Firmenporträt:Muckis ohne Fleisch

Lesezeit: 5 min

Firmenporträt: Philipp Riedl (links) und Luca Gruber (rechts) halten ihre Proteinpulverdosen in die Kamera. Anders als die Dosen der meisten anderen Hersteller bestehen sie ausschließlich aus Pappe.

Philipp Riedl (links) und Luca Gruber (rechts) halten ihre Proteinpulverdosen in die Kamera. Anders als die Dosen der meisten anderen Hersteller bestehen sie ausschließlich aus Pappe.

(Foto: Christian Endt)

Der Markt für Proteinprodukte boomt, die meisten Pulver basieren jedoch auf tierischem Eiweiß. Die beiden jungen Zornedinger Philipp Riedl und Luca Gruber wollten eine vegane Alternative und gründeten kurzerhand ihr Start-Up "Vetain".

Von Merlin Wassermann, Ebersberg

Mit der Unzufriedenheit fing alles an. Vielleicht ein wenig bezogen auf ihre Körper, die die beiden Zornedinger Jungunternehmer Philipp Riedl, 20, und Luca Gruber, 21, noch während ihrer Schulzeit im Fitnessstudio zu formen begannen. Dort lernten sie sich schließlich auch kennen. Viel größer aber war die Unzufriedenheit mit dem Proteinpulver, das sie regelmäßig in Form von Shakes konsumierten.

Jetzt sitzen die beiden im Wohnzimmer der Grubers, zwischen Pulverdosen und Paketverpackungen, die das Logo ihres Startups "Vetain" ziert und erzählen den Gründungsmythos. "Ich habe damals immer ein Pulver auf Molke-Basis verwendet, das sind die üblichsten Shakes", erinnert sich Riedl. "Das habe ich aber nicht gut vertragen, ich habe häufig einen Ausschlag bekommen." Ein bekanntes Problem. Proteinsupplemente auf tierischer Basis enthalten viele Allergene.

Firmenporträt: Der Firmename "Vetain" leitet sich aus den beiden Worten "vegan" und "retain" (eng. "bewahren") beziehungsweise "sustainable" (eng. "nachhaltig") ab.

Der Firmename "Vetain" leitet sich aus den beiden Worten "vegan" und "retain" (eng. "bewahren") beziehungsweise "sustainable" (eng. "nachhaltig") ab.

(Foto: Christian Endt)

Also begann er um 2018 mit der Suche nach einer veganen Alternative. "Die Auswahl war zu dieser Zeit noch gering", so Riedl. Und die Qualität schlecht. Fünf unterschiedliche Pulver probierte der damalige Schüler aus, alle waren "grausam sandig, zu süß, eklig".

Da hatte Riedl die Schnapsidee - oder besser, die Proteinpulvershakeidee - und rief Luca Gruber an: "Wieso machen wir das nicht selbst?" Ursprünglich also nur eine vegane Alternative für sich selbst suchend, machten sich die beiden Fitnessfans ans Werk. Sie riefen bei Großhändlern an, um sich Muster pflanzlicher Proteine schicken zu lassen - was diese, zu ihrer beider Überraschung, auch taten. Ziel war es dabei von Anfang an, eine erstklassige Qualität zu garantieren: "Wir wollten nicht zu Alibaba oder so, sondern Bioprodukte aus Deutschland beziehen", erzählt Gruber.

Während des Lockdowns fanden Riedl und Gruber die Motivation, weiterzumachen

So kam es, dass die beiden in Riedls Hobbykeller saßen und einen Shake nach dem anderen tranken, um die Qualität des Reispulvers von Firma A mit der des Kürbispulvers von Firma B zu vergleichen und so eine optimale Mischung herzustellen.

Auf dieses Warm-Up folgte zunächst eine Auszeit, die Abiturprüfungen standen vor der Tür. Der Lockdown 2020 befeuerte die Sache allerdings wieder und die Massephase der Firmengründung begann. Mithilfe einer Firma, die Fruchtpulver herstellt, erstellten sie einen Prototyp ihres Pulvers, der ihnen viel besser schmeckte, als die veganen Produkte, die sie selbst anfangs getestet hatten. Damit kam die Idee auf, ihre Mischung auch anderen Menschen zugänglich zu machen, schließlich konnten sie nicht die einzigen mit diesem Problem sein.

Der Firmenname "Vetain", eine Mischung aus "vegan" und "retain" oder "sustainability", war schnell gefunden und mit ihm die Werte, die sich die Unternehmer auf die Fahne geschrieben haben: vegan, nachhaltig, biologisch, beste Qualität, wo möglich aus Deutschland bezogen.

Die Anschubfinanzierung erfolgte über eine Crowdfundingseite

Das zog direkt einige Herausforderungen nach sich, beginnend bei den Dosen. Riedl und Gruber wollten solche ohne Plastik oder Aluminium, mussten sich dafür aber auf eine lange Suche begeben. Sie wurden fündig bei einem Anbieter in Köln, der Dosen rein aus Pappe und Papier herstellt - die allerdings zehnmal so teuer sind wie normale. Zusammen mit den Mindestbestellmengen bei den Lebensmittelgroßhändlern und dem erhöhten Preis für deutsche Bioprodukte, stellte sich bald die Frage nach der Finanzierung.

