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Zu teuer:Poing statt München

Laut einer Studie der Technischen Universität wählen zahlreiche Familien aus der Landeshauptstadt als neuen Wohnort die kinderfreundliche und preiswertere Umlandgemeinde

Viele Menschen, die in der Münchener Innenstadt eine Wohnung suchen, werden letzten Endes in Poing fündig. Das ist Ergebnis einer Studie der Technischen Universität München (TUM), die unter Federführung von Alain Thierstein von der Fakultät für Architektur entstanden ist. Die Forscher haben in den vergangenen drei Jahren knapp 1800 Wohnungssuchende im Großraum München begleitet. Dabei kam heraus, dass die meisten Menschen nach Wohnraum im Stadtzentrum von München suchen. Aufgrund hoher Mietpreise sowie eines überschaubaren Angebots in der Innenstadt nehmen viele Wohnungssuchende jedoch im Laufe der Zeit Abstriche bei der Lage in Kauf und beziehen Wohnungen im Münchner Umland, beispielsweise in Poing.

An der Studie hatten sich 50 Poinger beteiligt, die in den Jahren zwischen 2009 und 2012 im Neubaugebiet Zauberwinkel eine Wohnung gefunden haben. 49 Prozent von ihnen hatten ihren vorherigen Wohnort in München. Die Teilnehmer gaben an, dass vor allem zwei Aspekte den Ausschlag dafür gegeben haben, dass sie sich für eine Wohnung in Poing entschieden haben. Zum einen findet man in der Gemeinde leichter großen Wohnraum zu bezahlbaren Preisen als in München, zum anderen wird das Quartier dort als familien- und kinderfreundlich wahrgenommen. Daher sind es laut Studie vor allem Familien, die auf die ein Zuhause in der Münchner Innenstadt verzichten und lieber nach Poing ziehen.

Poings Bürgermeister Albert Hingerl (SPD) ist von den Ergebnissen der Studie nicht überrascht. "Wir haben uns seit Jahrzehnten das Thema Familienfreundlichkeit auf die Fahne geschrieben und sind auf diesem Gebiet auch weiter sehr bemüht", sagt Hingerl. So gebe es in Poing ausreichend Krippenplätze und auch auf die Betreuung von Senioren werde großer Wert gelegt. "Ein weiterer Vorteil, der für Poing spricht, sind die vielen Grünanlagen", ergänzt Helmut Sloim von der Arge Poing Am Bergfeld, welche die Neubaugebiete entwickelt. Mehr als ein Viertel der 725 000 Quadratmeter großen Neubaugebiete mit den Bezeichnungen W1 bis W6 sei Grünanlagen und Spielplätzen vorbehalten.

Die Wissenschaftler der TU München sehen die Entwicklung Poings allerdings nicht nur positiv. So kritisieren sie zum Beispiel die dichte Bebauung im Zauberwinkel. Die geringen Abstände zwischen den Häusern ist Helmut Sloim zufolge aber vor allem der Nachfrage geschuldet: "Wenn sich ein Wohnungssuchender bewusst für Poing und gegen München entscheidet, will er nicht in eine Geschosswohnung ziehen, sondern möglichst einen eigenen Garten haben." Dadurch komme es zwangsläufig zu einer dichten Bebauung.

Ein weiterer Aspekt, den die Studie bemängelt, ist das Fehlen eines Gemeindezentrums mit genügend Einkaufs- und Freizeitmöglichkeiten für die wachsende Poinger Bevölkerung. Auch Bürgermeister Hingerl sieht auf diesem Gebiet Nachholbedarf. "Wir möchten kein Donut-Dorf sein, bei dem außen die Schokolade liegt aber innen das Zentrum fehlt", erklärt Hingerl. Die Forderung vieler Poinger nach der Stärkung des Zentrums und mehr sozialer Infrastruktur nehme er sehr ernst. "Mit dem Ausbau des Marktplatzes und verschiedenen Bauprojekten wie zum Beispiel den beiden neuen Kirchen sind wir auf dem richtigen Weg", sagt der Bürgermeister.

Es sei aber auch klar, dass sich Poing beim kulturellen Angebot nicht mit München vergleichen könne. Hingerl verweist darauf, dass jeder Bau auch Betriebs- und Instandhaltungskosten nach sich zieht: "Man muss auch lernen, etwas nicht zu haben, sonst lädt man sich irgendwann zu viel auf." Zwar gebe es in Poing kein Kino, dafür aber mehr als neunzig Vereine und eine eigenständige, ländliche Kultur mit Volksfesten, Kabarett und dem Wochenmarkt.