bedeckt München 26°

Zum Welttag des Schneemanns:Vergänglichkeit und Fernweh

Dieser Schneemann steht in einem gemütlichen Vorgarten in Frauenneuharting.

(Foto: Photographie Peter Hinz-Rosin)

Ein exlusives Interview mit einem dreikugligen Exemplar aus Frauenneuharting.

Dank der Tatkraft der sechsjährigen Finja und der achtjährigen Sinem hat dieser Schneemann einen gemütlichen Vorgarten in Frauenneuharting bezogen. Ein Gespräch über Eichhörnchen, Einsamkeit und Wiedergeburt.

Warum sind Sie Schneemann geworden?

Schneemann: Das ist ja keine Entscheidung, dazu ist man entweder auserkoren oder nicht. Eine Berufung, wenn Sie so wollen. Gestern Abend war ich zum Beispiel noch unberührter Schnee, eine platte Fläche, ein Nichts, ein Niemand. Doch dann kamen zwei Mädchen und haben sich genau diese Fläche ausgesucht und haben angefangen Schneebälle hin- und herzurollen. Und heute kann ich mit Stolz sagen: Ich bin ein Drei-Kugel-Schneemann. Und es fühlt sich richtig gut an. Ich hatte natürlich auch Glück, dass ich von wirklich engagierten Kindern gebaut wurde. Es gibt ja oft genug Kinder, die Handschuhe oder Mütze zu Hause vergessen und dann jammernd und frierend nach halb getaner Arbeit zum Kakao trinken nach Hause gehen und einen ohne Kopf oder Arme stehen lassen. Diese Kinder haben jedoch auch viel vom Schneemann vom vergangenen Jahr geredet. Das waren echte Experten.

Aber stört es Sie nicht, nur ein vergänglicher Teil einer ewig gleichen Reihe zu sein?

Nein, nein, gar nicht. Ich bin sehr stolz auf die Generationen Schneemänner vor mir. Es ist so schön zu wissen, dass Menschen sich seit Jahrhunderten in jedem Winter einen Schneemann an ihrer Seite wünschen. Vogelscheuchen unterliegen da ja zum Beispiel ganz anderen Moden, die baut doch heute keiner mehr. Und was meinen Sie eigentlich mit vergänglich?

Naja, ewig währt so ein Schneemannleben ja nicht.

Ich will ja auch nicht Methusalem werden. Ewigkeit - was für ein Wort! Daran denke ich doch nicht, wenn ich hier mit Blick auf die Straße stehe und so viele unterschiedliche Laster, Bagger und Autos vorbeifahren. Es gibt noch so viel zu entdecken! Mich besuchen auch sehr oft Vögel und Eichhörnchen. Sehr niedlich. Vor meiner stattlichen Erscheinung haben die natürlich ziemlich viel Respekt und halten Abstand. Das finde ich auch angemessen, so eine Krähe auf dem Hut würde sicher albern aussehen.

Und dass Sie den ganzen Tag in der Kälte stehen, stört Sie nicht?

Nun gut, es gibt natürlich auch Momente, wo mich die Ferne lockt. Ich habe zwar wunderschöne Sicht übers Moor, aber manchmal sehne ich mich durchaus nach Palmen und Strand. Das Problem ist nur, dass man sich in der Fremde so viele Krankheiten einfangen kann. Ich achte da sehr bewusst auf meine Gesundheit. Die Karotte trage ich ja auch nicht zum Scherz. Gerade in den kalten Tagen sind Vitamine immens wichtig. Und hinzu kommt, dass es mir hier gut gefällt. Wenn das Wetter so bleibt, kommen ja vielleicht noch andere Schneemänner hinzu. Und so bald die Kinder weggucken, könnten wir uns dann für eine Runde Schafkopf zusammensetzen.

Was für andere Schneemänner hätten Sie denn gerne um sich?

Unter uns: Diese ewig-gleiche Drei-Kugel-Technik finde ich auf Dauer etwas fad. Ich selbst bin zwar charakterlich eher der klassische Typ, da finde ich das schon passend mit den Kohlestückchen und der Schneeschaufel in der Hand. Aber so ein wildes Schneemonster als Nachbarn, das wäre spannend! Oder ein paar Schneefrauen. Ich bin zwar etwas schüchtern, aber hier im Garten hat man ja genug Ruhe, um sich ganz behutsam näher zu kommen.

Dafür, dass Sie erst gestern geboren wurden, klingen Sie erstaunlich altersweise.

Nun, seit gestern bin ich Schneemann, aber das ist natürlich nicht mein erstes Leben. Wasser gibt es schließlich in allen Aggregatzuständen. Regen, Verdunstung, Wolken, Sie wissen schon, der ganze Zyklus. Wenn sich jemand mal die Mühe machen würde, ein hübsches Schlammgesicht in eine Pfütze zu kratzen - was meinen Sie, was die Ihnen alles erzählen könnte!