"Die UG haben wir mit unserem eigenen Geld gegründet", sagt Gruber. Aber für Dosen und Pulver reichte das Kapital nicht. So entschieden sich die beiden, ganz modern auf eine Crowdfundingkampagne zu setzen. Sie stellten ihr Produkt und ihre Firmenvision im Internet vor und wer davon überzeugt wurde, spendete oder bestellte etwas vor. "Innerhalb von drei Wochen haben wir so 16 000 Euro gesammelt", erzählt Riedl. Das reichte für die erste Warenlieferung.

Die Wissenschaft steht Proteinpulver eher skeptisch gegenüber

Die allerdings gleich wieder bedroht wurde. Der Ukrainekrieg verzögerte alle Lieferungen und das Jahrhunderthochwasser 2021 weichte die Dosen auf, was den Zeitplan abermals nach hinten versetzte. Im Oktober letzten Jahres war es dann so weit, die ersten Dosen wurden verschickt, bis März 2022 war alles verkauft.

Doch braucht es das überhaupt? Schließlich gibt es mittlerweile viele Anbieter, die veganes Pulver verkaufen, manche auch in Papierdosen. Außerdem ist sich die Wissenschaft einig, dass Proteinpulver in den allermeisten Fällen nicht nötig ist, um seinen Eiweißbedarf beim Kraftsport zu decken.

So empfiehlt etwa die "Arbeitsgruppe für Sporternährung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung" in einem Positionspapier von 2020, "dass eine veränderte Proteinzufuhr primär über eine Optimierung der Ernährung erreicht werden sollte." Es gäbe außerdem "keine wissenschaftliche Evidenz aus kontrollierten Studien, dass physiologische Trainingsadaptionen nur durch Supplemente mit einer spezifischen Aminosäurezusammensetzung erzielt werden könnten." Auf Deutsch: Proteinpulver braucht es eigentlich nicht.

Firmenporträt: Fünf unterschiedliche Geschmackssorten gibt es bei Vetain. Das Pulver stammt aus Deutschland, lediglich manche der Geschmacksstoffe müssen importiert werden.

Fünf unterschiedliche Geschmackssorten gibt es bei Vetain. Das Pulver stammt aus Deutschland, lediglich manche der Geschmacksstoffe müssen importiert werden.

(Foto: Christian Endt)

Riedl und Gruber sehen das locker. Zwar könne man kann auch durch eine angepasste Ernährung auf seinen Proteinbedarf kommen. Streng genommen seien die Shakes also nicht zwingend nötig. "Sie sind allerdings praktisch, das ist nicht zu vernachlässigen", so Riedl. Und Gruber ergänzt: "Besonders Veganer müssten sonst einfach sehr viel mehr essen, um ihren Bedarf zu decken." Längst nicht jeder ist dazu bereit.

Was die Konkurrenz betrifft, sehen sich die beiden ebenfalls auf der sicheren Seite. "Wir haben jedes Produkt nicht nur mithilfe eines Labors zusammengestellt, sondern auch selbst getestet", sagt Riedl. Sie wüssten genau, was in ihren Pulvern ist, wo die Zutaten herkommen und auch, wie sie schmecken. Darüber hinaus setzen sie auf Transparenz, zeigen ihren Käuferinnen und Käufern, von wo sie ihre Produkte beziehen. Schließlich sind sie auch bedacht auf CO2-Neutralität, weswegen sie mithilfe von "Eden Projects" Mangroven in Madagaskar pflanzen lassen. So lange die Kunden also konsumieren wollen, so die beiden Gründer, wollen sie im Gegenzug ein gutes Produkt liefern.

Das vegane Pulver kommt bei den Kunden gut an

Und konsumieren wollen die Kunden. Das Feedback ist gut, nur manchmal ist der Geschmack gewöhnungsbedürftig. "Andere Pulver sind einfach sehr süß", so Riedl. "Vor kurzem habe ich mal wieder eines probiert, das war, wie ein Glas Nutella zu trinken." Viele kehren den süßen Pulvern jedoch gerne den Rücken. Mittlerweile werden pro Tag 40 Pakete à drei Dosen Vetain-Pulver verschickt, Tendenz steigend.

Das liegt auch am Marketing. Genauso gründlich wie das Aminosäureprofil, haben Gruber und Riedl das Onlineprofil Vetains geschärft. Über Instagram verbreiten sie ihre Werbung, "die muss immer auf sehr hohem Niveau sein. Die Leute sind sehr verwöhnt, was das anbelangt", findet Gruber. Da ist die Genugtuung, dass alles gut ankommt, für die beiden umso größer.

Deswegen wollen Riedl und Gruber auch unbedingt weitermachen. Noch haben sie sich von "Vetain" kein Gehalt ausgezahlt, aller Gewinn fließt wieder ins Unternehmen. Damit wollen sie nicht nur eventuell ihre Produktpalette erweitern, sondern sich auch stärker für Umweltschutz engagieren, auch auf lokaler Ebene in Deutschland. "Noch fehlt uns dafür das Kapital", so Riedl. "Aber wir sind zuversichtlich, dass wir wachsen können, um weitere Projekte umzusetzen." Bis es soweit ist, mag es noch eine Weile dauern, für den Anfang können sie aber jetzt schon zufrieden sein.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB