Zugunglück von Oberelkofen Ein Schlachtfeld aus Panzern und Toten

Gedenksteine erinnern an die Opfer, die bei dem Zugunglück von Oberelkofen ums Leben gekommen sind.

(Foto: Photographie Peter Hinz-Rosin)

"Man hat die Leichen gerochen, bevor man sie gesehen hat": Das Zugunglück von Oberelkofen am 16. Juli 1945 war eines der schlimmsten in der deutschen Geschichte.

Von Anja Blum, Grafing

"Es war so wahnsinnig heiß in diesen Tagen", sagt Marianne Donath immer wieder. Noch heute schüttelt die 80-Jährige darüber ungläubig den Kopf. Wahrscheinlich hatte die große Hitze auf unheimliche Weise der bedrückenden Stimmung entsprochen damals, im Juli 1945, rund um Grafing. Doch nicht nur das: Die hohen Temperaturen hatten auch fatale Auswirkungen.

"Man hat die Leichen schon gerochen, lange bevor man sie gesehen hat", erzählt Franz Bauer. Außerdem hätten sich bei der Beerdigung die Sargdeckel immer wieder ein wenig gehoben, wie von Zauberhand. Wohl, weil sich darin wegen der Hitze dermaßen viel Gase gebildet hätten, vermutet Donath.

Mindestens 100 Kriegsgefangene starben beim Aufprall der zwei Züge

Marianne Donath aus Schammach, Franz Bauer aus Grafing-Bahnhof und Lilo Pfeiffer vom Goldberg haben als Kinder den Krieg und die Zeit danach in Grafing erlebt, und dazu gehörte eines der bis heute größten Zugunglücke Deutschlands:

Am 16. Juli 1945 prallte auf der Strecke zwischen Aßling und Grafing ein mit US-Panzern beladener Güterzug ungebremst auf einen stehenden Zug, in dem sich pro Waggon rund 40 ehemalige deutsche Soldaten befanden. Sie stammten aus dem Rheinland und Westfalen und sollten von einem US-Lager in Bad Aibling nach Hannover transportiert und dort entlassen werden. Sie hatten den Krieg überlebt - nun starben mindestens hundert von ihnen bei dem Aufprall oder erlagen wenig später ihren schweren Verletzungen.

Die Zeitzeugen Franz Bauer, Lilo Pfeiffer und Marianne Donath.

(Foto: Christian Endt, Fotografie & Lic)

"Die Oberleitung war von den Luftangriffen beschädigt, so dass die Lok zu wenig Strom bekommen hat", erklärt Lilo Pfeiffer. "Deswegen ist der schwere Zug mit den Soldaten irgendwann liegen geblieben." Ihr Vater, damals Eisenbahner in Grafing, soll bereits mehrmals davor gewarnt haben, die Strecke noch zu befahren.

Zur Rechenschaft gezogen wurde später der Fahrdienstleiter aus Aßling, der den Güterzug hatte passieren lassen. Er erhielt eine Gefängnisstrafe. "Der wollte eigentlich aufhören bei der Bahn, das war damals seine letzte Nachtschicht", erinnert sich Pfeiffer an eine weitere Aussage ihres Vaters. "Das war schon tragisch."

Operationen mit dem Taschenmesser

Die Nachricht von dem Unglück verbreitete sich in Grafing wie ein Lauffeuer. Einer der ersten am Ort des Geschehens war Franz Bauer, damals gerade einmal zehn Jahre alt. "Ich bin gleich in der Früh dorthin geradelt und auch ziemlich nah dran gewesen", sagt er. Gekümmert habe das zu diesem Zeitpunkt indes niemanden - "die waren alle ziemlich beschäftigt".

Dem Zehnjährigen, der sich am Abend zuvor noch wegen eines Gewitters unter seiner Bettdecke versteckt hatte, bot sich ein grauenhaftes Bild: ein Schlachtfeld aus Panzern, Zugteilen, Leichen und Verwundeten inmitten der unwegsamen, unberührten Natur rund um die Bahntrasse, die hier durch den Wald führt.

Mehr als hundert Menschen kamen bei dem Unglück ums Leben.

(Foto: privat)

Mitten auf dem Gleis hatten die ersten Helfer einen Küchentisch aus dem Bahnwärterhäuschen aufgestellt, auf dem sie versuchten, die Verwundeten notdürftig zu versorgen. "Die haben, glaub ich, mit dem Taschenmesser operiert", sagt Bauer. "Das sind Dinge, die man nie vergisst."

Im Gedächtnis geblieben ist dem Grafinger auch, dass der Zug der Soldaten kein Personenzug war, sondern "eher ein Viehtransport". Erst auf Betreiben einiger Politiker habe die Bahn eingelenkt und für die Weiterfahrt der Überlebenden ab München einen ordentlichen Zug bereitgestellt. "Das war wirklich ein Fiasko", sagt Franz Bauer.