Gegen fröhliche Familien, für maximale Sicherheit. So hat, zugespitzt formuliert, die Gemeinde Zorneding nun entschieden. Dort hätte am kommenden Samstag ein traditionelles Kinderfest stattfinden sollen – doch der organisierende Verein kann die Sicherheitsauflagen, die das Rathaus vorgegeben hat, nicht erfüllen. Man habe massive Auflagen insbesondere bei der „Terrorabwehr“ zum Schutz vor sogenannten Überfahrtaten bekommen, schreibt der Veranstalter in seiner Absage des Festes.
Nach den Anschlägen in Magdeburg und München stellt sich also auch in Zorneding und an anderen Orten bei größeren Menschenansammlungen die Frage: Wie groß ist das Risiko einer Amokfahrt oder vergleichbaren Taten? „Der Veranstalter trägt immer die Verantwortung, er muss sich Gedanken machen über die Sicherheit“, erklärt Florian Schwaiger von der Polizei in Poing. Er müsse seine Pläne bei der jeweiligen Gemeinde anmelden, die dann entscheide, ob sie eine Genehmigung erteile oder eben nicht. Dabei könne sie auch Auflagen machen, zum Beispiel zum Sicherheitskonzept. Die Polizei wiederum ist nur beratend tätig. „Wir bringen gerne unsere Expertise ein, für Kommunen und Veranstalter“, sagt Schwaiger. Und natürlich flössen da aktuell auch viele Erkenntnisse und Erfahrungswerte zu Überfahrtaten ein.
Das Problem in Zorneding: Der Herzogplatz, wo das Daxenberger Kinderfest seit mehr als 50 Jahren stattfindet, hat sechs mögliche Einfahrten. Wie mit ihnen bei Festen umzugehen ist, hängt von der jeweiligen Risikobewertung ab. Und hier sind sich der Veranstalter und die Gemeinde eben uneins: Der Arbeitskreis Jugend Zorneding-Pöring sieht eine geringere Gefährdung, das Rathaus eine höhere – was bedeutet, dass die Zufahrten gesperrt werden müssten.
Drei von ihnen könnten vom Bauhof mit Betonblöcken versperrt werden, die anderen drei aber gelten als Rettungswege. Sie müssten also ebenfalls geschlossen, im Notfall jedoch jederzeit für Krankenwagen, Polizei oder Feuerwehr passierbar sein. Das heißt: Es wären mobile Sperren notwendig. Etwas, was die Gemeinde bislang nicht besitzt.
„Wir haben wirklich versucht, Lösungen zu finden“, sagt Michael Slopianka vom Arbeitskreis Jugend. So sei zunächst angedacht gewesen, die Rettungswege mit privaten Fahrzeugen zu versperren, die man im Notfall jederzeit hätte wegfahren können. Doch das sei der Integrierten Leitstelle zu unsicher gewesen: „Wir haben dann zusätzlich noch die Auflage bekommen, dass die Fahrzeuge permanent besetzt sein müssten, von 9 bis 24 Uhr, so lange nämlich dauert das Kinderfest.“ Aber das sei ein Personalaufwand, den der Verein mit wenigen Ehrenamtlichen definitiv nicht stemmen könne. Und eine Verlegung an einen anderen, sichereren Ort komme nicht infrage, der langen Tradition wegen. Deshalb nun die Absage.
Doch ist die Sorge vor einer Amokfahrt in Zorneding überhaupt berechtigt? „Es gibt kein global gültiges Vorgehen“, sagt Schwaiger von der Polizei. Sicherheitskonzepte bei Veranstaltungen seien vielmehr immer individuelle Entscheidungen, denn: „Jedes Fest ist anders.“ Eine Rolle spielten natürlich die räumlichen Gegebenheiten, aber auch inhaltliche Aspekte. Zum Beispiel die Frage, ob es sich um eine kontroverse Veranstaltung handle oder eben nicht. Abzuwägen zwischen Freiheit und Sicherheit ist ja immer ein Balanceakt – deswegen sei es so wichtig, jede Situation möglichst genau zu betrachten. „Es sollte jedenfalls nichts abgesagt werden müssen.“
Der Bürgermeister sieht die Verantwortung auch beim Verein: Dieser habe sich zu spät gemeldet
Der Zornedinger Bürgermeister bedauert es nach eigenem Bekunden sehr, dass das Kinderfest heuer nicht stattfinden wird. „Das gibt es schon seit Jahrzehnten – und ich war immer dabei“, sagt Piet Mayr (CSU). Doch was wäre, wenn dann doch etwas passierte? Er wolle ja nicht den Teufel an die Wand malen, erklärt der Rathauschef, aber es gebe eben „so viele Verrückte auf dieser Welt“, dass kein Ort mehr wirklich sicher sei. Außerdem sei heutzutage ja jede noch so kleine Veranstaltung im Internet zu finden – als potenzielles Anschlagsziel, meint er. Deswegen sei es unabdingbar, bestmöglich für Sicherheit zu sorgen. Politisch werde ihm diese Entscheidung zwar vermutlich „um die Ohren fliegen“, sagt Mayr. „Aber ich musste sie so treffen.“
In der Verantwortung sieht Mayr allerdings auch den Veranstalter: Dieser habe sich mit seinem Sicherheitsproblem deutlich zu spät ans Rathaus gewandt. „Innerhalb von ein paar Tagen nämlich ist es sehr schwierig, eine Lösung für sowas zu finden.“ Zum Beispiel wäre es gerade für ein Kinderfest doch toll gewesen, sagt der Bürgermeister, die Feuerwehrkräfte mit der mobilen Sperrung der Rettungswege zu betrauen. „Die hätten die notwendigen Fahrzeuge und das Personal für sowas.“ Doch just an diesem Wochenende stünden bei den Rettern Großübungen an, sodass diese leider nicht zur Verfügung stünden.
Der Rathauschef will nun alle Vereine anschreiben und auf das Problem aufmerksam machen: Sechs Wochen Vorlauf seien notwendig, um gemeinsam ein tragfähiges Sicherheitskonzept zu erarbeiten, sagt er. Außerdem habe in Zorneding ohnehin schon eine sehr wichtige Diskussion über Sicherheit begonnen, im Gemeinderat werde das Thema ebenfalls demnächst besprochen. „Wir müssen uns überlegen, welche Maßnahmen wir ergreifen wollen, zum Beispiel fände ich es sinnvoll, mobile Sperren anzuschaffen.“
In die Zukunft blickt Mayr jedenfalls optimistisch: Im nächsten Jahr sei das Kinderfest am Herzogplatz sicher wieder möglich, verspricht er. Der Veranstalter wiederum hofft, „dass dann die Sicherheitsauflagen auch für einen kleinen Verein wie den Arbeitskreis Jugend handhabbar sein werden“. Für Slopianka steckt dahinter aber auch eine ganz grundsätzliche Frage: „Wollen wir uns als Gesellschaft wirklich so einigeln? Wie können wir hier das richtige Maß finden?“ Dass deutsche Gründlichkeit seitens der Behörden künftig Veranstaltungen von kleinen Vereinen verhindere, könne jedenfalls nicht die Lösung sein.

