grenzen zwischen Realität und Fantasie für den Piloten verwischen, gehen schauspielerische Darbietung und musikalische Umsetzung fließend ineinander über. Zu Gesang und den selbstkomponierten Liedern, begleiten Jung und Alt den Kleinen Prinz auf seiner abenteuerlichen Reise. Und freuen sich alsbald über die Fantasie des unerwarteten Besuchers, der sogar die verkannten Meisterwerke aus der Kindheit des Piloten aus dem richtigen Blickwinkel zu verstehen vermag. So erkennt er ohne lange nachdenken zu müssen, dass es sich auf dem einen Bild um eine "Riesenschlange, die einen Elefanten gefressen hat" handelt.

Aber es geht noch unglaublicher: Denn die Reisen, die der Kleine Prinz erlebt hat, lassen jeden Weltenbummler vor Neid erbleichen. An das Wrack des Flugzeugs gelehnt, betrachtet der Pilot gemeinsam mit dem jungen Publikum gespannt, was der Kleine Prinz alles so zu berichten hat. Ermutigt von seiner geliebten Rose geht es von Planet zu Planet. Dabei trifft der Kleine Prinz immer wieder auf neue Persönlichkeiten mit prägnanten Charakterzügen. Vom orientierungslosen Säufer, der die Lippen während des Gesprächs kaum von der Flasche löst, bis hin zu dem Geschäftsmann, der in seine Bilanzen vertieft ist. "Schwer beschäftigt" sei er und dürftig erfreut über den ungebetenen Besuch stellt er in regelmäßigen Abständen klar: "Ich bin ein wichtiger Geschäftsmann". Das beeindruckt den Kleinen Prinzen allerdings nur wenig.

Ganz gleich auf welche vermeintliche Autorität der Kleine Prinz trifft, er nimmt in seiner kindlichen Unschuld kein Blatt vor den Mund und möchte alles von "den großen Leuten" erfahren. Dabei führt er deren Schwächen vor. So hinterfragt der Kleine Prinz die Befehlsgewalt des Königs, indem er nachhakt: "Die Sterne gehorchen Ihnen?" Und zeigt Unverständnis für die Sisyphus-Arbeit des ruhelosen Laternenanzünders, der auf Inline-Skatern von der einen zu der anderen Laterne jagt. Zwischen Mitleid und Erstaunen erkennt der Kleine Prinz, dass dieser zwar der "einzige ist, der nicht nur an sich selbst denkt", aber auch gleichzeitig "nicht selbständig denkt".

Dem Treiben des Geschäftsmanns geht er auf den Grund, als er wissen will, womit dieser überhaupt Handel treibe: "Millionen von was?" In erwachsener Einfältigkeit antwortet dieser: "Diese kleinen Dinger, die am Himmel schwirren. Diese kleinen Dinger, die sich die Verliebten so gern anschauen." Da braucht es einen kurzen Augenblick, bis der Kleine Prinz ausruft: "Ach, Sie meinen die Sterne". Und nur wenige Momente, bis der Geschäftsmann sachlich erklärt: "Deshalb gehören mir die Sterne, weil niemand vor mir daran gedacht hat, sie zu besitzen".

Die Aufführungen finden am 15. und 16. Dezember jeweils um 17 Uhr im Theater am Burgerfeld in Markt Schwaben statt.