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Zwischen Hausdach und Heizungskeller:Markt Schwabens Glücksbringer

Seit 2007 ist Florian Bäuml Bezirkskaminkehrer für den nördlichen Landkreis Ebersberg. Im Laufe der Zeit hat sich sein Beruf stark verändert. Trotzdem bereitet ihm seine Arbeit viel Freude - vor allem wegen seiner Kunden

Ich bin zwar Kaminkehrer, aber ich hasse Schmutz", sagt Schornsteinfeger Florian Bäuml, als er nach einem Kundentermin wieder in sein Auto steigt und sich die Hände mit einem feuchten Tuch säubert. In seiner Gesellenzeit, erzählt er, habe er einen Meister gehabt in dessen Auto man mit den Fingern Nachrichten in den Ruß auf das Armaturenbrett schreiben konnte. In seinem eigenen Auto geht das nicht, er hat zwar sehr viele Mappen mit Formularen und Unterlagen dabei, was etwas chaotisch aussieht, aber sauber ist es.

Florian Bäuml ist als Kaminkehrer für den Bezirk um Markt Schwaben zuständig. Mit dem weitverbreiteten Bild eines Schornsteinfegers hat das aber relativ wenig zu tun. Zwar trägt er schwarze Kleidung, aber weder hat er einen Zylinder auf, noch einen typischen Besen unter dem Arm. "Das tragen wir nur noch zu Showzwecken. Mit dem Zylinder würde ich ja nicht mehr ins Auto passen", sagt Bäuml und lacht. Und nicht nur äußerlich, sondern auch inhaltlich unterscheidet sich seine Arbeit stark von dem althergebrachten Bild. Kamine kehrt er nur noch selten. "Das machen meine zwei Mitarbeiter", erklärt er.

Sein Arbeitstag als moderner Schlotfeger beginnt um fünf Uhr morgens. Dann heißt es aufstehen und um sechs Uhr losfahren, damit er die ersten Termine um Markt Schwaben erreichen kann. Die eigentliche Arbeit beginnt meist gegen acht Uhr. Die recht lange Zeit zwischen Losfahren und Dienstbeginn gehe beim Autofahren verloren, sagt Bäuml. Aus Meilenhofen, einem Stadtteil von Mainburg im Landkreis Kehlheim, muss er jeden Tag rund 95 Kilometer nach Markt Schwaben pendeln.

Reportage Kaminkehrer in Markt Schwaben

Höhenangst darf Florian Bäuml definitiv keine haben. Schließlich verbringt der Kaminkehrer einen großen Teil seines Arbeitstages auf Hausdächern.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Grund dafür seien laut Bäuml die stark veränderten Ausschreibungsregeln. Früher habe man sich auf eine Warteliste eintragen lassen und wäre irgendwann berufen worden. Heute werden die Aufträge von den Bezirksregierungen europaweit ausgeschrieben. Statt einer Warteliste zählten jetzt Qualifikationspunkte. Je mehr Punkte ein Kaminkehrermeister habe, desto eher bekomme er den Zuschlag, erklärt er. In seinem Heimatbezirk habe er zu wenige Punkte gehabt um berufen zu werden, aber für Markt Schwaben habe es gereicht. Seit 2012 arbeitet Florian Bäuml im Norden des Landkreises. Anfang 2019 wurde er für weitere sieben Jahre für den Kehrbezirk Markt Schwaben bestellt.

"Das Licht brennt, das ist schon einmal ein gutes Zeichen", sagt Bäuml, als er auf das Haus eines Kunden in Pliening zufährt. Er hat mit dem Mieter einen Termin für die Abnahme eines Holzofens und eines Kamins vereinbart. Den Ofen im Wohnzimmer betrachtet er ganz genau. Er sucht Kennzahlen und vermisst Rohre und Teile. "Ich nehme alles auf, um sagen zu können - falls mal etwas sein sollte - wie der Zustand war und ob vielleicht was geändert worden ist", sagt der Kaminkehrer. Alles was mit dem Holzofen in Konflikt geraten könnte, ob der Dunstabzug in der Küche oder die Abluftleitung der Gasheizung des Hauses auf dem Dach, nimmt der Kaminkehrer unter die Lupe.

