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Zorneding:Pflicht zur Lücke

Die Erben der Antoniuskapelle möchten auf dem Grundstück ein Haus baue. Während rund herum Neubauten entstehen, stellt sich die Gemeinde aber gegen den Wunsch der Familie - obwohl die sich seit Jahren um das barocke Kirchlein kümmert

Die Sage von der Zornedinger Antoniuskapelle liest sich wie ein kitschiger Roman. Demnach hat die Posthaltertochter den Postillon geliebt - gegen den Willen des Vaters. So sollen sie sich heimlich getroffen und gelobt haben, am Platz ihres Stelldicheins ein kleines Gotteshaus zu errichten, wenn sie jemals heiraten könnten. Tatsächlich soll es indes kein armer Postillon, sondern der Sohn des Wirts Ignatius Koch gewesen sein, der die Kapelle errichten ließ. So oder so bezeugt das barocke Kirchlein mit Zwiebelturm ein Happy End. 332 Jahre später hoffen nun die heutigen Besitzer des Baudenkmals, Martina (65) und Ernst Schwarz (66) sowie ihr Sohn Tobias (31) ebenfalls auf ein Happy End. Die Familie, die die Posthalterei und die Antoniuskapelle 1917 erbte, will seit Jahren auf dem Grundstück ein Haus bauen. Doch im Flächennutzungsplan ist das Hanggrundstück als Grünfläche eingezeichnet - eingeschlossen von Bauland.

Aktuell kann man kaum behaupten, dass die Kirche idyllisch liegt. Erhaben, das ja, aber auf dem Nachbargrundstück An der Flur entsteht eine Wohnsiedlung, in der etwa 100 Menschen ein neues Zuhause finden sollen. Bagger und Laster rumpeln seit Wochen die Straße entlang, Mehrfamilienhäuser, Einfamilienhäuser und eine Kindertagesstätte mit Tiefgarage hat der Bauträger geplant. Nur einige Meter vom Portal der Kapelle entfernt werden wohl schon im kommenden Sommer Familien auf ihren Terrassen sitzen und grillen. Die mächtigen Bäume, die sich direkt vor der Kapelle an der Grundstücksgrenze in den Himmel gereckt hatten, wurden gefällt.

Tobias Schwarz und seine Mutter Martina kümmern sich um die Kapelle, neben der in den kommenden Monaten eine Wohnsiedlung entstehen soll.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Das Landesamt für Denkmalschutz hatte "erhebliche Bedenken gegen die Planungen" erhoben und gefordert, den Abstand zwischen Kapelle und neuer Bebauung "erheblich zu vergrößern". "Ein Grüngürtel sollte die Kapelle von der Neubebauung abschirmen" heißt es in der Stellungnahme weiter. Zornedings Bürgermeister Piet Mayr (CSU) hält den Abstand für ausreichend. Man werde das noch hübsch machen, mit einem schönen Weg zur Kapelle hinauf. Momentan führt lediglich ein Trampelpfad durch die Wiese. Die Bedenken des Denkmalsamts teilt er - sowie die Mehrheit des Gemeinderats - nicht. Lediglich Peter Pernsteiner (FDP) hatte gefordert, das älteste Gebäude Zornedings in Absprache mit dem Bauträger besser abzuschirmen.

Doch wie soll das gehen, wenn jeder Quadratmeter Baufläche so viel Geld wert ist, dass es sich ein Bauträger nicht leisten kann, einen oder zwei Meter Baugrund ungenutzt zu lassen? Jeder will das Maximale rausholen. Die Familie Schwarz beansprucht nun für sich, auf dem Grundstück der Kapelle ebenfalls bauen zu dürfen. Ein Haus anschließend an die bestehende Wohnbebauung in der Straße An der Flur will Tobias bauen. "Nur ein Haus", betont er. Doch der Bürgermeister sieht "aktuell keine Mehrheit im Gemeinderat", die Grünfläche zu Bauland zu machen.

So sieht die Antoniuskapelle heute aus.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Das Grundstück rund um die Kapelle soll grüne Wiese bleiben. Ein Fleck unberührter Natur mit hohem Freizeitwert: Im Winter rodeln hier die Kinder aus der Umgebung im Sonnenschein, Spaziergänger erfreuen sich an der Ruhe an der Antoniuskapelle, die vielen Zornedingern zur geschätzten grüne Oase geworden ist, selbst der Bürgermeister schwärmt von dem Rodelberg als "einem der letzten in der Gemeinde". "Unsere Pflicht ist es, alle Zornedinger Bürger im Blick zu haben", sagt Diana Saiger und pocht auf die kommunale Planungshoheit. 1999 schon lehnte der Gemeinderat einen Bauantrag der Familie Schwarz ab, eine mündliche Anfrage in diesem Jahr wurde mit dem gleichen Ergebnis beschieden . "Es geht um die Sichtachse zur Kapelle, die von der Straße aus erhalten bleiben soll", sagt Piet Mayr .

Erst lässt die Gemeinde also einen Bauträger bis auf wenige Meter an die Kapelle heranbauen, um dann ein Baugesuch mit weit größerem Abstand zu dem Gotteshaus abzulehnen. Schließlich begründet man die Ablehnung auch noch mit der Bedeutung eben jener Kapelle, die ausgerechnete die Wirtsfamilie Schwarz seit Jahrzehnten hegt und pflegt. Alle paar Jahre war die Feuchtigkeit derart in die alten Mauern gezogen, dass eine umfangreiche Sanierung erforderlich war. Viele tausend Euro hat die Familie bereits in die Kapelle investiert, Martina Schwarz kümmert sich um frischen Blumenschmuck auf dem Altar und die Bepflanzung. Zum Patrozinium des heiligen Antonius von Padua, dem Schutzheiligen für die Ehe, findet jedes Jahr im Juni eine Messe statt, in den Sommermonaten dann monatlich ein Rosenkranz. Die Kapelle, sagt Tobias Schwarz, liege ihm sehr am Herzen. Er selbst wurde hier getauft. "Ich würde den Grund nie hergeben."

"Sonnenresidenz" nennt der Bauträger das Areal.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Ein Tauschangebot von der Gemeinde gab es bereits. Doch weder Tobias Schwarz noch seine Mutter Martina wollten je ein anderes Grundstück in der Gemeinde. Sie wollen lediglich ein einziges Haus auf dem Grundstück bauen. Ein Wunsch, den sogar der Bürgermeister als "durchaus nachvollziehbar" bezeichnet. Doch baurechtlich lasse sich da nichts machen, sagt Diana Saiger. "Wenn erst einmal angefangen wurde, das Grundstück zu bebauen, dann gibt es einen Bezugsfall." Die Verweigerung von weiterem Baurecht sei dann kaum mehr möglich. Sollten also Tobias Schwarz - oder seine Erben - eines Tages ein zweites Haus bauen wollen, wäre es vorbei mit der Sichtachse und dem Rodelberg. Und wenn man lediglich ein einziges Haus in den Plan einzeichne? "Dann wäre das ein Gefälligkeitsbebauungsplan ohne erkennbare städtebaulicher Motive und damit angreifbar", sagt Saiger.

Martina Schwarz und ihrem Sohn fällt es schwer, das einfach hinzunehmen. Sie fühlen sich benachteiligt. Alle Zornedinger sollen von der Kapelle und dem hübschen Fleckchen profitieren dürfen, nur sie nicht. Sie dürfen sich drum kümmern. Eine Leistung, die von der Gemeinde durchaus gesehen wird, wie Diana Saiger betont. "Wir verkennen das nicht."

© SZ vom 02.10.2015
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