Im Großen und Ganzen ist er mit der Installation des Ofens zufrieden. Das Kaminrohr hat keine Risse und die Gasheizung saugt keinen Ruß des Ofens an. Nur zwei Dinge müssten nachgerüstet werden, meint Bäuml. Die Stufen auf das Dach sind zu weit auseinander. Bei schlechtem Wetter wäre er deshalb gar nicht erst hochgestiegen. "Aber dafür kann der Mieter nichts. Die Besitzerin des Hauses kriegt jetzt von mir eine Benachrichtigung, dass die Stufen nachzubessern sind." Zudem müssen der Mieter und die Hausbesitzerin ein verlängertes Rohr auf dem Kamin installieren, damit die Gasheizung nicht durch den Holzofen verschmutzt wird.

Reportage Kaminkehrer in Markt Schwaben

Abgasmessungen gehören inzwischen zu Florian Bäumls Kerngeschäft.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Sein Beruf habe sich im Laufe der Zeit stark gewandelt, sagt Bäuml. Das klassische Kehren sei nur noch ein Bruchteil der Arbeit. Prüfung, Abnahme und Beratung seien dagegen jetzt seine Hauptaufgaben. Auch dem Plieninger Holzofen-Besitzer gibt er einige Tipps, etwa zum richtigen Anfeuern. Neben den altmodischen Leitern und Besen, finden sich in seinem Auto allerhand verschiedene technische Geräte, ob Endoskop oder eine Schnurkamera für den Kamin. Manche Geräte brauche er nur drei- bis viermal im Jahr, aber es sei immer gut sie dabei zu haben, erklärt der Schornsteinfeger.

Bei seinem zweiten Einsatz an diesem Tag überprüft Florian Bäuml die Gasheizung eines Mehrfamilienhauses in Markt Schwaben. Im Keller ist die neue Heizung verbaut und wartet auf die Abnahme durch den Schornsteinfeger. Die Abgasleitungen müssen darauf überprüft werden, ob sie Lecks haben. Schon beim ersten Hinsehen fällt ihm ein Manko auf: die Rohre sind aus Aluminium. Da durch die Gasheizung ständig Wasser in der Leitung sei, würden die Rohre angegriffen werden und irgendwann sicher Leck schlagen, erklärt Bäuml. In der Leitung haben sich schon viele Rückstände gebildet, die er - natürlich als moderner Kaminkehrer - nicht mit dem Besen entfernt, sondern mit dem Staubsauger, den er sein "kleines Bierfassl" nennt.

Um die Leitung auf Lecks zu untersuchen muss Bäuml mehrmals vom Dach oben in den Keller nach ganz unten. Auf dem Dach steckt er einen Gummischlauch in das Kaminrohr und bläst ihn auf. So dichte er den Kamin ab, erklärt er. Im Keller wiederholt er die Übung, mit dem Zusatz, dass er ein Messgerät anschließt. Wie er schon im Voraus vermutet hat, hält die Leitung dem Druck nicht stand. Um genau zu untersuchen warum, geht er wieder auf das Dach und lässt eine Kamera herunter. Er entdeckt einige Stellen, an denen die Rohre durch Wasser beschädigt sind, sowie weitere kleine Lecks. Hier bleibt nichts anderes übrig, als die Leitungen auszutauschen.

Reportage Kaminkehrer in Markt Schwaben

Auch die Emmisonsmessung von Ölheizungen gehört zum Aufgabengebiet von Kaminkehrern.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Danach will Florian Bäuml die Abgase der Anlage messen. Dazu schaltet er die Heizung in den "Schornsteinfegermodus". Die Heizung verweigert aber den Dienst und lässt sich nicht dazu bewegen warmes Wasser in die Heizkörper zu pumpen. Bäuml sagt, dass er Bedenken habe die Heizung kaputt gemacht zu haben. Eine halbe Stunde lange versucht er die Anlage wieder zum Laufen zu bringen. Dann gibt er auf und ruft den Heizungsmonteur an. Der bestätigt, dass mit der Heizung etwas nicht stimme und nicht der Kaminkehrer daran Schuld ist. "Zum Glück hab ich sie nicht kaputt gemacht", scherzt Bäuml später in seinem Auto.

Normalerweise kann er mit den verschiedenen Heizungstypen umgehen. Fünf Schulungen müsse er im Jahr mindestens besuchen. Dort lerne er die verschiedenen Heizungsmodelle kennen, aber am wichtigsten seien die Gesetzesschulungen, sagt Bäuml. Ob Bundesimmissionsschutzverordnung, Bauverordnungen oder Abgasregelungen - eine Vielzahl von Gesetzen seien für seine Arbeit von Bedeutung.

Beim dritten Einsatz an diesem Tag, prüft Bäuml die Abgaswerte einer Ölheizung. Der Betrieb im Gewerbegebiet von Markt Schwaben hat die Anlage für den Sommer schon abgeschaltet. Bäuml fährt sie zum Test wieder hoch. Vorher packt er aber den Besen aus, um zu sehen ob er viel Ruß aus den Schornstein holen kann. "Ich sattle das Pferd rückwärts auf. Wenn ich Ruß finde, kann ich schon in Vorhinein sagen, ob die Anlage nicht effizient verbrennt", erklärt er sein Vorgehen.

Die Messung mit einer Abgassonde bestätigt dann auch seinen Verdacht. Die Ölheizung hat einen Abgasverlust von zwölf Prozent. "Das heißt, dass das Aggregat zwölf von 100 Liter Öl direkt in Abgase verwandelt", sagt Bäuml. Neun Prozent seien eigentlich nur erlaubt. Mit einer Rußpumpe und einem Papierstreifen misst er den Grad der Verschmutzung. Indem er mit der Pumpe die Abgase der Heizung durch den Papierstreifen zieht, kann er anhand der Verfärbung und einer Tabelle bestimmen, wie stark die Heizung die Luft belastet.

Reportage Kaminkehrer in Markt Schwaben

Kaminkehrer Bäuml bei der Bauabnahme eines Holzofens.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Normalerweise sollte das Papier weiß bleiben, die Heizung in Markt Schwaben verfärbt es aber dunkelgrau, an der Grenze sogar schwarz. Bei der Messung findet er auch heraus, dass die Anlage giftiges Kohlenmonoxid produziert.

Damit ist die Einrichtung durch die Prüfung gefallen, erklärt Bäuml. Der Betreiber müsse jetzt in einer Frist von 14 Tagen den Mangel beseitigen. "Meist wird dann der Kundendienst gerufen. Und wenn der nichts mehr machen kann, dann muss wohl eine neue Heizung her", sagt Florian Bäuml über den weiteren Ablauf.

Wenn dann alle Termine abgearbeitet sind - was sich in Fällen, wie der Gasheizung in Markt Schwaben, auch einmal etwas ziehen kann - geht es wieder zurück in seine niederbayerische Heimat. Vorbei sei der Arbeitstag dann aber noch nicht, die Bürokratie müsse auch noch erledigt werden, sagt Bäuml. "Manche Tage können sich dann auch mal bis 21 oder 22 Uhr ziehen."

Darüber, ob er als Schornsteinfeger tatsächlich Glück bringen kann, ist sich Bäuml nicht sicher. "Aber da soll ja was dran sein", sagt er und lächelt. Gerne gesehen sei er bei den Leuten auf jeden Fall und der Mythos als Glücksbringer helfe da natürlich. Dieser Teil seiner Arbeit sei auch einer der ausschlaggebenden Gründe dafür, dass er seinen Beruf so gerne mache. "Man hat mit so vielen verschiedenen Leuten zu tun", sagt Bäuml. "Manche kenne ich schon so gut, dass ich ihnen die Anmeldekarten ans Auto kleben kann, wenn ich es auf dem Parkplatz vorm Supermarkt stehen sehe."

© SZ vom 03.08.2019
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